Manroland wird zerschlagen – ein abgekartetes Spiel

Von Ulrich Rippert
20. Januar 2012

Selten zuvor ist die IG Metall derart offensichtlich als Interessenvertreterin der Geschäftsleitung gegen die Beschäftigten und gegen ihre eigenen Mitglieder aufgetreten, wie bei der Zerschlagung des Druckmaschinenherstellers Manroland.

Am Mittwochabend gab der Insolvenzverwalter von Manroland, Werner Schneider, bekannt, der Gläubigerausschuss des Unternehmens habe sich einstimmig entschieden, das Angebot der Lübecker L. Possehl & Co. mbH anzunehmen. Das bedeutet, dass die Gewerkschaftsvertreter und Betriebsräte im Gläubigerausschuss für die Zerschlagung des Unternehmens und für den massiven Arbeitsplatzabbau gestimmt haben.

In Augsburg sollen von rund 2.200 Stellen nur 1.500 übrig bleiben, in Offenbach von 1.760 nur 750 und in Plauen von 680 lediglich 290. Doch auch diese Zahlen können noch deutlich nach unten korrigiert werden.

Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung sitzt Possehl-Chef Uwe Lüders auch im Aufsichtsrat der Heidelberger Druckmaschinen AG, die bereits seit geraumer Zeit versucht, den Konkurrenten Manroland aus dem Feld zu schlagen. Dem massiven Arbeitsplatzabbau könnte also in absehbarer Zeit die schrittweise Stilllegung folgen. Dennoch erklärte Jürgen Kerner, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG Metall und zugleich stellvertretender Aufsichtsratschef von Manroland, er halte das Verhandlungsergebnis für einen Erfolg und die IG Metall trage die gefundene Lösung mit.

Jürgen Kerner und die IG Metall spielten von Anfang an eine Schlüsselrolle bei der Zerschlagung von Manroland. Das abgekartete Spiel zwischen Insolvenzverwalter Schneider, Possehl-Chef Lüders und IGM-Vorstandsmitglied Kerner begann schon im Herbst vergangenen Jahres, als Possehl das insolvente Augsburger Unternehmen Böwe Systec übernahm.

Böwe Systec, ein Spezialist für Anlagen zur Sortierung und Kuvertierung von Briefen, wurde von Possehl straff rationalisiert. Knapp ein Drittel der rund 600 Beschäftigten wurde entlassen. Schon damals verdiente Insolvenzmanager Schneider gut an der Zusammenarbeit mit Kerner und Lüders. Und schon damals warnte die IG Metall vor einem Schweizer Finanzinvestor, der sich dann kurzfristig zurückzog, so dass Possehl zum Zug kam.

Als im vergangenen November die Eigentümer MAN und Allianz Capital Partners (ACP) dem Druckmaschinenhersteller Manroland den Geldhahn zudrehten und damit die Insolvenz unausweichlich machten, war das Dreieck Kerner-Schneider-Lüders wieder in Aktion. Auf der Aufsichtsratssitzung Mitte November wurde Stillschweigen vereinbart, um den Anschein von Absprachen zu vermeiden und die Belegschaft mit dem Insolvenzantrag Ende November zu überrumpeln.

Dann lief alles wie bei Böwe. Die IG Metall warnte vor einer Zerschlagung des Unternehmens durch den amerikanischen Finanzinvestor Platinum Equity, der alle drei Standorte übernehmen wollte, weigerte sich aber strikt, auch nur die kleinsten gemeinsamen Kampfmaßnahmen zur Verteidigung der Arbeitsplätze zu organisieren.

Hinten herum arbeitete sie bereits mit Possehl die Übernahme des Augsburger Werks aus, das heißt die Zerschlagung des Konzerns. Laut Presseberichten hat Insolvenzverwalter Schneider bereits am Mittwoch erklärt, die IG Metall habe mit Possehl eine Sanierungsvertragsvereinbarung geschlossen. Wann diese ausgearbeitet wurde, wo doch der Gläubigerausschuss angeblich erst am Mittwochabend entschied, sagte er nicht.

Bereits am Freitag letzter Woche hatte die IG Metall eine gemeinsame Demonstration der Beschäftigten aller Standorte in München, dem Sitz der Unternehmenseigner MAN und Allianz, kurzfristig abgesagt. Als die Belegschaft daraufhin auf regionale Proteste an den einzelnen Standorten drängte, sagte die IGM auch die Demonstration in Augsburg ab. Sie war bereits in Verhandlungen mit Possehl und wollte den künftigen Eigentümer nicht unter Druck setzen.

