„Ein Buch, das den elementarsten Anforderungen an Geschichtswissenschaft nicht entspricht“

Vernichtendes Urteil der American Historical Review über Robert Services Trotzki-Biografie

29. Juni 2011

Die Fachzeitschrift The American Historical Review, eine der ältesten und angesehensten akademischen Zeitschriften der Vereinigten Staaten, veröffentlichte in der Ausgabe vom Juni 2011 eine kritische Rezension zweier Bücher: Das eine ist die verleumderische Biografie „Trotsky“ des britischen Historikers Robert Service, das andere ist das Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“ von David North, dem Vorsitzenden der US-amerikanischen Socialist Equality Party und der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site. Autor der doppelten Buchbesprechung ist der Historiker Bertrand M. Patenaude, Dozent für Geschichte und internationale Beziehung an der Universität von Stanford und Mitglied des Hoover Institute. Partenaude ist außerdem Autor des Buchs „Trotzki: Der verratene Revolutionär“, das im Original 2009 bei Harper Collins und in deutscher Sprache bei Propyläen veröffentlicht wurde.

Services Biografie kam 2009 heraus und wurde von der Kritik gelobt. Seine gnadenlosen Angriffe auf Trotzki garantierten Service die Gunst der reaktionären britischen Presse. In einer Kritik wurde die Biografie als Trotzkis „zweite Ermordung“ beschrieb. Der Autor unternahm nichts; um sich von einer so entwürdigenden Anerkennung zu distanzieren. Bei einer Verkaufsveranstaltung im Oktober 2009 erklärte Service: „In dem alten Trotzki steckt noch Leben. Aber wenn’s der Eispickel nicht geschafft hat, ihn totzukriegen, hoffe ich, dass es mir gelungen ist.“

Norths Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“ wurde 2010 im Mehring Verlag veröffentlicht. Einen großen Teil des Buchs nimmt eine detaillierte Widerlegung der Trotzki-Biografie von Service ein.

In seiner Buchbesprechung untersucht Patenaude Services Trotzki-Darstellung auf historische Richtigkeit und prüft in dem Zusammenhang auch die Richtigkeit von Norths Angriffen auf sie. Das Ergebnis von Patenaudes Auswertung der Kontroverse ist eine eindeutige Verurteilung von Services Biografie und eine ausdrückliche Parteinahme für Norths Kritik.

Wer es gewohnt ist, akademische Fachzeitschriften zu lesen, in denen Kritik üblicherweise vorsichtig und rücksichtsvoll geäußert wird, wird von der rückhaltlosen Offenheit schockiert sein, mit der Patenaude Service als Biografen und Historiker einschätzt.

Zu Anfang fasst Paternaude zusammen, was Service mit seiner Biografie erreichen wollte: „Es scheint, dass er [Service] sich vorgenommen hat, Trotzki als Menschen und historische Figur aufs Gründlichste zu diskreditieren. Sein Trotzki ist nicht einfach nur arrogant, selbstgerecht und von sich selbst eingenommen, sondern auch ein Massenmörder und Terrorist, ein kalter und herzloser Sohn, Ehemann, Vater und Genosse, ein intellektuelles Leichtgewicht, das seine Rolle in der Russischen Revolution falsch dargestellt hat, und dessen Werke weiterhin Generationen von Lesern in die Irre führen – ein Schwindel, für den sein Hagiograph Isaac Deutscher verantwortlich ist. In seinem Eifer, Trotzki niederzumachen, leistet sich Service zahlreiche historische Verzerrungen der Fakten und offene Fehler, in einem solchen Ausmaß dass die intellektuelle Integrität des gesamten Vorhabens fragwürdig wird.“

Patenaude fährt fort:

„Kommen wir nun zu David North. Er ist amerikanischer Trotzkist, und das Buch enthält seine Essays über Services Buch und frühere Trotzki-Biografien von Ian Thatcher und Geoffrey Swain. (Mein Buch von 2009, Trotzki – Der verratener Revolutionär, erwähnt er nicht.) Aufgrund von Norths politischer Verortung könnte man mit Fug und Recht vermuten, dass er in seiner Antwort auf Service übertreibt. Aber eine gründliche Auswertung von Norths Buch zeigt, dass seine Kritik an Service genau so ist, wie sie der Trotzki-Experte Baruch Knei-Paz in einem Zitat auf der Rückseite des Buches schildert: ‚ausführlich, peinlich genau, gut dargelegt und verheerend in seiner Kritik‘.“

Im Verlauf der Buchbesprechung folgt er den Hauptthemen von Norths Kritik und kommt dann auf seine Frage nach der „intellektuellen Integrität“ von Services „Vorhaben“ zurück. Patenaude weist Services bösartige Darstellung empört zurück, der junge Trotzki habe seine erste Frau mittellos und mit zwei Kindern im Stich gelassen. „In Wirklichkeit“, schreibt Patenaude, „half Trotzkis Familie in Russland seiner Frau Sokolowskaja und den Töchtern, und sie starb im Großen Terror als Trotzkistin.“

Patenaude äußert sich vernichtend über Services grundlegende Kompetenz als Historiker. „Die Anzahl von sachlichen Fehlern in Services Buch ist, wie North es sagt, ‚erstaunlich‘. Ich habe mehr als vier Dutzend gezählt.“ Er nennt Services Buch „als Referenz völlig ungeeignet“. Man kann sich kaum eine schlimmere Bewertung eines Historikers für das Werk eines Kollegen vorstellen. Um seinen Lesern einen Eindruck davon zu geben, welche Entrüstung die Schlampigkeit von Services Werk bei ihm ausgelöst hat, fügt Patenaude hinzu: „Die Fehler sind zuweilen so krass, dass sie einem die Sprache verschlagen“.

