Manroland-Beschäftigte protestieren gegen Arbeitsplatzabbau

Von unseren Reportern
14. Januar 2012

Am gestrigen Freitag demonstrierten mehrere Tausend Mitarbeiter der Manroland AG in Wiesbaden und Plauen für die Verteidigung ihrer Arbeitsplätze. Der Insolvenzverwalter des Druckmaschinenbauers hatte Mitte vergangener Woche angekündigt, es müsse mit massivem Stellenabbau gerechnet werden.

Die Empörung der Arbeiter, die an den Protestaktionen teilnahmen, richtete sich aber nicht nur gegen die Geschäftsführung und den Insolvenzverwalter Werner Schneider. Viele Teilnehmer übten deutliche Kritik an der IG Metall. In den sieben Wochen seit Beginn des Insolvenzverfahrens hat die Gewerkschaft keine einzige gemeinsame Aktion der Belegschaften aller drei Standorte organisiert.

Bis zum vergangenen Montag war eine gemeinsame Demonstration vor der Zentrale des Allianz-Konzerns in München geplant. Nachdem die Mehrheitseigner Allianz und MAN jedoch eine – vergleichsweise niedrige – Finanzspritze von 24 Millionen Euro zugesagt hatten, sagte die IG Metall auf deren Verlangen die bereits geplante und weitgehend organisierte Demo umgehend wieder ab.

Dies stieß in der Belegschaft auf heftigen Widerspruch. „Die stecken doch alle unter einer Decke“, schimpfte ein Monteur, der in der Endfertigung des Plauener Werkes arbeitet. Statt der gemeinsamen Demonstration in München, dem Konzernsitz von MAN und Allianz, fanden am Freitag dann getrennte Demonstrationen der einzelnen Standorte statt.

Plauen

Als sich die etwa 400 Arbeiter, Arbeiterinnen und Auszubildende am Plauener Wendedenkmal in der Innenstadt versammelten, herrschte heftiges Schneetreiben. Ein eisiger Wind wehte durch die „größte Stadt des Vogtlandes“ im Südwesten Sachsens. Vor 23 Jahren, am 7. Oktober 1989, hatte an diesem Platz die erste Großdemonstration gegen das SED-Regime der DDR stattgefunden. Manch einer war schon damals bei der „Plamag“ beschäftigt, die im Sommer 1990 von Manroland übernommen wurde. Viele hatten sich die Wende anders vorgestellt.

Der Demonstrationszug in Plauen Der Demonstrationszug in Plauen

Die IGM-Funktionäre hatten in ihren Reden nichts zu bieten, außer „Hoffen auf einen Investor“ und einen Sozialplan für „diejenigen, die entlassen werden“. Sie appellierten an das Gewissen „der Verantwortlichen an der Konzernspitze“, die mit dem Insolvenzantrag gerade ihre Gewissenlosigkeit demonstriert hatten, und malten ein düsteres Bild.

Der Bezirksbevollmächtigte der IG Metall Zwickau, Stefan Kademann, sagte: „Würde der Konzern sterben, dann wäre das grausam für die Region, die ohnehin schon von Abwanderung und fehlenden Industriearbeitsplätzen gebeutelt ist.“ Das Plauener Traditionsunternehmen ist der größte Industriebetrieb des Vogtlandes.

Im Plauener Werk droht offenbar ein massiver Stellenabbau. Laut Kademann geht die IG Metall davon aus, dass eine beträchtliche Anzahl von Stellen dem Insolvenzverfahren zum Opfer fallen wird. Der vom Insolvenzverwalter genannte Stellenabbau von 20 Prozent werde „mit Sicherheit nicht ausreichen“. Es würden bald nur noch so viele Menschen beschäftigt werden, wie die Auftragslage zulasse.

