New York Times beklagt „Verschwendung“ bei Medicare

Von Kate Randall
16. Juni 2011

Die New York Times setzt ihren Feldzug gegen die “verschwenderischen” Medicare-Ausgaben und “unnötigen” Konsultationen und Operationen fort. Die neueste Salve erfolgte in Form eines Kommentars mit dem Titel “Geldverschwendung bei Medicare”. Autorin ist Rita F. Redberg, Leiterin der Women's Cardiovascular Services [Herz-Kreislauf-Dienste für Frauen] am Medizinischen Zentrum der University of California San Francisco (UCSF).

In ihrer Kolumne vom 25. Mai stellte Frau Redberg fest: “Medicare gibt jedes Jahr ein Vermögen für Operationen aus, deren Wirksamkeit nicht erwiesen ist, und die die Versicherung nicht bezahlen sollte.” Sie behauptet, ihre Schlussfolgerungen hätten nichts mit politischen Überlegungen oder versteckten Absichten zu tun. Wir sehen das anders.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Times tiefe Einschnitte bei den Gesundheitsausgaben fordert. Sie setzte sich schon für Präsident Obamas Gesundheitsreform ein, die einen Feldzug gegen die Finanzierung von Behandlungen und Operationen besonders älterer Menschen eröffnete und gleichzeitig Milliarden in die Kassen der Gesundheitsindustrie spülte.

Die neueste Times-Kolumne steckt voller Lügen, die schon bei der Beschreibung der Autorin beginnen. Obwohl Rita Redbergs Karriere genau dazu passt, dass sie die Kostensenkung bei Medicare unterstützt, erwähnt die Times nicht einmal, dass Redberg von 2003 bis 2006 im Büro des rechtsextremen republikanischen Senators Orrin Hatch arbeitete. Hatch war ein lautstarker Befürworter von Einsparungen im Gesundheitssystem und kritisierte Obamas Vorschläge von rechts.

Redberg ist derzeit Chefredakteurin der Archives of Internal Medicine, einer zweimonatlich erscheinenden Mediziner-Zeitschrift, die von der American Medical Association herausgegeben wird. In dieser Position war sie, ihrer Universitäts-Biografie zufolge, “eine Vorkämpferin für die neuen Schwerpunkte der Zeitschrift: die Gesundheitsreform und das Thema 'weniger ist mehr'. Diese Themen beschäftigen sich mit Bereichen der medizinischen Versorgung, die keinerlei bekannten Nutzen haben, aber deutliche Risiken tragen”.

In ihrer Kolumne zählt Redberg eine Reihe von Untersuchungen und Verfahren auf und behauptet, diese würden im Medicare-System exzessiv eingesetzt und sollten deshalb eingeschränkt werden. “Der oberste Versicherungsfachmann von Medicare schätzt”, schreibt sie, “dass zwischen fünfzehn und zwanzig Prozent der Ausgaben bei der Gesundheitsvorsorge reine Verschwendung sind”. Außerdem “könnten zwischen fünfundsiebzig Milliarden und einhundertfünfzig Milliarden US-Dollar eingespart werden, ohne dass notwendige Leistungen eingeschränkt würden”.

Die verschwenderischen Ausgaben, von denen Redberg redet, sind Vorsorgeuntersuchungen und Behandlungen, die bekanntermaßen Millionen Menschen das Leben retten können. Die meisten von Redberg genannten Behandlungen wurden nicht von zu vielen Menschen in Anspruch genommen, sondern sehr viele Menschen müssen auf sie verzichten.

Würde das Wohlergehen der Bevölkerung im Zentrum stehen, dann würde man versuchen, Pflege und Lebensrettung zu verbessern. Aber seit Beginn der Debatte über die Gesundheits-“Reform” geht es dem politischen Establishment nicht darum, die Gesundheitsversorgung der breiten Bevölkerung zu verbessern, sondern den Nettoprofit der Gesundheitsindustrie auszubauen und zu steigern. Dazu gehören die Versicherungskonzerne, riesige Krankenhausketten und Pharmaunternehmen.

