Der Mord an Osama bin Laden: Obamas “historischer Augenblick”

5. Mai 2011

Von all den Bildern, die seit den moralisch fragwürdigen Ereignissen am Sonntagabend aufgetaucht sind, ist das vom Weißen Haus veröffentlichte offizielle Foto das politisch bedeutendste und, wie man annehmen darf, dauerhafteste. Es zeigt, wie Präsident Barack Obama, Vizepräsident Joseph Biden, Außenministerin Hillary Clinton, Verteidigungsminister Robert Gates und andere hohe Staatsbeamte der US-Regierung zusammen in einem Raum bei der Ermordung von Osama bin Laden und einigen anderen Menschen, darunter einer Frau, zuschauen.

Normalerweise werden die Zeugen einer Hinrichtung nicht fotografiert. Aber das Weiße Haus wollte diesen „historischen Augenblick“ offensichtlich für die Nachwelt festhalten. Die Augen aller an diesem makabren Schauspiel Beteiligten – mit Ausnahme eines Militäroffiziers, der an seinem Computer arbeitet – sind offensichtlich auf einen Bildschirm gerichtet. Obama starrt mit versteinerter Miene vor sich hin. Gates Gesicht drückte die Gefühle eines Mannes aus, der sich mit solchen Operationen nur allzu gut auskennt. Hillary Clinton hält sich die rechte Hand vor den Mund. Ihre Geste verrät das Grauen dessen, was sich da vor ihren Augen abspielt.

Nach Bin Ladens Hinrichtung beeilten sich das Weiße Haus und die Medien, diesen illegalen, staatlich angeordneten Mord zu feiern. Der Präsident wählte den Ostflügel des Weißen Hauses, um die Nation am späten Sonntagabend über bin Ladens Tod zu informieren.

Obama, der alles daran setzt, mit der Hinrichtung identifiziert zu werden, glaubt fraglos, dass dies der “entscheidende” Moment seiner Präsidentschaft ist. Aber was verrät diese Einstellung, die von den Medien so enthusiastisch gefeiert wird, über den politischen und moralischen Zustand der Regierung der Vereinigten Staaten?

Die Szenen, die sich nach der Verkündung von bin Ladens Hinrichtung abspielten – oder besser gesagt: nach den Szenen über die die Medien berichteten -, sind hässlich und erniedrigend. Die Grunzgesänge “USA! USA!” - haben im vergangenen Vierteljahrhundert den Charakter öffentlicher Rituale angenommen. Sie waren in den Vereinigten Staaten unbekannt, bis sie durch den widerlichen Chauvinismus von Sportreportern, die die Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 entwürdigten, angestiftet wurden. Natürlich sind nur sehr wenige Menschen an solchen Demonstrationen politischer Rückständigkeit beteiligt. Aber die Medien berichten ausgiebig darüber, um die Öffentlichkeit einzuschüchtern, kritisches Denken zu unterdrücken und ein Gefühl politischer und emotionaler Isolation unter denen zu verbreiten, die nicht bereit sind, ihre demokratischen Prinzipien und ihre moralische Integrität aufzugeben.

Wie lassen sich die Massenmedien in den Vereinigten Staaten beschreiben? Die Reaktion auf bin Ladens Ermordung enthüllt einmal mehr das Ausmaß, in dem die Trennungslinie zwischen Berichterstattung und Propaganda praktisch ausgelöscht worden ist. In einem unbeabsichtigt enthüllenden Moment informierte CNN-Chefreporter Wolf Blitzer sein Publikum, dass der Sender eine Mitteilung des Weißen Hauses erhalten habe, in der CNN ein Kompliment für seine „verantwortungsvolle“ Berichterstattung der Ereignisse ausgesprochen werde. Dieses Kompliment, das jedem seriösen Journalisten die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, wurde von Blitzer voller Stolz präsentiert.

Die Schlagzeile der New York Times vom Dienstag lautet: “Hinter der Jagd auf bin Laden”. Der darauf folgende Artikel hat mit Berichterstattung nichts zu tun, sondern besteht aus kriecherischer Propaganda. Wir lesen: „Für die Geheimdienste, die im vergangenen Jahrzehnt wegen einer Reihe von Fehlschlägen harsch kritisiert worden waren, kam die Tötung bin Ladens wie eine Erlösung. Für ein Militär, das sich mit zwei, jetzt sogar drei Kriegen in muslimischen Ländern abplagt, brachte sie einen ungetrübten Erfolg. Und für den Präsidenten, dessen Führungskraft in nationalen Sicherheitsfragen angezweifelt wurde, brachte sie einen Moment der Bestätigung, der in die Geschichtsbücher eingehen wird.“

So viel zu einer kritischen Untersuchung des offensichtlichen Gesetzesbruches beim Vordringen auf pakistanisches Territorium und des Mordes selbst, ganz abgesehen von einer Untersuchung der vielen unbeantworteten Fragen und Widersprüchlichkeiten, die die Version der Ereignisse aufgeworfen hat, die die Obama-Administration verbreitet hat. Dienstagnacht wurde die anfängliche Behauptung, bin Laden sei mit einem Gewehr in der Hand getötet worden, zurückgenommen und durch Berichte ersetzt, er sei im Moment seines Todes unbewaffnet gewesen.

