Kony 2012:

Stimmungsmache für „humanitäre“ US-Intervention in Afrika

Von Bill Van Auken
15. März 2012

Die Medienkampagne rund um das dreißigminütige Video „Kony 2012“ dient unter dem Vorwand „humanitärer“ Gründe der Stimmungsmache für eine amerikanische Militärintervention in Afrika. Der Film stellt den Führer der Lord’s Resistance Army (LRA) in Uganda, Joseph Kony, an den Pranger.

Das Video wurde auf YouTube millionenfach angeklickt. Es zeigt das Leid der ugandischen Bevölkerung, vor allem der Kinder, im langen Kampf zwischen der paramilitärischen, christlich-fundamentalistischen LRA und der Regierung von Präsident Yoweri Museveni, die von den USA unterstützt wird. Zweifellos hat es viele Menschen berührt, vor allem jüngere, die wenig von der komplexen Geschichte der Region und den mannigfaltigen Interessen dahinter wissen.

Die Botschaft der Kampagne erhielt durch eine Reihe von Prominenten Rückendeckung. Oprah Winfrey, George Clooney, Sean „Diddy“ Combs, Rihanna und vier Mitglieder der Familie von Kim Kardashian, die aus einer Reality-Show bekannt sind, äußerten über Twitter ihre Unterstützung. Auch die Massenmedien verteidigten das Video kritiklos. Nachrichtensprecher verglichen es mit dem Einsatz sozialer Medien während der Massenrevolten in Tunesien und Ägypten im letzten Jahr.

In Wirklichkeit ist nichts an „Kony 2012“ radikal oder oppositionell. Das ausdrückliche Ziel der Kampagne ist es, die Öffentlichkeit für eine Fortsetzung und Eskalation einer der ersten direkten Militärinterventionen des Africa Command (AFRICOM), des für Afrika zuständigen Generalkommandos des Pentagon, zu gewinnen.

Im Oktober letzten Jahres kündigte die Obama-Regierung an, weitere einhundert bewaffnete „Militärberater“, die meisten davon Mitglieder von Spezialeinheiten, nach Zentralafrika zu schicken. Ihre Aufgabe war es, Kony und andere LRA-Führer zu jagen und entweder zu fangen oder zu töten. Invisible Children, die Organisation hinter der Kampagne, behauptet, es ginge darum, Kony vor den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) zu bringen. Die US-Regierung beteiligt sich jedoch nicht am ICC und hat nie gesagt, dass sie ihn in ihre Operationen in Zentralafrika mit einbeziehen wolle.

Präsident Barack Obama wurde in einem offenen Brief vom 7. März, der in Zusammenhang mit dem Video veröffentlicht wurde, für seine „Führungsqualität in dieser Frage“ gelobt.

„Ihre Entscheidung vom Oktober 2011, amerikanische Militärberater in die Region zu schicken, war sehr klug. Sie unterstützen damit die Regierungen der Region in ihrem Bestreben, die Bevölkerung vor Angriffen der LRA zu schützen“, heißt es in dem Brief.

Und weiter: „Wir befürchten jedoch, dass Ihre Strategie ohne einen verstärkten Einsatz der USA keinen Erfolg haben wird.“ Das US-Militär wird als die einzige Kraft dargestellt, die in der Lage ist, „taktische Luftbrücken“ und „grenzübergreifende Koordination“ zu schaffen. Es wird vor einem „frühzeitigen“ Abzug der amerikanischen Spezialeinheiten gewarnt, die Regierung wird dazu gedrängt, weitere Gelder des Pentagons zu nutzen, um „den derzeitigen Operationen zusätzliche Mobilität, geheimdienstliche Hilfe und andere Unterstützung für ihre Operationen zukommen zu lassen“.

Unterzeichnet wurde der offene Brief von den Chefs von drei Organisationen: Invisible Children, dem Enough Project (einer Tochter des demokratisch orientierten Thinktanks Center for American Progress) und von Resolve, einer Menschenrechtsorganisation mit Beziehungen zu katholischen Missionarsverbänden.

