75 Jahre Memorial Day Massaker

Von Tom Eley
30. Mai 2012

Es war der 30. Mai 1937, der amerikanische Memorial Day, als die Polizei von Chicago das Feuer auf unbewaffnete Arbeiter eröffnete. Sie hatten sich während des „Little-Steel“-Streiks an einer Demonstration gegen Republic Steel beteiligt. Zehn Menschen wurden getötet, Dutzende weitere verwundet. Die meisten Arbeiter wurden von Schüssen in den Rücken getroffen, als sie zu fliehen versuchten. Weitere 28 wurden von Polizeiknüppeln verletzt; neun von ihnen blieben dauerhaft behindert.

Nach dem Massaker weigerte sich Präsident Franklin Delano Roosevelt – ein Demokrat und angeblicher „Freund der Arbeiter“ – ausdrücklich, die Morde zu verurteilen oder sich zugunsten der Stahlarbeitergewerkschaft in den Streik einzumischen. Dabei hatte der Gewerkschaftsbund, das damalige Committee for Industrial Organization (CIO), ihn in der Wahl von 1936 unterstützt. (Im darauffolgenden Jahr wurde der CIO in den Congress of Industrial Organizations umgewandelt). Stattdessen äußerte Roosevelt sich dahingehend, die Arbeiter seien größtenteils selbst an der Gewalt schuld.

Die streikenden Stahlarbeiter forderten die Anerkennung ihrer Gewerkschaft, der Steel Workers Organizing Committee (SWOC), aus der im Jahr 1942 die United Steel Workers of America (USW) hervorgehen sollten. SWOC gehörte zum CIO, der zuvor aus der American Federation of Labor (AFL) ausgetreten war. Zuvor hatte die AFL, die von „Zunftgewerkschaften“ dominiert war, jahrzehntelang alle Versuche vereitelt, die Arbeiter in den großen Industriebetrieben zu organisieren.

In den Monaten vor dem Streik hatten die Gewerkschafter, die an der Spitze von SWOC standen, mit dem größten Unternehmen der amerikanischen Stahlbranche, der Big Steel Company, einen Tarifvertrag und die Anerkennung als Gewerkschaft ausgehandelt. Damit hofften sie, dass die kleineren Stahlunternehmen – Republic Steel, Bethlehem Steel, Youngstown Sheet and Tube, National Steel, Inland Steel und American Rolling Mills (umgangsspr. „Little Steel“) – auch nachziehen würden.

Stattdessen kämpften die kleinen Stahlfirmen erbittert gegen die gewerkschaftliche Organisierung. Laut einem Historiker kauften die Stahlfirmen, als Vorbereitung auf das gewaltsame Vorgehen gegen Arbeiter, zwischen 1933 und 1937 mehr Brechreiz verursachendes Reizgas als das US-Militär.

Die Stahlfirmen folgten damit dem Modell der Arbeitsbeziehungen, wie sie in den USA seit den 1870er Jahren vorherrschten. Diese Zeit war geprägt von Massakern an Arbeitern, dem Einsatz von Spitzeln und Schlägern durch die Unternehmen, gerichtlichen Verboten und arbeiterfeindlicher Gewalt durch den Staat. Das Memorial Day-Massaker ist bis heute eine Warnung vor der Rücksichtslosigkeit, mit der die amerikanische Kapitalistenklasse gegen Arbeiter vorgeht und ihnen bittere und blutige Schlachten liefert, wenn sie auch nur um grundlegende Reformen kämpfen.

Die wichtigste Lehre aus diesem Ereignis ist, wie wichtig Politik, Perspektive und Führung im Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse sind.

Das Memorial Day-Massaker und Roosevelts Rede einen Monat später zeigten den Bankrott der politischen Perspektive des CIO: Gegen Sozialismus, für Nationalismus und die Unterordnung der Arbeiterklasse unter die Demokratische Partei.

Der CIO wurde als Reaktion auf die Arbeiterunruhen während der Großen Depression gegründet. Diese Unruhen begannen 1934 mit Generalstreiks in Minneapolis, Toledo und San Francisco. 1936 und 1937 kam es in den Autowerken von Michigan zu Sitzstreiks, die sich auf die gesamte nordamerikanische Autoindustrie und auf andere Branchen ausbreiteten. Dies führte zur Gründung und zum Wachstum der United Auto Workers (UAW).

Bei all diesen Streiks, und bei den meisten anderen großen Kämpfen in den Dreißigern (die sich durchaus mit den revolutionären Erhebungen in Frankreich und Spanien messen konnten) spielten Sozialisten und sozialistisch gesinnte Arbeiter die Hauptrolle, auch in der Stahlbranche. Hier bildete sich schon 1933 eine Gruppe namens Rank-and-File-Movement, die gegen die bankrotte Perspektive der AFL kämpfte.

An der Spitze der CIO standen John L. Lewis von den United Mine Workers (UMW) und Sidney Hillman von den Amalgamated Clothing Workers of America (ACWA). Die CIO-Führung versuchte von Anfang an, die Arbeiterbewegung vom Sozialismus abzubringen und zu einem Bündnis mit der Demokratischen Partei zu bewegen. Dabei unterstützte sie die stalinistische Kommunistische Partei der USA, die Roosevelt im Rahmen der konterrevolutionären Volksfront unterstützte, einer Politik, die ihr von Moskau diktiert wurde.

