Der Tornado von Joplin, Missouri

27. Mai 2011

Schon wieder hat eine Katastrophe eine verarmte Region in den Vereinigten Staaten betroffen. Der Tornado, der am Sonntag einen großen Teil de Städtchens Joplin in Missouri verwüstet hat, hat bis jetzt 124 Todesopfer gekostet. Diese Zahl wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch viel höher steigen. 1.500 Menschen werden noch vermisst. Schon jetzt ist der Tornado der tödlichste, der die Vereinigten Staaten seit 1947 heimgesucht hat.

Die Tornado-Saison hat erst begonnen, aber schon jetzt zählt 2011 zu den tödlichsten Jahren in der Geschichte des Landes. Mindestens 487 Menschen sind bis jetzt getötet worden. Das ist die größte Zahl seit 1936, als das Tornado-Warnsystem eingeführt wurde. Als Rettungsmannschaften am Dienstag noch die Trümmer zerstörter Häuser durchsuchten, bereitete sich die Region schon wieder auf neue, sogar noch heftigere Stürme vor.

Mehrere Faktoren haben zu dieser Katastrophe beigetragen. Da ist zu erst einmal die Anzahl und die Heftigkeit der Tornados selber. Im April gab es 875 bestätigte Tornados, d.h. drei Mal so viele wie im bisherigen Rekord-April. Vor allem zum Monatsende gab es eine heftige Tornado-Serie im Süden und Mittleren Westen, bei der alleine 325 Menschen in sechs Bundesstaaten ums Leben kamen. Die jetzt schon tausend Tornados in diesem Jahr lassen erwarten, dass der bisherige Rekord von 1.817 Tornados im Jahre 2004 dieses Jahr übertroffen wird.

Die Intensität der Tornado-Saison in diesem Jahr, wie auch die wahrhaft historischen Fluten entlang des Mississippi, könnten mit dem Klimawandel zusammenhängen. Wissenschaftler sagen voraus, dass eine Zunahme der Treibhausgase nicht nur die Atmosphäre aufheizen, sondern auch scharfe Veränderungen des Klimas bewirken wird, und dass es infolge dessen immer häufiger zu immer stärkeren Sturmsystemen kommen wird.

Wie bei jeder Katastrophe dieser Art gehen auch hier die Elemente mit sozialen Bedingungen Hand in Hand. Sowohl die zerstörerische Gewalt der Stürme, als auch die Verzweiflung, die sie hinterlassen, entlarven erneut die Folgen der Ungleichheit, den mangelhaften Zustand der gesellschaftlichen Infrastruktur und die unzulängliche Hilfe der Regierung für die Opfer.

Der Tornado vom Sonntag schlug nur sechzig Meilen nördlich von Bentonville zu, wo sich die Weltzentrale von Walmart [amerikanischer Supermarktkonzern] befindet. Als Reaktion auf die Katastrophe gab Walmart bekannt, es werde eine Million Dollar an das örtliche Rote Kreuz spenden, was zweifellos von der Steuer absetzbar ist. Die Summe liegt leicht oberhalb dessen, was der weltgrößte Einzelhändler in jeder einzelnen Minute umsetzt.

Die Familie Walton, die Gründerin von Walmart, gehört zu den reichsten der Welt. Einige Familienmitglieder leben in Bentonville. Der Familienbesitz beläuft sich grob geschätzt auf neunzig Milliarden Dollar. Das entspricht in etwa dem Besitz der unteren vierzig Prozent der Gesellschaft, d.h. von 120 Millionen Menschen.

Dies ist ein Beispiel für die enorme Ungleichheit, die im ganzen Land herrscht, und sie ist auch an der Art und Weise zu sehen, wie die Leute wohnen. Eine statistische Zahl, die vor kurzem in der World Socialist Web Site zitiert wurde, ist besonders beeindruckend: Die Zahl der toten Tornadoopfer, die in Wohnwagen lebten, ist heute höher als die Gesamtzahl der Tornado-Toten landesweit im Jahre 1925, und damals mangelte es in der „Tornado-Rennstrecke“ – Oklahoma, Kansas und Missouri – noch an der primitivsten sozialen Infrastruktur. Noch vor dem Joplin-Tornado waren in diesem Jahr mindestens 119 der von Tornados getöteten Menschen Bewohner von Wohnwagen.

Die Vermehrung von Wohnwagen in Gegenden, die regelmäßig von Tornados geplagt werden, hat seit der Finanzkrise von 2008 noch deutlich zugenommen. Sie setzt große Teile der Bevölkerung schutzlos den Elementen aus. Diese mobilen Bauten sind nicht in der Lage, Windböen von siebzig bis achtzig Meilen pro Stunde standzuhalten, geschweige denn einem Tornado von fast zweihundert Meilen pro Stunde, wie er zum Beispiel Joplin in diesem Jahr heimgesucht hat.

Es geht aber nicht nur um die Wohnbedingungen. Die amerikanische herrschende Klasse versucht gegenwärtig ganz allgemein, die Arbeiterklasse in Bedingungen zurückzustoßen, wie sie 1925 oder noch früher geherrscht haben. Alle Errungenschaften der Arbeiter, die sie seit der Zeit erkämpft haben, stehen im Fadenkreuz, darunter die Krankenversicherung, Rentenprogramme und die öffentliche Schulbildung.