Hinter dieser Kampagne steckt ein unheiliges Bündnis der christlichen Fundamentalisten und liberalen Oberschicht. Die amerikanische christliche Rechte hat sich Uganda als eine Art Testgebiet für ihre reaktionäre soziale Perspektive ausgesucht. Und begüterte Liberale unterstützen ihrerseits imperialistische Interventionen unter dem Vorwand, Menschenrechte und Zivilbevölkerung zu schützen.

Letzte Woche nahm das Weiße Haus offen für diese Kräfte Partei. Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, sagte, Obama „gratuliere“ allen, die auf diese „einzigartige Gewissenskrise“ reagiert hätten, und er versprach, die amerikanische Intervention fortzusetzen.

Hinter dem plötzlichen Interesse Washingtons an einer „humanitären“ Intervention gegen die Lord’s Resistance Army stecken klare wirtschaftliche und geostrategische Erwägungen. Vor kurzem wurden in der Region, in der die LRA gejagt wird, große Ölvorkommen entdeckt. Außerdem befindet sich Washington in einem immer heftigeren Wettkampf mit Peking um geopolitischen Einfluss auf dem rohstoffreichen afrikanischen Kontinent. AFRICOM und Militärinterventionen sind wichtige Instrumente der USA geworden, um chinesische Investitionen aus den Projekten der Öl- und Rohstoffausbeutung in Afrika fernzuhalten.

Die Intervention gegen die LRA erfolgt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die Gruppierung bereits auf ein paar hundert Kämpfer zusammengeschrumpft und aus Uganda vertrieben ist. Sie hat vor zehn Jahren brutale Angriffe durchgeführt und dabei viele Zivilisten getötet. Außerdem hat sie zahlreiche Kinder entführt und als Soldaten eingesetzt. Aber in den letzten Jahren wurden ihre Operationen stark eingeschränkt, und die Massenmorde in den Kriegen der Demokratischen Republik Kongo haben ihre Gräueltaten bei weitem übertroffen. Im Verlauf dieser Kriege waren Musevenis Truppen und verbündete Milizen seit Mitte der 1990er für fast sechs Millionen Tote verantwortlich.

Das Video „Kony 2012“ stellt Uganda so dar, wie es vor zehn Jahren war. So wird mit Lügenpropaganda für eine amerikanische Intervention geworben. Gleichzeitig stellt das Video den Kampf zwischen der ugandischen Regierung und der LRA als ein Kampf der „Guten“ gegen die „Bösen“ dar.

Die LRA hat tatsächlich Massaker und Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung verübt, aber in dieser Hinsicht war sie nicht die einzige Organisation. Letzten Endes ist sie ein Produkt des britischen Kolonialismus und seiner Herrschaftsmethoden des „Teile und herrsche.“ In der Kolonialzeit wurden Konflikte zwischen ethnischen Gruppen geschaffen, die auch nach der Unabhängigkeit und dem Aufstieg einer wachsenden eingeborenen herrschenden Klasse noch fortbestanden.

Als 1971 Idi Amin die Führung des Landes übernahm, ging die Macht auf den Norden über, der traditionell unterdrückt war, während der Süden von den Briten bevorzugt wurde. Das Militär wurde von den Acholi dominiert, einer der vorherrschenden ethnischen Gruppen im Norden. Auch nach Amins Absetzung 1979 hatte es noch große Macht im Land.

Doch 1986 wurde die Militärherrschaft von General Tito Okello gestürzt und die von den Acholi beherrschte Armee aufgelöst, nachdem Museveni und seine National Resistance Army an die Macht gekommen waren. Museveni hatte noch vor Kony Kindersoldaten eingesetzt.