Redbergs Argumentation, die von der Times aufgegriffen wird, enthält auch eine beunruhigende, unterschwellige Aussage: Die Menschen leben zu lange, und die Mittel des Gesundheitswesens sollten nicht für ältere Menschen ausgegeben werden, nur um ihr Leben für eine kurze Zeit zu verlängern oder zu erleichtern.

Im Zentrum von Redberg's Artikel stehen die Ausgabenkürzungen für viele Untersuchungen und Operationen, die bisher von Medicare bezahlt werden. Sie stützt sich in weiten Teilen auf die Empfehlungen der United States Preventive Services Task Force (USPSTF), einer staatlichen, angeblich “unabhängigen” Stelle, die in den letzten Jahren aber immer öfter Einschnitte bei den Leistungen des Gesundheitssystems empfohlen hat. Im Jahr 2009 hat das Gremium empfohlen, dass bei Frauen unter Fünfzig keine jährliche Mammographie mehr durchgeführt werden solle, was auf breiten Widerstand gestoßen ist.

Redberg nennt in diesem Zusammenhang folgende Maßnahmen:

1. Vorsorge-Koloskopie: Die USPSTF rät von routinemäßigen Koloskopie-Screenings bei Patienten über 75 Jahren ab, weil es mindestens acht Jahre dauert, bis der Nutzen daraus in vollem Umfang abgeschöpft ist. Redberg beklagt die Tatsache, dass Medicare entgegen der USPSTF-Empfehlung mehr als hundert Millionen Dollar für fast 550.000 Koloskopie-Untersuchungen ausgab, und dass rund vierzig Prozent bei Patienten über fünfundsiebzig Jahre durchgeführt wurden.

Dazu stellt das amerikanische Zentrum für Krankheitskontrolle und Vorsorge (CDC) fest, dass bei einer frühzeitigen Entdeckung und Behandlung von Darmkrebs der Prozentsatz jener Menschen, welche die nächsten fünf Jahre überleben, bei neunzig Prozent liege. Aber weil nur wenige Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt werden, werden weniger als vierzig Prozent der kolorektalen Karzinome frühzeitig erkannt.

Redbergs Argumentation läuft im Wesentlichen darauf hinaus, dass es für jene, die das Alter von fünfundsiebzig Jahren erreicht hätten, sinnlos sei, Krebsvorsorge zu betreiben, – trotz der Tatsache, dass immer mehr Amerikaner bis in die achtziger und sogar neunziger Jahre ein erfülltes Leben führen. Aber möglicherweise ist das gerade der Grund, weshalb Redberg und die "Times" so besorgt sind.

Im Jahr 2005 war in den USA bei nur fünfzig Prozent der über Fünfzigjährigen in den vorangegangenen zehn Jahren eine Sigmoidoskopie oder Koloskopie durchgeführt worden. Sicherlich hätten viele Medicare-Patienten behandelt und möglicherweise vom Krebs geheilt werden können, hätten sie denn die entsprechende Vorsorgeuntersuchung erhalten.

2. Vorsorgeunteruchung zur Erkennung von Gebärmutterhalskrebs bei Frauen und Prostatakrebs bei Männern: Die USPSTF empfiehlt die Einstellung von Vorsorgeuntersuchungen auf Prostatakrebs bei Männern über fünfundsiebzig, und zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs bei über fünfundsechzig-jährigen Frauen, bei denen ein früherer Pap-Test keinen Befund ergab. Redberg zufolge gab Medicare im Jahr 2008 mehr als fünfzig Millionen Dollar für solche Vorsorgeuntersuchungen aus.

Im Jahr 2007 wurden der CDC zufolge bei 12.280 Frauen in den Vereinigten Staaten Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert, und über viertausend Frauen starben an der Krankheit. Seit der Einführung des Pap-Tests vor fünfzig Jahren ist es den Vorsorgeuntersuchungen zu verdanken, dass die Todesfälle durch Gebärmutterhalskrebs um siebzig Prozent zurückgegangen sind.