Millionen Menschen kämpfen ums nackte Überleben. Ein Ereignis von wesentlich geringerer Tragweite als ein Monstersturm reicht aus, um sie von prekärer finanzieller Instabilität in völligen Bankrott und Verarmung zu stoßen.

Diese Bedingungen sind von Republikanischen und Demokratischen Regierungen in Washington gefördert worden. Die Obama-Regierung treibt das gegenwärtig auf die Spitze. Obama gab der Bevölkerung von Joplin am Dienstag das rituelle Versprechen, die Regierung werde „absolut alles in ihrer Macht Stehende tun, um sicherzustellen, dass sie wieder auf die Füße kommen“. Sein Auftritt in der zerstörten Stadt wird für das kommende Wochenende erwartet.

In Wirklichkeit werden die Opfer, wie bei früheren Katastrophen, letztlich weitgehend sich selbst überlassen. Diese Regierung hat schließlich auf die Ölkatastrophe von BP mit der Einrichtung eines „Entschädigungsfonds“ reagiert, dessen zentrale Aufgabe darin zu bestehen scheint, möglichst viele Ausreden zu finden, um den Opfern Hilfeleistungen zu verweigern.

Wie das politische Establishment wirklich zu solchen Katastrophen steht, kommt im Haushaltsansatz der Regierung für Katastrophenhilfe durch die FEMA zum Ausdruck: Dort sind 1,8 Milliarden Dollar für das nächste Jahr vorgesehen. In einem AP-Bericht heißt es: „Das ist weniger als die Hälfte dessen, was für Wiederaufbaukosten für vergangene Katastrophen (wie die Hurrikane Katrina, Rita und Gustav) und für die enormen Schäden der Fluten in Tennessee vom Frühjahr von Nöten wäre, ganz zu Schweigen von der nächsten Welle von Rechungen, die jetzt reinkommt.“

Allein der wirtschaftliche Versicherungsschaden in Joplin wird auf drei Milliarden Dollar geschätzt. Dabei sind die nicht versicherten Schäden an Gebäuden nicht mitgezählt. Entlang des Mississippi sind durch die Überschwemmungen Dutzende Billionen Dollar an Schäden entstanden, und mindestens sechs Milliarden Dollar durch die Tornados in Alabama im vergangenen Monat.

Die Republikaner im Repräsentantenhaus überlegen, den Haushalt für Katastrophenhilfe um eine Milliarde Dollar aufzustocken, doch sie haben klar gemacht, dass das Geld bei Sozialprogrammen eingespart werden müsse. Im Sommer letzten Jahres wurden die bescheidenen Infrastrukturprojekte der FEMA noch ein halbes Jahr lang wegen unzureichender Mittel hinausgezögert.

Schon die Hilfe; die von der FEMA geleistet wird, ist bestenfalls unzureichend. Die Website der Behörde gibt sich Mühe, die Erwartung zu dämpfen, es sei „unsere Aufgabe, Ihr Eigentum in den Zustand von vor der Katastrophe zu versetzen“. Die Finanzierung eines Hausbaus bietet sie nur in isolierten und abgelegenen Gebieten an, die FEMA selbst festlegt.

Das Feilschen der Regierung um eine Milliarde Dollar für Nothilfe steht in schreiendem Kontrast zu ihrer Bereitwilligkeit, Dutzende oder Hunderte Milliarden Dollar für die Rettung des Finanzsystems und für die Ausweitung von Kriegen auszugeben.

Die Socialist Equality Party fordert ein großes Programm öffentlicher Arbeiten als Reaktion auf den Tornado in Joplin, Missouri und auf die anderen Katastrophen, die die Vereinigten Staaten ereilt haben:

* Alle Überlebenden müssen voll entschädigt und alle zerstörten und beschädigten Wohnungen und Häuser wiederhergestellt werden.

* Ein Wohnungsbauprogramm muss beschlossen werden, damit jeder ein anständiges und sicheres Dach über dem Kopf hat, auch jene, die heute in Wohnwagen und ähnlichen unsicheren Bleiben leben. Eine sichere Wohnung ist ein soziales Recht, das für alle garantiert sein muss.

* Die soziale Infrastruktur muss ausgebaut werden, darunter ein Frühwarnsystem, Stromleitungen und leicht erreichbare Schutzräume in allen Regionen, in denen mit Tornados zu rechnen ist. Viele der am Sonntag getöteten scheinen sich in Einkaufsläden und anderen öffentlichen Gebäuden aufgehalten zu haben, die nicht über solche Einrichtungen verfügten.

Ein landesweites Programm öffentlicher Arbeiten würde gut bezahlte Arbeitsplätze für zehntausende Menschen schaffen, die in der Region arbeitslos sind. Das muss Teil eines breiteren Arbeitsbeschaffungsprogramms für den Wiederaufbau und die Ausweitung von Sozialprogrammen und der Infrastruktur im ganzen Land sein.

Das Programm muss mit einer scharfen Erhöhung der Steuern für die Reichen finanziert werden. Schon eine zehnprozentige Reichensteuer, die auf die 400 reichsten Personen des Landes beschränkt wäre, würde 137 Milliarden Dollar abwerfen.

Um Mittel freizusetzen, die von der Wirtschaftselite monopolisiert werden, und um ihre Diktatur über das wirtschaftliche und politische Leben zu brechen, müssen alle großen Banken und Unternehmen verstaatlicht und in öffentliches Eigentum überführt werden, damit sie im Interesse der Gesellschaft, und nicht für privaten Profit, geführt werden können.

Joe Kishore