Die soziale Kluft zweihundert Jahre nach der Geburt von Charles Dickens

Von John Clayton und Paul Bond
3. März 2012

Die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des englischen Schriftstellers Charles Dickens (1812-1870) sind geprägt von der modernen Version der offiziellen Heuchelei, die unter akuten sozialen Spaltungen entsteht, wie sie der Schriftsteller einen Großteil seines Lebens über angeprangert hat.

Im Jahr 1854 nannte Karl Marx Dickens eines der „großartigen Beispiele der englischen Schriftsteller, deren detailreiche und eloquente Werke der Welt mehr politische und gesellschaftliche Wahrheiten gegeben haben, als alle Berufspolitiker, Publizisten und Moralisten zusammen.“

Zehn Jahre davor nannte Friedrich Engels das Erscheinen dieser „neuen Klasse von Romanautoren“ ein „Zeichen der Zeit.“

Sein 200. Geburtstag findet unter Bedingungen statt, in denen die Umstände nach einem Schriftsteller rufen, der dieselbe Wahrnehmung, den gleichen Witz und akuten Sinn für Empörung über die Gesellschaft hat wie Dickens.

Dickens Werke liefern ein detailliertes Bild von zwei verschiedenen und gegeneinander kämpfenden Welten, die widerwillig nebeneinander existieren. Die Bewohner der einen leben in extremer Armut, ihr Leben ist ein andauernder Kampf ums Überleben. Gegen diese Welt schrieb Dickens oft an.

Die zahlreichen Veranstaltungen zu Ehren seines 200. Geburtstages zeigen, dass der Autor immer noch beliebt ist, teilweise aufgrund seiner teilnahmsvollen Behandlung der Unterdrückten und Armen der Welt. Engels dachte an Dickens, als er 1844 schrieb, die neue Generation von Schriftstellern widme ihre Aufmerksamkeit „der armen und verachteten Klasse, ihren Schicksalen und ihrem Glück, ihren Freuden und ihren Leiden.“

Nicht umsonst hat sich in der englischen Sprache das Adjektiv „Dickensian“ eingebürgert: Es bezeichnet laut Wörterbuch „Das Umfeld und Situationen, wie sie hauptsächlich in Dickens Werken beschrieben werden, wie Armut, soziale Ungerechtigkeit und andere Aspekte des viktorianischen Zeitalters.“

Charles Dickens Charles Dickens

Im Gegensatz dazu leben die Bewohner der anderen Welt, die Dickens beschreibt, entweder in finanziell guten Verhältnissen oder in beispiellosem Luxus und Glanz. Die Nachkommen dieser parasitären Schicht haben seine Geburtstagsfeiern in ihre Regie übernommen. Die britische Monarchie, die auf Kosten der Steuerzahler im Luxus lebt, war bei den Feiern an erster Stelle. Im Rahmen einer Feierlichkeit in der Westminster Abbey legte Prinz Charles einen Kranz auf Dickens‘ Grab nieder.

Dickens sagte in einem Brief an einen Freund folgendes über die begüterten, untätigen Klassen: „Um Himmels Willen, wenn du nur letzten Montag mit mir bei dem Essen im Krankenhaus hättest sein können! Dort waren Leute, die Reden hielten und Meinungen ausdrückten, bei denen jeder halbwegs intelligente Müllmann unter seiner verdreckten Kleidung errötet wäre, hätte er so etwas nur gedacht. Geschmeidige, geifernde, kugelbäuchige, überfütterte, vor Wut rasende, schnaubende Rindviecher, und ihre Zuhörer sprangen auf vor Bewunderung! Ich habe noch nie so deutlich die Macht des Geldes gesehen, oder mich so erniedrigt und minderwertig gefühlt bei ihrem Anblick, seit ich Augen und Ohren habe. Die Absurdität war zu schrecklich, um darüber zu lachen.“

Auch war er kein ungetrübter Bewunderer der Monarchie. Eine Geschichte aus zwei Städten (1859) beginnt mit der blutrünstigen Beschreibung der Barbarei, die sich vor der Französischen Revolution zutrug und sie mit auslöste; und mit der Selbstzufriedenheit des Adels: „Es war den Herren des Staates, die über Brot und Fisch verfügten, klar wie Kristall, dass alles immer so bleiben würde.“