Dennoch sagen etwa elf Prozent der Frauen in den USA, dass sie keine regelmäßige Vorsorgeuntersuchung erhalten. Ein Bericht aus dem Jahr 1996 vom National Institute of Health (NIH) des amerikanischen Gesundheitsministeriums zeigt, dass bei der Hälfte der Frauen mit Gebärmutterhalskrebs der Pap-Test niemals durchgeführt worden ist.

Der NIH-Bericht stellt fest: “Zu den ungetesteten Schichten gehören ältere Frauen, solche ohne Versicherung, ethnische Minderheiten, insbesondere die Spanier und ältere Schwarze, und arme Frauen, besonders aus ländlichen Gebieten”. Eine aggressive Kampagne der Regierung zur Förderung und Finanzierung von Gebärmutterhalskrebs-Vorsorgeuntersuchungen würde Leben retten. Redberg behauptet jedoch, das Problem seien die übertrieben häufigen Untersuchungen älterer Frauen.

Laut der CDC wurden 2007 in den USA 223.307 neue Fälle von Prostatakrebs diagnostiziert, und 29.093 Menschen starben an der Krankheit. Mit dem Alter nimmt das Prostata-Krebsrisiko zu. Von hundert Männern, die heute sechzig sind, werden sechs oder sieben mit siebzig Jahren Prostatakrebs bekommen.

Zwar gibt es unter Medizinern Differenzen über die Risiken und Vorteile von Prostata-Vorsorgeuntersuchungen für ältere Männer. Aber das CDC empfiehlt, dass die Entscheidung darüber, ob getestet werden solle oder nicht, durch eine vertrauliche Diskussion zwischen dem Patienten und seinem Arzt getroffen werde. Redberg fordert dagegen, dass Medicare Untersuchungen für Männer ab siebzig nicht mehr bezahlen solle.

Herzkatheter und Defibrillatoren: Redbergs Vorschlag, die Medicare-Ausgaben für Herzkatheter und Defibrillatoren zu kürzen, ist der neueste Vorstoß einer langen Kampagne der Times für die Reduzierung einer “Übertherapie” bei Herzerkrankungen. Die Zeitung machte sich früher schon für den sparsameren Einsatz von Stents zur Offenhaltung verstopfter Arterien stark. Sie argumentierte auch gegen den übermäßigen Einsatz von Herzschrittmachern und die zu häufige Verschreibung von Cholesterin-Senkungsmitteln.

Redberg schreibt: “Mehrere klinische Studien haben gezeigt, dass kardiale Stents nicht wirksamer sind als Medikamente oder eine Änderung des Lebensstils, um Herzattacken oder Tod vorzubeugen.” Sie stellt keine Links auf diese klinischen Studien zur Verfügung und unterlässt es auch, den häufigsten Einsatz von Stents zu erwähnen: bei der Behandlung eines plötzlichen Herzstillstands oder der Nachbehandlung eines Herzinfarkts.

Auch über die häufige Verwendung von Stents sind sich die Mediziner uneins, und es kursieren auch widersprüchliche Gutachten und Studien darüber. Aber was Redberg interessiert, sind vor allem die anderthalb Milliarden Dollar, die Medicare jährlich einsparen könnte, würden die Zahlungen für Stents stark eingeschränkt.

In Bezug auf implantierbare Defibrillatoren zitiert Redberg aus einer aktuellen Studie, die feststellte, dass “ein Fünftel aller implantierbaren Defibrillatoren bei Patienten eingesetzt wurden, die nach geltenden klinischen Erkenntnissen keinen Nutzen davon haben. Aber trotzdem zahlt Mediacre in allen Fällen für sie, und die Kosten belaufen sich auf fünfzigtausend bis hunderttausend Dollar pro implatiertem Gerät.”

Wie die WSWS erst kürzlich aufzeigte, kann man in der Medizin immer Fälle finden, bei denen eine Behandlung oder Vorsorgeuntersuchung Schäden oder Verletzungen verursachen könnte. Ärzte müssen ständig das Für und Wider aller Vorsorgeuntersuchungen oder Verfahren abwägen und dabei das bestmögliche Ergebnis für ihre Patienten im Auge behalten.