Ein Auszubildender, der an der Demonstration teilnahm, kommentierte: „Für Plauen und das Vogtland wäre eine Stilllegung verheerend. Ein paar würden wohl einen anderen Job finden, für die meisten gibt es aber keine Alternative. Es ist auffällig, dass von Seiten der Gewerkschaften kein Arbeitskampf geführt wird.“

Ein anderer Auszubildender meinte: „Ich weiß nicht, wo die junge Generation hingeht, wenn hier die Arbeitsplätze auch der Auszubildenden abgebaut werden. Deswegen wäre es am besten, wenn alle Arbeitsplätze verteidigt würden. Ich habe zwei Jahre gesucht, bis ich eine Ausbildung gefunden habe.“

„Man kann nur hoffen, aber man muss auch kämpfen“, fuhr er fort. „Es gibt immer mehr Leute, die reicher, und viele andere, die ärmer werden. Dagegen sollte man etwas tun. Bei uns gibt es eine tiefe Kluft, das sollte eigentlich nicht sein.“

Die Demonstration stieß auch unter Passanten auf regen Zuspruch. Eine junge Frau fand den Arbeitsplatzabbau und die mögliche Stilllegung „ehrlich gesagt unmöglich“. Manroland sei ein sehr großes Unternehmen, der Stellenabbau werde auch bei anderen Unternehmen in der Region Kreise ziehen. „Die müssen dann natürlich noch andere Leute entlassen. Einen richtigen Arbeitskampf, einen Streik oder eine Betriebsbesetzungen würde ich auf jeden Fall unterstützen.“

Ein junger Demonstrationsteilnehmer, der selbst nicht bei Manroland arbeitet, sagte: „Ich bin hier aus Überzeugung, um mich zu solidarisieren. Es werden sehr viele arbeitslos werden, wenn Manroland platt gemacht wird. Dann wird das Arbeitsamt ziemlich viel tun haben.“

Ein anderer junger Arbeiter meinte: „Es geht nicht nur um Plauen, sondern auch um das Vogtland und Sachsen. Die Zukunft vieler anderer Leute wird so kaputt gehen. Es ist schlimm, dass nicht nur diese Firma sondern auch viele andere alleine dastehen und kaputt gemacht werden.“

Wiesbaden

Etwa tausend Belegschaftsmitglieder des Offenbacher Manroland-Werks waren in die hessische Landeshauptstadt  Wiesbaden gekommen, um gegen den Ausverkauf ihres Betriebs zu demonstrieren. Sie hatten allerdings kein Vertrauen in die Perspektiven von IG Metall und Betriebsrat, die im Bunde mit SPD und Linkspartei Illusionen in die schwarz-gelbe hessische Landesregierung schürten.

Die Demonstration in Wiesbaden Die Demonstration in Wiesbaden

Unter dem Motto: „Helft uns endlich in der Not, Geld her oder Manroland ist tot“ marschierte der Demonstrationszug am Vormittag vom Hauptbahnhof zur Hessischen Staatskanzlei, dem Sitz der Landesregierung. Eine zweite Losung der IG Metall lautete: „Politiker hört die Signale, wir Manroländer brauchen das Geld für das Soziale“. Offenbar bestand der Hauptzweck der von der Gewerkschaft initiierten Aktion darin, landeseigene Mittel von der Regierung locker zu machen.

Demonstrationsteilnehmer berichteten der WSWS, was sie in den kommenden Wochen erwarten. Sie fürchten, dass von den 1.900 Arbeitsplätzen am Standort Offenbach 60 Prozent, also mehr als 1.100, wegfallen. Das von der Arbeitsagentur gezahlte Insolvenzgeld läuft am 31. Januar aus.

Übergangsweise soll eine Transfergesellschaft aufgebaut werden, die jedoch für die meisten Betroffenen nur ein Umweg in die Arbeitslosigkeit sein dürfte. Die Gehälter sollen um drei Lohngruppen heruntergestuft werden. Schließlich soll die Betriebszugehörigkeit – trotz teils jahrzehntelanger Arbeit im Betrieb - auf Null gesetzt werden, was zukünftige Abfindungen ersparen soll.

Die Redner von IG Metall, SPD und Linkspartei, die vor der Staatskanzlei zu den Demonstrationsteilnehmer sprachen, richteten unterwürfige Appelle an die Landesregierung und spielten den Standort Offenbach gegen die beiden anderen Standorte in Plauen und Augsburg aus.