Auch der Leitartikel der Times ist nicht weniger jubilierend. Er beginnt mit den Worten: „Die Nachricht, dass Osama bin Laden von amerikanischen Kräften gestellt und getötet worden ist, erfüllt uns und alle Amerikaner mit einem Gefühl großer Erleichterung.“

Lassen wir die ungerechtfertigte Annahme, die Times spreche für “alle Amerikaner” einmal außer Acht und fragen: Wieso sollte die Tötung eines Mannes, der sich seit einem Jahrzehnt versteckt und der, wie fast von allen Seiten zugegeben wird, unfähig war, die Ereignisse zu beeinflussen oder gar zu bestimmen – „Erleichterung“ bringen? Wieso sollte die „Erleichterung“ über seine Tötung schwerer wiegen als die Besorgnis, die die weitreichenden und lang anhaltenden Folgen der illegalen Tötung eines Menschen durch die Vereinigten Staaten haben werden? Es überrascht nicht, dass die Times kein Wort darüber verliert, dass die USA und die Nato vierundzwanzig Stunden vor dem Mord an bin Laden bei einem erfolglosen Mordanschlag auf den libyschen Führer den Sohn und drei Enkel Muammar Gaddafis umgebracht haben.

Das Blatt verkündet ein ums andere Mal die “historische” Bedeutung der Ermordung bin Ladens. Es liefert aber keine Erklärung dafür, warum dieses Ereignis von solch monumentaler Bedeutung sein soll. Weder Obama noch die Medien haben angedeutet, dass bin Ladens Tod ein Ende der Kriege und der Besetzungen durch die USA bringen wird. Ganz im Gegenteil: Die New York Times erklärt in dem oben angeführten Leitartikel: „Selbst jetzt, wo es uns leichter fällt, wieder durchzuatmen, dürfen wir nicht vergessen, dass der Kampf gegen die Extremisten noch lange nicht vorüber ist.“ In anderen Worten: Die Kriege gehen weiter. Ein neues Feindbild wird bald ge- oder erfunden werden, um bin Laden zu ersetzen.

Der Missbrauch des Begriffes “historisch”, um den Mord vom Sonntag zu beschreiben, ist nicht nur ein Beispiel journalistischer Übertreibung. Er drückt die Wahnvorstellungen der amerikanischen herrschenden Klasse aus, man könne den Lauf der Geschichte durch willkürliche Gewalt bestimmen.

Aber die Entwicklung der Geschichte wird durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse bestimmt, die weitaus mächtiger sind als das amerikanische Militär.

Der unaufhaltsame Verfall des amerikanischen Kapitalismus geht weiter. Während der vergangenen zwanzig Jahre hat es die herrschende Klasse trotz militärischer Eingriffe und Kriege nicht geschafft, die globale Position der Vereinigten Staaten wieder herzustellen. In der Woche, die bin Ladens Ermordung vorausging, fiel der Dollar auf ein historisches Tief.

Der amerikanische Kapitalismus steckt auch weiterhin in der schlimmsten wirtschaftlichen Rezession seit der Großen Depression. Die Regierung in Washington taumelt am Rand des Bankrotts. Die Bundesstaaten haben keine Reserven mehr. Die soziale Infrastruktur bricht zusammen. Gier, Korruption und Parasitentum der Superreichen lassen die Empörung in der Bevölkerung wachsen. Aber das politische System kann nicht auf die Forderungen nach sozialen Reformen und wirtschaftlichen Erleichterungen reagieren.

Wie so viele vorangegangene Ereignisse, die von amerikanischen Präsidenten als „historisch“ eingeschätzt wurden – die Gefangennahme Saddam Husseins zählt zu den jüngsten – wird auch dieses schnell von den unvorhergesehenen Folgen der gewissenlosen Entscheidungen überholt werden, denen es entsprang. Obamas „historischer Moment“ wird sich bald als eine weitere schäbige Episode in dem politischen, ökonomischen und moralischen Zerfall der amerikanischen herrschenden Klasse erweisen.

David North