Rita Redbergs Kolumne über die “Verschwendung der Medicare Gelder” hat nichts mit einem solchen Ansatz zu tun. Sie beendet ihre Kolumne mit der zynischen Bemerkung: “Natürlich sollte es den Ärzten im Einverständnis mit ihren Patienten freistehen, zu verordnen, was immer sie an Therapie für angebracht halten. Aber wenn der Nutzen der Therapie, zu der sie dieses, wenn auch gut gemeinte Urteil führt, nicht nachgewiesen ist, sollten die Steuerzahler nicht verpflichtet sein, dafür zu zahlen.”

Das bedeutet jedoch, dass für all jene, die zu arm sind, um sich das leisten zu können, was der Arzt “an Therapie für angebracht hält”, die bestmögliche Behandlung unterbleiben wird. Mit anderen Worten, wer zu arm ist, um sich die Vorsorgeuntersuchungen zu leisten, welche die herrschende Klasse als “unnötig” oder “übertrieben” erachtet, wird auch keinerlei Zugang dazu mehr erhalten. Die Reichen werden natürlich auch weiterhin die bestmögliche Gesundheitsversorgung erhalten, die man für Geld kaufen kann.

Redberg beteiligt sich an dieser anhaltenden Kampagne der New York Times, um die Gesundheitsleistungen für ältere, arme und behinderte Menschen zu demontieren. Ihr Kommentar erschien nur einen Tag nach einer bemerkenswerten Wahl in Buffalo, New York: Sie endete mit einer überraschenden Niederlage des republikanischen Kandidaten. Diese Abstimmung wurde allgemein als Referendum über Medicare-Einschnitte betrachtet. Die Demokratische Partei reagierte mit der Behauptung, das Ergebnis dürfe niemanden davon abhalten, die Angriffe auf das Gesundheitswesen fortzusetzen.

Redbergs Kolumne erschien zusammen mit einem Leitartikel der New York Times, in dem es hieß: “Früher oder später werden die Demokraten zugeben, dass Medicare in seiner jetzigen Form nicht aufrechterhalten werden kann.” Weitere Einschnitte im Gesundheitssystem wurden gefordert. Darauf folgte ein Artikel von David Brooks, der forderte, beide Parteien müssten sich auf die Zerschlagung von Medicare einigen. Eine solche Einigung würde sowohl Demokraten als auch Republikaner gegen die Wut der Wähler abschirmen.

Kolumnist Joe Nocera erklärt in der gleichen Woche: “Die Debatte, die wir brauchen, dreht sich nicht darum, ob, sondern wie Medicare reformiert werden sollte.” Die Wirtschaftsjournalistin Gretchen Morgenson vervollständigte die Kampagne der Redaktion mit einem Artikel vom 29. Mai über die allgemeine Problematik des 14,3 Billionen Dollar betragenden Staatsdefizits. Sie zitierte aus einem neuen Bericht über die langfristigen Auswirkungen des Defizits für die Vereinigten Staaten und das weltweite Finanzsystem. Dieser Kommentar trug die bemerkenswerte Überschrift: “Die Möglichkeiten der Vereinigten Staaten sind ausgereizt. Bald ist es Zeit, die Rechnung zu begleichen.“

Die Leser sollen folgender Argumentation zustimmen: Medicare ist pleite, Milliarden werden für die Pflege verschwendet, und die Kürzungen müssen weiter gehen. Steuerzahler, so wird argumentiert, dürfen nicht zur Geisel dieser verschwenderischen Ausgaben gemacht werden. Dabei werden die Milliarden Dollar aus dem Geld der Steuerzahler, die für die Rettung der Banken oder für die Finanzierung der imperialistischen Kriege verschwendet werden, natürlich nicht erwähnt.

Die Socialist Equality Party lehnt diese ganze Debatte rundheraus ab. Eine Lösung der Krise im Gesundheitssystem ist nicht durch eine Ausgabenreduzierung oder die Beseitigung medizinischer Tests und Verfahren für die arbeitende Bevölkerung zu haben, sondern erfordert, dass das Gesundheitswesen der Privatwirtschaft entzogen und vergesellschaftet wird. Nur auf diese Weise kann die gesundheitliche Versorgung – ein elementares soziales Grundrecht – verteidigt werden.