Diese Perspektive war bereits zum Zeitpunkt des Memorial Day-Massakers veraltet. Die Sitzstreiks von Ende 1936 bis Anfang 1937, durch die die UAW von General Motors und Chrysler als Gewerkschaft anerkannt wurden, waren der Höhepunkt der CIO. US Steel wollte durch Anerkennung der SWOC-CIO genau die Art von explosiven Kämpfen vermeiden, die Monate zuvor Detroit und Flint erschütterten und ihren Rivalen Marktvorteile verschafft hatten.

Bis zum Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg gab es keine großen organisatorischen Durchbrüche. Dann boten CIO und AFL Roosevelt und der amerikanischen Bourgeoisie ihre Dienste an und versprachen, für die Dauer des Krieges nicht zu streiken. Erst jetzt organisierte der CIO „Little Steel“ und die Ford Motor Company. Die Südstaaten, in denen es kaum Gewerkschaften gab, wo die Rassentrennung fortbestand und die von Demokraten dominiert wurden, ließ man unangetastet.

Trotzki, der die Entwicklung in Amerika aus seinem letzten Exil in Mexico City verfolgte, wusste um das Potenzial der Arbeitererhebungen, und welche politische Falle die Bürokraten vorbereiteten.

„Der Aufstieg der CIO ist ein unumstößlicher Beweis, dass es unter den arbeitenden Massen revolutionäre Tendenzen gibt“, schrieb er 1940. „Aufschlussreich und höchst bemerkenswert ist jedoch, dass die neuen ‚linken‘ Gewerkschaften schon kurz nach ihrer Gründung in die stählerne Umarmung des imperialistischen Staates fielen. Der Kampf an der Spitze, zwischen dem alten und dem neuen Gewerkschaftsbund ist im Grunde ein Kampf um die Sympathie und die Unterstützung durch Roosevelt und sein Kabinett.“

Trotzki sah, dass der CIO schon bei seiner Geburt die Keime seiner Zerstörung in sich trug. Diese Ansicht wurde vollkommen bestätigt.

Unmittelbar nach dem Krieg rückten die Gewerkschaften scharf nach rechts. Nach der massiven Streikwelle von 1945-46, der größten Streikwelle der amerikanischen Geschichte, begann der CIO eine antikommunistische Hetzkampagne und säuberte seine Reihen von sozialistischen und militanten Arbeitern, die die großen Kämpfe von 1933-1937 angeführt hatten. Damit demonstrierte der Gewerkschaftsbund definitiv, dass er den Kapitalismus im eigenen Land verteidigte und im Ausland den amerikanischen Imperialismus und den Kalten Krieg unterstützte. Auf dieser reaktionären Grundlage vereinigte sich der CIO im Jahr 1955 wieder mit der „Unternehmergewerkschaft“ AFL.

Der korporatistische „Sozialvertrag“, den die Gewerkschaftsführer, die Konzerne und die beiden Wirtschaftsparteien Ende der 1940er ausgehandelt hatten, konnte aufrechterhalten werden, solange die amerikanische Industrie den Weltmarkt dominierte. Seine Grundlage war die Verteidigung privater Profite und des US-Imperialismus im Ausland. Auf dieser Grundlage durften sich die Gewerkschaften mit an den Tisch setzen, und die Arbeiter erhielten geringe materielle Zugeständnisse.

Als die Dominanz der US-Industrie über den Weltmarkt in den 1970ern und 1980ern schwand, verwandelte sich die AFL-CIO in eine Instrument der Konzerne für die Durchsetzung von Massenentlassungen, Lohnsenkungen und Mehrarbeit.

Mit dem weltweiten Zusammenbruch des kapitalistischen Systems nach dem Börsenkrach vom September 2008 erreichte diese arbeiterfeindliche Politik ein neues Stadium. Heute haben sich die Gewerkschaften gänzlich in Werkzeuge der Wirtschaft verwandelt. Sie beliefern sie mit billigen Arbeitskräften und erhalten dafür einen Teil der Gewinne, die die Arbeiter erwirtschaften. Sie beteiligen sich an einer sozialen Konterrevolution, deren Ziel es ist, die Errungenschaften rückgängig zu machen, die die Arbeiterklasse im letzten Jahrhundert erkämpft hat.

Bei den Wahlen 2012 werden die Gewerkschaftsführer noch mehr Geld als jemals zuvor ausgeben, um mit Barack Obama einen Präsidenten an der Macht zu halten, der im Gegensatz zu Roosevelt in den 1930ern keinen Bezug zu Sozialreformen hat. Obama hat Billionen von Dollars an die Wall Street verteilt, die Löhne in der Autoindustrie gesenkt und weitreichende Angriffe auf das öffentliche Bildungssystem und andere Sozialleistungen durchgesetzt.

Die ultimative Lehre aus dem Memorial Day-Massaker lautet, dass sich die Arbeiter nicht auf die Parteien und Politiker der herrschenden Klasse verlassen können. Sie müssen ihre eigene Partei aufbauen, um für die Interessen der Arbeiterklasse zu kämpfen. Das bedeutet einen Kampf für das Ende des kapitalistischen Systems und die Umgestaltung der Wirtschaft zur Deckung sozialer Bedürfnisse statt privatem Profit – was nur auf einer sozialistischen Grundlage möglich ist.

Dies ist die Perspektive der Socialist Equality Party, für die Jerry White und Phyllis Scherrer im Jahr 2012 zur Präsidentschaftswahl antreten. Wir fordern alle Arbeiter und Jugendlichen, die einen Weg suchen, gegen Arbeitslosigkeit, Armut und Krieg zu kämpfen, dazu auf, aktiv unseren Wahlkampf zu unterstützen, unser Programm zu lesen und sich der SEP anzuschließen.