Amerika im Niedergang

1. November 2011

In den vergangenen zehn Tagen wurden mehrere Berichte über Armut, Löhne, Einkommensungleichheit und soziale Mobilität veröffentlicht. Sie zeichnen das Bild eines Amerikas, in dem sich die Realität weit von dem offiziellen Mythos entfernt hat, die Vereinigten Staaten seien das Land der unbegrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten und hätten den höchsten Lebensstandard der Welt.

Selbstverständlich hat die World Socialist Web Site auf diese Berichte aufmerksam gemacht, aber die Daten wurden nicht von marxistischen Kritikern und Gegnern des amerikanischen Kapitalismus zusammengetragen. Die Daten kommen von amerikanischen Regierungsbehörden wie dem Obersten Rechnungshof, der Haushaltsbehörde des Kongresses, der Verwaltung des Rentenprogramms Social Security, der Volkszählungsbehörde und der Zentralbank Federal Reserve in New York.

Diese Tatsache macht das Bild des wahren Zustands Amerikas im Jahr 2011 nur umso verheerender. Selbst Behörden, die von politischen Vertretern der Finanzaristokratie kontrolliert werden, sind gezwungen, zuzugeben, dass die die große Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung unter katastrophalen Bedingungen lebt.

Die Zahlen zeigen, dass es in Amerika starke soziale Schieflagen gibt. Diejenigen, die durch ihre Arbeit den Reichtum schaffen, haben immer weniger Anteil daran, während der Reichtum derjenigen, die die Gewinne aus dieser Arbeit einfahren, in schwindelerregende Höhen steigt, und sie dabei gleichzeitig eine parasitäre, zerstörerische und vollkommen reaktionäre Rolle spielen.

Zwei Berichte zeigen die dramatische gesellschaftliche Polarisierung in Amerika, nicht so sehr zwischen den Reichen und den Armen, sondern eher zwischen den Reichen und der gesamten übrigen Gesellschaft.

Laut Zahlen, die die Verwaltung von Social Security am 20. Oktober veröffentlichte, lag das Medianeinkommen amerikanischer Arbeiter im Jahr 2010 bei 26.364 Dollar. Das ist nicht viel höher als die offizielle Armutsgrenze von 22.025 Dollar für eine vierköpfige Familie. Angesichts der Tatsache, dass eine Familie selbst mit einem doppelt so hohen Einkommen ein sehr schweres und unsicheres Leben führt, kann man ohne Übertreibung sagen, dass dem Bericht zufolge die „Armen“ eine absolute Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung sind.

Die Haushaltsbehörde des Kongresses veröffentlichte am 25. Oktober eine Studie, die zeigt, dass die Einkommen des reichsten Prozents der amerikanischen Haushalte zwischen 1979 und 2007 um 275 Prozent gestiegen sind und sich ihr Anteil am Nationaleinkommen mehr als verdoppelt hat. Während sich das Einkommen dieser Schicht fast verdreifacht hat, ist das Einkommen der mittleren 60 Prozent der Bevölkerung in 28 Jahren nur um 40 Prozent gestiegen, und das der ärmsten 20 Prozent nur um 18 Prozent.

Es gibt noch weitere aufschlussreiche Statistiken:

Die Arbeitslosenquote bei Arbeitern über 55 Jahren hat sich seit 2007 verdoppelt, und die Zeitspanne, in der sie arbeitslos sind, hat sich verdreifacht. Ein Drittel der Arbeiter über 65, die eine Stelle haben, verdient weniger als elf Dollar Stundenlohn, und in dieser Bevölkerungsschicht ist die Zahl der Armen und der Lebensmittelmarkenbezieher stark angestiegen.

Studenten haben im Jahr 2010 Darlehen in einer Gesamthöhe von über einhundert Milliarden Dollar aufgenommen, der bisher höchste Anstieg in einem einzigen Jahr. Die Gesamtsumme der Schulden durch Studiendarlehen hat im Jahr 2011 die Marke von einer Billion Dollar überschritten – mehr als die Gesamtsumme der Kreditkartenschulden. Studenten leihen sich doppelt soviel wie noch vor zehn Jahren, um ihre Ausbildung auf dem College zu finanzieren.

Die geografische Mobilität in Amerika ist heute so niedrig wie zuletzt 1948, wodurch besonders jungen Menschen viele Chancen entgehen. Hausbesitzer können ihre Häuser nicht verkaufen und keine neuen kaufen, und die Mehrheit der jungen College-Abgänger ist gezwungen, wieder bei ihren Eltern einzuziehen, weil sie keine Arbeit finden, bei der sie genug verdienen, um ihr eigenes Leben aufzubauen.