Services kruder Umgang mit Fakten zeugt von einem tieferen Problem: von seiner Unwissenheit und seinem Desinteresse an Trotzkis Ideen. Patenaude schreibt: „Service schafft es nicht, auf Trotzkis politische Ideen in seinen Werken und Reden einzugehen. Es scheint auch, als habe er sie manchmal gar nicht zu verstehen versucht.“ Patenaude zeigt auf, dass Service, der Trotzkis Ideen oft falsch interpretiert und ihm sogar Ansichten über Kunst zuschreibt, gegen die er in Wirklichkeit argumentiert hat, „sich von Fakten nicht davon abhalten lässt, die ‚Grobheit‘ von Trotzkis Urteilen über Kultur zu enthüllen“.

Patenaude wendet sich dann Services persönlichen Angriffen auf die Hauptperson seiner Biografie zu. Er erklärt: „Da er seine Ansichten nicht belegen kann, greift Service auf unfaire und verleumderische Bemerkungen zurück, um seine Leser zu überzeugen, dass Trotzki ein verachtenswerter Mensch gewesen sei.“ Services Versuch, die Dewey-Kommission von 1937, die Trotzki von den Anklagepunkten der Moskauer Prozesse freisprach, zu diskreditieren, bezeichnet Patenaude als „Travestie der tatsächlichen Fakten“.

Patenaude verhehlt nicht seine Verachtung für Services „Kreuzzug, um Trotzki auf eine Stufe mit Stalin als großen revolutionären Tyrannen des zwanzigsten Jahrhunderts zu stellen“. Aber die Geschichte spricht gegen Service. „Weil sich die Geschichte so und nicht anders entwickelt hat, – Trotzki wurde 1940 in Mexiko von einem stalinistischen Agenten ermordet –, muss sich Service anstrengen, wenn er seine Leser überzeugen will.“ Patenaude fügt hinzu: „Aber mit Andeutungen und unlogischen Schlüssen kommt Service nicht weit, also muss er Beweise erfinden.“ Was Services Behauptung angeht, Trotzki habe geprahlt, er sei bereit, „mehrere Tausend russische Arbeiter zu verheizen, um eine wirklich revolutionäre Bewegung in Amerika zu schaffen“, weist Patenaude darauf hin, dass „North Service bei einer offenen Fälschung ertappt“.

Patenaude weist auch auf schwere grundlegende Defizite in Services Recherche hin. Er stellt fest, dass Service die Papiere, die Trotzki kurz vor seiner Ermordung in der Houghton Library der Harvard University deponiert hatte, größtenteils ignoriert hat.

Patenaude schließt seine Rezension mit einem vernichtenden Urteil ab: „North nennt Services Biografie eine ‚Schmiererei‘. Das ist ein hartes Wort, aber es trifft zu. Harvard University Press hat ein Buch drucken lassen, das den elementarsten Anforderungen an Geschichtswissenschaft nicht entspricht.“

Patenaude hat ein Urteil über Service gefällt, das so vernichtend wie unwiderlegbar ist. Service kann keine Fakten aufbringen, um diese Enthüllung seiner intellektuellen Unehrlichkeit und professionellen Inkompetenz zu widerlegen.

Service sonnt sich im Lob reaktionärer Journalisten und nützt das zynische und intellektuell feige Klima aus, das in einem Großteil der akademischen Zirkel vorherrscht. Er nahm an, dass seine verleumderischen Verfälschungen von Trotzkis Leben und Ideen unwidersprochen bleiben würden. Und selbst wenn die trotzkistische Bewegung auf seine Lügen und Verdrehungen hinweisen würde, glaubte Service, würde niemand Notiz davon nehmen.

Aber Service machte den Fehler, anzunehmen, dass alle anderen auch so zynisch wären wie er. Und als schlechter Historiker konnte sich Service nicht vorstellen, dass veränderte objektive Bedingungen zu einem neuen Interesse am Leben und den Ideen von Trotzki und anderer großer marxistischer Revolutionäre des zwanzigsten Jahrhunderts führen würden. Bertrand Patenaude ist zwar weder Marxist, noch ist ihm Trotzki politisch sympathisch, aber er versteht, dass Trotzki eine wichtige historische Figur ist, deren Ideen und Taten man mit Ernsthaftigkeit behandeln muss, – das heißt, mit intellektueller Ernsthaftigkeit und, wie Trotzki gesagt hätte, mit „Treue zur Wahrheit“.

Im Kampf um die historische Wahrheit ist die Veröffentlichung von Patenaudes Kritik an Service im American Historical Review ein wichtiger Sieg. Es wird nicht der letzte sein.

Das Buch “Verteidigung Leo Trotzkis” von David North kann man über den Mehring-Verlag hier bestellen: http://www.mehring-verlag.de/gesamtkatalog/geschichte-philosophie-und-politik/verteidigung-leo-trotzkis/

dem Politischen Komitee der Socialist Equality Party (USA)