Die Demonstration der Offenbacher Beschäftigten verlagerte die Gewerkschaft nach Wiesbaden, um von der Landesregierung Steuergelder für die Finanzierung eines Sozialplans zu fordern. Die IG Metall wusste also bereits am vergangenen Freitag, dass Possehl den Zuschlag erhält und Offenbach größtenteils stillgelegt wird.

Die Steuergelder sollen dann in eine Beschäftigten- und Transfergesellschaft fließen, in der wiederum Gewerkschaftsfunktionäre den Ton angeben und als Geschäftsführer oder Vorstandsmitglieder an der Weitervermittlung der Beschäftigten gut verdienen. Oft ist die Transfergesellschaft nur eine Zwischenstation bei der schrittweisen Abschiebung in die Arbeitslosigkeit.

Auch hier dient Augsburg als Vorbild. Dort wurden nicht nur Beschäftigte von Böwe-Systec in der „Projekt- und Trainingsgesellschaft GmbH“ (PTG) „zwischengeparkt“, sondern auch Arbeiter und Angestellten von Manroland. Augsburger Projektleiter der PTG ist Tacettin Kececi, der früher Betriebsratsvorsitzende des Leiterplattenherstellers AT & S.

Ob der frühere 1. Bevollmächtigter der IG Metall in Augsburg Jürgen Kerner, der vor wenigen Monaten in den geschäftsführenden Vorstand der Gewerkschaft aufstieg, für seine Dienste und Beratertätigkeit für Manroland, Possehl und Werner Schneider ein Beraterhonorar erhält, ist nicht bestätigt. Fakt ist aber, dass Kerner als IGM-Vorstandsmitglied ein fünfstelliges Monatseinkommen bezieht.

Darüber hinaus sitzt er in sechs Aufsichtsräten, in vier davon als stellvertretender Vorsitzender, und kassiert dafür umfangreiche Tantiemen. Bei der KUKA AG in Augsburg weist der Geschäftsbericht für 2010 und 2011 für den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden Kerner ein Jahreseinkommen von je 81.000 Euro aus.

In der „Vergütungsregelung“ heißt es dazu: „Jedes Aufsichtsratsmitglied erhält neben dem Ersatz seiner Auslagen eine feste Vergütung, welche 30.000 Euro beträgt und nach Ablauf des Geschäftsjahres zahlbar ist. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats erhält die vierfache, Stellvertreter des Vorsitzenden die doppelte Vergütung.“ Dazu kommen eine Aufwandspauschale für jede Aufsichtsratssitzung von 450 Euro und aufwändige Entschädigungen für die Arbeit in Ausschüssen.

MAN SE in München, wo Kerner einfaches Aufsichtsratsmitglied ist, weist im Geschäftsbericht 2009 Tantiemen für Kerner in Höhe von 35.000 Euro aus. Manroland gibt über das Einkommen des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden keine Auskunft. Ebenso machen MAN-Diesel, Premium Aerotech und Eurocopter keine Angaben.

Bei der Heidelberger Druckmaschinen AG ist der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Rainer Wagner, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Er kassierte im vergangenen Jahr laut Geschäftsbericht 33.000 Euro. Die acht „Arbeitnehmervertreter“ im Aufsichtsrat der Heidelberger Druckmaschinen AG erhielten laut Geschäftsbericht zusammen knapp 200.000 Euro. Bei Manroland, wo keine Informationen zu erhalten waren, dürfte es ähnlich sein.

Auf diese horrenden zusätzlichen Einnahmen angesprochen, betonen viele Gewerkschaftsfunktionäre, dass sie den größten Teil dieser Tantiemen an die gewerkschaftseigene Hans-Böckler-Stiftung abführen. Doch erstens sind sie dazu rechtlich nicht verpflichtet, und zweitens zeigt dies, wie stark die Gewerkschaften über die Aufsichtsräte von den Konzernen finanziert werden.

Die Unternehmen sparen sich teure Beratungsfirmen und finanzieren stattdessen die Gewerkschaften, die sie als Unternehmensberater und Manager einsetzen. Diese Verwandlung der Gewerkschaften in Organe des Managements zur Kontrolle und Unterdrückung der Belegschaft wurde bei Manroland deutlich sichtbar.