„Frankreich ging immer schneller den Bach hinunter. Papiergeld wurde hergestellt und ausgegeben… Man unterhielt sich nebenher mit solchen Leistungen wie einem Jugendlichen die Hände abzuschneiden, ihm die Zunge mit einer Zange abzureißen und ihn lebendigen Leibes zu verbrennen, weil er nicht in die Knie gegangen war, um einer schmutzigen Prozession von Mönchen die Ehre zu erbieten, die in seiner Nähe vorbeiging.“

In A Child’s History of England (1853) lobte der Autor die kurz zuvor errichtete amerikanische Republik und stellte sie als positives Beispiel den Dingen gegenüber, die in Großbritannien „seit den Tagen von Oliver Cromwell“ nicht mehr so gut gelaufen sind – in den Augen der herrschenden Klasse ein sehr provokanter Kommentar.

Der Kritiker Georg Lukács merkte an, Dickens habe in seinen historischen Schriften einen abstrakter moralischen Tonfall angenommen als in seinen zeitgenössischen Werken, wo die unmittelbare und brennende Realität des Lebens sich ihm aufdrängte. Dennoch, selbst wenn es in „Eine Geschichte aus zwei Städten“ Bedauern über die große und turbulente Französische Revolution gibt, wird das ausgeglichen durch die Beschreibung der sozialen Bedingungen, die zu dieser großen Umwälzung geführt haben.

Es ist nicht klar, ob es Dickens recht gewesen wäre, in der Westminster Abbey gefeiert zu werden. Die Historikerin Judith Flanders sagte, sie habe die Zeremonie vom 7. Februar „äußerst bewegend“ gefunden, aber Dickens hätte sie nicht gefallen. „Er wollte keine öffentlichen Zeremonien, keine Statuen, keine öffentliche Anerkennung.“ Er hätte stattdessen eine normale Beerdigung gewollt.

Um das zu würdigen und ihn trotzdem in den Rang einer nationalen, gefeierten Persönlichkeit zu erheben, wurde er am frühen Morgen in der Westminster Abbey beerdigt, um einen großen Menschenauflauf zu verhindern. Bei einer Gedenkveranstaltung las der Schauspieler Simon Callow in Rochester vor, wo Dickens vermutlich gerne begraben sein wollte.

Die Besucher in der Westminster Abbey waren gezwungen, zuzugeben, dass die Veranstaltung nicht in seinem Sinn gewesen wäre. Der Erzbischof von Canterbury bemerkte, Dickens habe „relativ wenig mit konventioneller Religion am Hut“ gehabt. Der Diakon von Westminster, John Hall, täuschte etwas soziale Besorgnis vor: „Dickens Menschlichkeit und Leidenschaft hinterließen durch seine Schriften außerordentlich großen Eindruck im viktorianischen England und sind auch heute noch äußert populär. Mit diesem zweihundertjährigen Jubiläum sollten wir unser Engagement erneuern, bei der Verbesserung des Loses der Benachteiligten von heute mitzuhelfen.“

Der Schauspieler Ralph Fiennes las während der Zeremonie eine Passage aus Bleak House (1853) vor, einer Attacke auf das britische Rechtssystem. Es ist klar, dass Dickens‘ vernichtende Darstellung sozialer Ungleichheit auch heute auf Resonanz stößt. Die heutigen Verantwortlichen wollen ihn mit ihrem beiläufigen Lob begraben. Groteskerweise übergab Kulturminister Jeremy Hunt Premierminister David Cameron eine Ausgabe von Hard Times (1854) und Bleak House, um den Jahrestag zu feiern.

David Wootton, Lord Mayor der City of London, forderte zur Feier von Dickens, diesem „großartigen Schriftsteller und Londoner“, im Geschäftsleben wieder auf Glauben zu achten. „Nie zuvor war die Beziehung zwischen Wirtschaft und Moral so wichtig wie heute.“

Illustration von Phiz zu <i>„Eine Geschichte aus zwei Städten“ Illustration von Phiz zu „Eine Geschichte aus zwei Städten“

Woottons Appell an einen moralischen Kapitalismus erinnert an den Anfang von „Eine Geschichte aus zwei Städten“ und die Vorgeschichte der Französischen Revolution. Wootton forderte die Finanzbranche auf „der Gesamtwirtschaft und den Mitbürgern zu dienen, damit sie aus „der schlimmsten Zeit – oder zumindest einer sehr harten Zeit – die beste Zeit machen.“

Die außergewöhnlichste Reaktion auf das Jubiläum fand sich in der Gratiszeitung des Londoner Finanzdistrikts City AM. Der Wirtschaftsredakteur Marc Sidwell warnte davor, Dickens zum Verteidiger der Armen und Unterdrückten zu machen – genau der Schichten, die er gegen Ungerechtigkeit verteidigte.

