Bei Manroland werden mehrere Tausend Entlassungen vorbereitet

Von Ulrich Rippert
6. Januar 2012

Seit Wochen führt Insolvenzverwalter Werner Schneider mit Kaufinteressenten Verhandlungen über die Zukunft der Manroland-Werke. Dabei wird über massiven Arbeitsplatzabbau, Lohnsenkung und soziale Verschlechterungen gesprochen. Die IG Metall ist bei allen Gesprächen anwesend und berät den Insolvenzverwalter.

Gegenüber ihren Mitgliedern und den Beschäftigten im Betrieb gibt die IG Metall keinerlei Informationen preis. Wie bereits Ende November, als sie ein Stillhalteabkommen mit der Geschäftsleitung über die geplante Insolvenz vereinbart hatte, soll die Belegschaft auch jetzt überrumpelt und vor vollendetet Tatsachen gestellt werden.

Am Mittwoch teilte das Büro von Insolvenzverwalter Schneider mit, „die Rettung“ des Pleite gegangenen Druckmaschinenbauers sei greifbar nahe. Für alle drei Standorte in Augsburg, Offenbach und Plauen lägen inzwischen „ernsthafte Interessenbekundungen“ vor. Es sei allerdings noch nichts unterschrieben, betonte Schneider.

Aus seiner Stellungsnahme geht hervor, dass Manroland, der weltweit zweitgrößte Hersteller von Druckmaschinen, zerschlagen werden soll. Der sächsische Standort Plauen, an dem das Dienstleistungs-Geschäft gebündelt ist, werde wohl einem der anderen beiden Werke zugeschlagen, sagte ein Sprecher Schneiders. Im ohnehin strukturschwachen sächsischen Vogtland hätte eine Werksschließung katastrophale Auswirkungen.

Die anderen Standorte sollen in reduzierter Form vorläufig bestehen bleiben. Gegenüber der Augsburger Allgemeinen erklärte Schneider, der Verkauf der Zeitungsdruckmaschinen-Produktion in Augsburg mache gut Fortschritte. Er wird mit den Worten zitiert: „Es gibt einen sehr starken Interessenten für Augsburg. Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass es klappen könnte.“

Dem Bericht zufolge ist der Interessent ein angesehener „industrieller Investor aus Deutschland“. Aber auch die chinesische Shanghai Electric habe die Fühler nach Augsburg ausgestreckt. Die Chinesen hätten das Interesse am Bogendruckmaschinen-Werk in Offenbach verloren.

Am 1. Februar beginnt das eigentliche Insolvenzverfahren, in dem der Verwalter das Unternehmen auf eigene Rechnung weiterführen und ohne das Insolvenzgeld auskommen muss, mit dem das Arbeitsamt derzeit die Löhne der 6.500 Mitarbeiter bezahlt. Deshalb will Schneider noch in diesem Monat über einen Stellenabbau entscheiden, wie die Nachrichtenagentur Reuters mit Hinweis auf gut informierte Unternehmenskreise mitteilt.

Augsburg mit seinen 2.400 Beschäftigten dürfte davon am stärksten betroffen sein, da dort die Verwaltung ansässig ist, die bei einer Zerschlagung nicht mehr gebraucht würde. Bei Insolvenzen der Größenordnung von Manroland „lassen sich meistens nicht mehr als zwei Drittel der Arbeitsplätze retten“, schreibt Reuters. Das bedeutet, dass parallel zu den Verkaufsverhandlungen bereits Massenentlassungen von über 2.000 Beschäftigten vorbereitet werden.

Obwohl die IG Metall-Funktionäre und Betriebsräte bereits Listen der betroffenen Abteilungen und Beschäftigten zusammenstellen, tun sie alles, um die Produktion in vollem Umfang aufrecht zu erhalten. Nach der Vorstellung der IG Metall soll bis zum letzten Tag ohne Einschränkung gearbeitet werden. Kein Auftrag sei bisher storniert worden, betonte Schneider am Mittwoch und zeigte sich über die Rolle der Gewerkschaft und Betriebsräte hoch erfreut.

Die Andeutung von Insolvenzverwalter Schneider, Shanghai Electric habe ernstes Interesse am Augsburger Werk und der dortigen Herstellung von großen Rollenoffset-Anlagen, sind betrügerisch und werden von der IG Metall wider besseres Wissen unterstützt. Seit die chinesische Shanghai Electric Group Corporation (SEG) im Mai 2010 den US-amerikanischen Hersteller von Rollenoffset-Druckmaschinen Goss International übernommen hat, befinden sich beide Betriebe in einem scharfen internationalen Wettbewerb.

Shanghai Electric ist vor allem daran interessiert, den Konkurrenten von Goss auszuschalten und dessen Marktanteile zu übernehmen. Darüber hinaus würde Shanghai Electric sich sicherlich gerne das Ersatzteil- und Kundendienstgeschäft von Manroland einverleiben, da in Europa eine breite Installationsbasis vorhanden ist. Auch das Preisdumping, das gegenwärtig auf dem Druckmaschinenmarkt herrscht, würde Shanghai Electric durch ein Kaufangebot mit anschließender Stilllegung gerne beenden.

Denn Manroland bietet zurzeit – geschützt durch den Insolvenzverwalter – bis zu 30 Prozent unter den bisherigen marktüblichen Preisen an. Eine Maschine, die vor einem halben Jahr noch knappe 6 Mio. Euro bei Manroland kostete, wurde vor Weihnachten in einer Ausschreibung in China zu 4,5 Mio. Euro angeboten. Das Management von Goss Shanghai Electric wurde in den vergangenen Tagen ausdrücklich angewiesen, alle Projekte und Ausschreibungen, bei denen Manroland gegen Goss Shanghai Electric bietet, mit aller Macht zu kontern, um Manroland die Anschlussaufträge zu nehmen.

An einem haben Goss Shanghai Electric und auch ein anderer möglicher Investor kein Interesse: an einer langfristigen Sicherung von Arbeitsplätzen, Löhnen und Sozialleistungen. Jeder Investor wird versuchen, die Arbeitsplätze massiv abzubauen. Die Kosten für Sozialpläne sollen dabei von öffentlichen Kassen, das heißt vom Steuerzahler übernommen werden.

Auch in dieser Frage berät die IG Metall den Insolvenzverwalter. Sie bereitet für den 13. Januar eine zentrale Protestkundgebung in München vor. Dort will die Gewerkschaft mit markigen Worten den Protest anheizen und die Wut der Beschäftigten einsetzen, um den Einsatz  öffentlicher Gelder für die Finanzierung eines Sozialplans zu erreichen.