Bei der Gallup-Umfrage hat sich außerdem gezeigt, dass sich dreimal so viele amerikanische Arbeiter, oder 19 Prozent der Bevölkerung, darüber Sorgen machen, wie sie ihre Familie ernähren können, wie chinesische Arbeiter, von denen sechs Prozent ähnliche Probleme haben. Gallup untersuchte auch inwieweit es der Bevölkerung möglich ist, grundlegende Bedürfnisse zu befriedigen; dabei zeigte sich, dass amerikanische Arbeiter immer größere Schwierigkeiten dabei haben, Nahrung, angemessene Unterkunft und angemessene medizinische Versorgung zu finden.

In diesen Zahlen zeigt sich nicht nur eine tiefe soziale Krise, sondern auch eine immense historische Wandlung. Die Vereinigten Staaten lagen früher bei den meisten Sozialindizes an erster Stelle, darunter auch beim Lebensstandard der Arbeiterklasse. Heute sind sie – zumindest unter den Industrieländern – führend, die Mehrheit ihrer Bevölkerung ins Elend zu stoßen.

Der Niedergang des amerikanischen Kapitalismus zeigt sich im Verfall seiner einstmals mächtigen Industrie, in den verfallenden Straßen, Brücken und der Infrastruktur, der Schließung von Schulen, Bibliotheken, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen. Es ist kein Wunder, dass laut den jüngsten Umfragen mehr als 80 Prozent der amerikanischen Bevölkerung der Meinung sind, dass sich das Land in die falsche Richtung entwickelt.

Für diesen Niedergang ist die Finanzaristokratie verantwortlich, deren Verhältnis zur übrigen Gesellschaft an das Ancien régiime des vorrevolutionären Frankreichs erinnert.

Die Berichte und das Bild, das sie von der amerikanischen Gesellschaft zeichnen, sind ein besonders schweres Armutszeugnis für die Obama-Regierung und all jene, die Obamas Wahl als den Beginn eines Wandels in der amerikanischen Politik darstellten. In Wirklichkeit waren die vergangenen drei Jahre unter der Verantwortung von Obama von einer kolossalen Umverteilung des Reichtums von der Arbeiterklasse zur Finanzelite bestimmt. Und diese Umverteilung geht noch weiter.

Am wichtigsten ist es für die Arbeiterklasse, zu verstehen, was die Ursache für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Niedergang ist. Es ist der Kapitalismus, der in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt gescheitert ist. Das System der Produktion für Profit hat tatsächlich Rekordgewinne hervorgebracht, aber nur für die winzige Mehrheit an der Spitze, für die arbeitende Bevölkerung, die die große Mehrheit der Bevölkerung darstellt, ist es jedoch eine Sackgasse.

Die Arbeiterklasse muss ihr eigenes Programm ausarbeiten, um Arbeitsplätze, angemessene Bildung, eine sichere Rente und andere soziale Grundrechte zu verteidigen. Das wird ihr nur möglich sein, wenn sie sich aus dem Griff der offiziellen Gewerkschaften und der Demokratischen Partei löst, da diese die Interessen der Banken und Konzerne vertritt, während sie fälschlicherweise behauptet, die Arbeiter zu verteidigen.

Der wachsende Widerstand gegen Ungleichheit und die Macht der Konzerne über das ganze politische System zeigt sich in der wachsenden Occupy-Bewegung und dem Rückhalt, den sie in der Bevölkerung in weniger als zwei Monaten gewonnen hat. Aber sie ist nur ein erster Vorgeschmack auf das, was noch kommt.

Die Antwort auf die Krise des Kapitalismus ist ein mutiger Angriff auf die Kapitalisten. Die Arbeiterklasse muss für sozialistische Forderungen kämpfen: Für die Enteignung der Milliardäre und der ganzen herrschenden Finanzoligarchie, die Verstaatlichung der Großbanken und Konzerne, und den Einsatz des Reichtums, den die arbeitende Bevölkerung erschafft, für die Befriedigung sozialer Bedürfnisse statt privatem Gewinnstreben.

Die entscheidende Aufgabe bei der Planung dieses Kampfes ist der Aufbau einer neuen revolutionären Führung der Arbeiterklasse – der Socialist Equality Party. Wir rufen die Jugendlichen und Arbeiter, die heute den politischen Kampf aufnehmen, dazu auf, sich der SEP anzuschließen und für die Perspektive der internationalen Arbeiterklasse zu kämpfen.

Patrick Martin