Als erster sprach Torsten Schäfer-Gümbel, der Vorsitzende der hessischen SPD. Er kritisierte: „Die Schlafmützigkeit dieser Landesregierung ist nicht hinnehmbar. In Bayern und Sachsen ist das Thema Chefsache.“ Er forderte ein Eingreifen von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), dessen Regierung Fördermittel für den Offenbacher Standort bereitstellen solle.

Janine Wissler, Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Landtag und Mitglied von Marx21, betonte, der Industriestandort Offenbach müsse unbedingt erhalten werden. Die beiden anderen Standorte lagen ihr dabei offenbar weniger am Herzen. Stattdessen beklagte sie, die Eigentümer würden sich ebenso ihrer Verantwortung entziehen wie „die Politik“ – womit sie CDU und FDP in Bundestag und Landtag meinte.

Den Arbeitern wünschte Wissler abschließend „viel Erfolg, einen langen Atem und großen Druck“. Angesichts des Drucks, der tatsächlich auf vielen Arbeitern lastet, die sich jetzt mit drohender Arbeitslosigkeit konfrontiert sehen, eine geradezu zynische Äußerung.

Armin Schild, Bezirksleiter der IG Metall, klagte, unter keiner anderen Landesregierung gehe es den Arbeitern so schlecht wie in Hessen. So tue die Landesregierung in Thüringen alles, um die Industrie im Land zu halten. In Rheinland-Pfalz sei Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) in die Arbeitskämpfe beim Druckmaschinenhersteller KBA in Frankenthal „intensiv einbezogen“ worden. Er habe sich „sogar vor den Werkstoren eingefunden“. Dabei sind bei KBA unter Mitwirkung der IG Metall allein in Deutschland 1.500 Arbeitsplätze abgebaut worden.

Jetzt sei die Landesregierung in der Verantwortung, wenn es darum gehe, „Leistungs- und Transfergesellschaften“ für diejenigen zu ermöglichen, die nicht länger bei Manroland beschäftigt werden könnten, fordert Schild. Ein Abbau von Arbeitsplätzen ist für die IG Metall also bereits beschlossene Sache.

Die Betriebsratsvorsitzende Alexandra Roßel schob den schwarzen Peter der Europäischen Union zu. In Brüssel sei über einen Antrag auf Bürgschaften noch nicht entschieden worden – „alles Zeit, die wir nicht haben“, rief sie scheinbar entsetzt. Doch gerade der Betriebsrat weiß was es heißt, auf Zeit zu spielen – war er es doch, der gemeinsam mit der Gewerkschaft die Insolvenzpläne bis zuletzt vor der Belegschaft geheim gehalten hatte.

Während von der offiziellen Rednerbühne Appelle an die Landesregierung zu hören waren, äußerten viele Demonstranten gegenüber der WSWS ihre Unzufriedenheit mit allen politischen Parteien. Viele waren wütend über die Absage der gemeinsamen Demonstration in München durch die IG Metall.

„Die meisten von uns wären gerne nach München gefahren. Aber für das bisschen Geld, das wir jetzt [von der Allianz] kriegen, sind wir verkauft worden“, sagte ein Arbeiter, der nicht genannt werden wollte. „Alle zusammen hätten doch eine Macht dargestellt“, pflichtete ihm ein Kollege bei. Angesprochen auf die Rolle von Gewerkschaft und Betriebsrat, ergänzte er: „Meinen Sie, die haben vor einem Jahr nicht gewusst, was Sache ist? Das alles hier ist doch nur Schauspielerei.“

Viele interessierte Passanten blieben stehen und erkundigten sich bei den Arbeitern, wogegen sie demonstrierten. Die IG Metall hatte auf der Kundgebung noch nicht einmal ein Flugblatt verteilt, und es blieb den Arbeitern selbst überlassen, die Interessierten aufzuklären. Bereits im Vorfeld hatte die Gewerkschaft einen Mantel des Schweigens über die geplante Demonstration gehüllt, offenbar aus Angst, eine größere Bewegung heraufzubeschwören.

Wie schon in den vergangenen Wochen stieß die Perspektive der Partei für soziale Gleichheit (PSG) auf breite Resonanz. Mitglieder der PSG verteilten mehrere Hundert Flugblätter, die zum Aufbau von Betriebs- und Aktionskomitees aufriefen, die die Besetzung der von Stilllegung bedrohten Betriebe und die Verteidigung der Produktionsanlagen organisieren.