Stattdessen unterstellte Sidwell Dickens einen „mangelnden dokumentarischen Realismus“ und vergleicht seine „politisch motivierten Übertreibungen“ in seinen Romanen abfällig mit seinem Journalismus. Er begründet seine Kritik an Dickens‘ beißender sozialer Satire am Bildungswesen in Nicholas Nickleby (1839) damit, dass die Lage damals besser war als Dickens sie darstellte, und sicherlich besser als heute.

Ein Großteil von Dickens‘ Mitgefühl mit den Unterdrückten stammt aus Erfahrungen aus erster Hand durch das Trauma, das die Inhaftierung seines Vaters im Schuldturm hinterlassen hat. Danach musste er die Schule abbrechen und zehn Stunden am Tag in einer Fabrik für Schuhpolitur arbeiten. Dies war zwar nur eine kurze Phase in seinem Leben, aber sie hinterließ einen tiefen Eindruck bei Dickens und führte zu seiner lebenslangen Sorge um die Bedingungen in der Gesellschaft.

Sidwell kommt zu dem Ergebnis, dass der „beste Rat, den Dickens uns heute geben kann“, aus der berühmtesten Satire über die erdrückende Welt des Kleingewerbes kommt, Mr. Micawbers Definition von Glück in David Copperfield (1850): „Jährliches Einkommen zwanzig Pfund, jährliche Ausgaben neunzehn und sechs, ergibt Glück. Jährliches Einkommen zwanzig Pfund, jährliche Ausgaben neunzehn Pfund und mehr als sechs, ergibt Elend.“ Daraus schließt Sidwell: „Er hat uns immerhin gewarnt.“

Sidwell ignoriert die vernichtende Kritik in Dickens‘ Satire. Wie Marx über Dickens, Thackeray, Charlotte Bronte und Gaskell anmerkte, zeigen ihre Beschreibungen die kleingeistige Brutaliät dieser parasitären Schicht der Mittelklasse, „voller Vorurteile, Affekte, kleinlicher Tyrannei und Unwissenheit… Die zivilisierte Welt hat ihr Urteil mit dem vernichtenden Epigramm gefällt, das sie dieser Klasse gegeben hat. Sie sind ‚unterwürfig gegenüber denen über ihnen, und tyrannisch gegenüber denen unter ihnen.‘“

Die Gesellschaftsschichten, die Sidwell anspricht, sind, wenn überhaupt, noch räuberischer als diejenigen aus Dickens Schriften. Von ihnen konnte man zumindest noch sagen, sie repräsentierten ein Gesellschaftssystem, das noch im Wachstum war.

In den 142 Jahren seit dem Tod des Autors wurde keiner der zentralen Widersprüche der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung gelöst. Die Ausbeutung, die Dickens so lebhaft schilderte, ist in großen Teilen der Welt, von Afrika über Asien bis nach Lateinamerika, noch immer alltäglich.

Aber selbst in den Ländern in denen die erdrückende Armut in gewissem Umfang durch die Kämpfe der Arbeiterklasse und die Errichtung eines Sozialstaates unter dem Einfluss der Russischen Revolution gelindert wurde, ist das Risiko einer Rückkehr zu den Verhältnissen zu Dickens‘ Zeiten groß.

Seit dem Zusammenbruch des internationalen Bankensystems im Jahr 2008 und der Einführung von Sparmaßnahmen in allen Ländern, durch die die Arbeiterklasse für die Dummheit der Finanzelite bezahlen soll, wird dieses Szenario mit jedem Tag wahrscheinlicher, wie es in Griechenland schon der Fall ist. Die Rückkehr zu diesem Szenario wird unter noch brutaleren Bedingungen ablaufen, weil es im Kapitalismus der viktorianischen Ära noch möglich war, gewisse soziale Zugeständnisse zu machen.

In Großbritannien sind die Renten und das Gesundheitswesen bereits Opfer andauernder Angriffe. Im Bildungsbereich wurden die Studiengebühren verdreifacht, überall steigt die Arbeitslosigkeit. Die dunkle Zeit des neunzehnten Jahrhundert droht zurückzukehren.