Die LRA bildete sich aufgrund von Musevenis brutaler Unterdrückung des Widerstandes im Norden. Im Rahmen dieser Unterdrückung wurde ein Großteil der Acholi im Norden in „beschützte Dörfer“ umgesiedelt. Das waren im Grunde Konzentrationslager, in denen den Menschen ihr Land und ihr Auskommen vorenthalten wurde, und in denen Tausende an Hunger und Krankheiten starben.

Sogar die Regierung von Museveni kritisierte den Film für seine Falschdarstellungen. „Es ist völlig falsch, dass in Uganda noch Krieg herrscht“, sagte Fred Opolot, ein Sprecher der ugandischen Regierung, dem Telegraph. „Ich vermute, Invisible Children versucht, mit diesem Film Geld für ihre eigenen Zwecke zu sammeln.“

Natürlich ist das Regime in Uganda aus eigenen Gründen kritisch. Es hat seine eigenen Interessen und fürchtet, dass die Darstellung Ugandas als Kriegsgebiet ihre korrupten Privatisierungspläne und Investmentgeschäften stören könnte, die auf Kosten der Masse der Bevölkerung eine kleine Elite bereichern. Dennoch hat der Regierungssprecher nicht ganz unrecht.

Laut Jason Russell, einem Vertreter von Invisible Children, hat die Organisation in der ersten Woche nach Veröffentlichung des Videos etwa 500.000 „Action Kits“ aus T-Shirts, Armbändern, Aufklebern, Postern und Ansteckern für je dreißig Dollar verkauft. Das macht fünfzehn Millionen Dollar Umsatz.

Wie Invisible Children offen zugibt, wird ein Großteil des Geldes nicht für die verarmte Bevölkerung Ugandas verwendet. Im letzten Jahr ging nur ein Drittel der Ausgaben an Hilfsprogramme in Zentralafrika, zwanzig Prozent wurden für Gehälter und Ausgaben aufgewendet, und 43 Prozent wurden für „Bewusstseinsprogramme“ eingesetzt.

Auch die bisherigen Geldquellen von Invisible Children verdienen einen kritischen Blick. Zu ihren größten Spendern gehört die National Christian Foundation und die Christian Community Foundation, zwei finanzstarke Gruppen, die Schlüsselorganisationen der christlichen Rechten wie Focus on the Family und das Family Research Council unterstützen. Es sind Organisationen, die sich gegen Abtreibungen und die Rechte von Homosexuellen, sowie für Religionsunterricht einsetzen. Ebenfalls unterstützt wird das Discovery Institute, das sich dafür starkmacht, dass im Schulunterricht „Intelligent Design“ und die Schöpfungslehre gelehrt werden müsse.

Einige dieser religiösen Gruppen waren in erheblichem Maße an den schwulenfeindlichen Unruhen in Uganda beteiligt und setzen sich für ein Gesetz ein, das für homosexuelle Handlungen die Todesstrafe vorsieht.

Invisible Children-Chef Jason Russell hielt im letzten November eine Rede an der Liberty University, einer christlich-evangelikalen Schule in Lynchburg, Virginia. Sie wurde von dem rechtsextremen Demagogen und Baptistenprediger Jerry Falwell gegründet, der die Apartheid in Südafrika verteidigt hatte und zu einer wichtigen Persönlichkeit der Republikaner wurde.

Die Kampagne um „Kony 2012“ ist ein zynischer Versuch, die öffentliche Meinung im Interesse einer amerikanischen Intervention zu manipulieren. Sie versucht, den Idealismus junger Menschen auszunutzen, um sie vom wahren Grund der tragischen Bedingungen der afrikanischen Massen abzulenken: dem Erbe des Kolonialismus und der fortgesetzten imperialistischen Herrschaft. Die US-Regierung und das amerikanische Militär werden als Mittel gegen Menschenrechtsverletzungen dargestellt, als hätte es in Vietnam, Afghanistan, Irak und Libyen niemals Kriegsverbrechen gegeben.