Ein Arbeiter sagte: „Euer Flugblatt wird bei uns diskutiert – ist ja auch einfach die Wahrheit. Ich verteile gleich noch welche im Bus. Alle eure Flugblätter hängen bei uns am schwarzen Brett. Mehrere Kollegen von uns wollen euch schreiben.“

Auf die Frage, was er von den Organisatoren der Demonstration halte, antwortete er: „Die IG Metall und der Betriebsrat wollen vor allem ihre eigenen Arbeitsplätze sichern. Wo war denn der [IG-Metall-Vorsitzende] Huber? Und Rainer Herth, der im Betriebsrat so große Töne gespuckt hat? Wo waren die heute?“

Augsburg

Am größten Standort von Manroland in Augsburg sind derzeit etwa 2.400 Mitarbeiter beschäftigt. Der Großteil der Belegschaft ist seit März 2010 in Kurzarbeit. Seit demselben Jahr gilt ein restriktiver Sparkurs – Stellenabbau, Kürzungen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Kürzungen der Überstundenvergütung. In dieser Zeit sind über 400 Arbeitsplätze in Augsburg abgebaut worden.

Im Gegensatz zu Plauen und Wiesbaden organisierten die Gewerkschaften in Augsburg keinen offiziellen Protest. Reporter der WSWS sprachen mit Beschäftigten vor dem Augsburger Werk.

Werner (46) ist seit 16 Jahren in Augsburg in der Fertigung beschäftigt. Die Insolvenz und die drohenden Entlassungen haben ihn, wie alle seine Kollegen, schwer getroffen. „Gerade die älteren von uns finden in der derzeitigen Situation kaum einen anderen Job. Schon gar keinen der gut bezahlt ist. Das ist eine Katastrophe für uns”, erklärte der gelernte Schlosser.

„Die Betriebsleitung hat uns immer wieder mitgeteilt, dass unsere Arbeitsplätze sicher sind, wenn wir alle Opfer bringen. Sie hat das auch noch getan, nachdem wir in Kurzarbeit gegangen sind”, fuhr er fort. „Auch die Gewerkschaft und die Betriebsräte haben uns erklärt, dass wir alles tun müssen, um die Arbeitsplätze zu sichern, und das wir nach der Kurzarbeit wieder voll beschäftigt sind.”

Werner war auch über die Gewerkschaft verärgert, weil sie die ursprünglich geplante Demonstration in München abgesagt hatte. „Zusammen mit den Kollegen aus Plauen und Offenbach hätten wir ein Zeichen setzen können, dass man das mit uns nicht einfach so machen kann. Die Kollegen in Plauen sind ja noch viel schlechter dran als wir. Dort ist die Arbeitslosigkeit noch viel höher als bei uns. Jedes Werk für sich kann die Geschäftsführung bestimmt nicht zum Umdenken bewegen.”

Auch Gaby B. (44), die seit neun Jahren in der Verwaltung beschäftigt ist, bezeichnet die Stimmung im Werk als angespannt. „Die Kollegen sind alle traurig, enttäuscht und wütend. Eine so gut bezahlte Arbeit finden wir so schnell nicht mehr, wenn überhaupt. Viele Kollegen, die Familie haben oder einen Kredit abbezahlen müssen, haben Angst ihre Arbeit zu verlieren.” Schon die Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld seien für die Beschäftigten “ein herber Schlag“ gewesen. „Aber wir haben es mitgemacht, weil wir dachten dadurch unsere Arbeit zu behalten.”

Auch Gaby B. ist wütend über die Rolle der Gewerkschaften. „Ich bin schon vor drei Jahren aus der Gewerkschaft ausgetreten. Man sieht ja, dass die nichts erreichen. Die verhandeln lieber mit den Managern, als mit uns zusammen zu kämpfen.“ Sie war ebenfalls verärgert über die Absage der Großdemonstration in München. „Wieso haben sie die Demonstration heute abgesagt? Doch nur, damit ihre Verhandlungen nicht gestört werden.”