Arbeiter rebellieren gegen UAW

Von Jerry White
21. Oktober 2010

Unter den amerikanischen Arbeitern weitet sich die Rebellion gegen die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) immer mehr aus. In den letzten Wochen stimmten die Arbeiter des GM-Presswerks in Indianapolis mit überwältigender Mehrheit gegen eine von der UAW initiierte fünfzigprozentige Lohnkürzung. Die Arbeiter des Lake Orion-Werks bei Detroit veranstalteten wütende Protestaktionen, als die UAW der Halbierung der Löhne zustimmte, und darüber nicht einmal eine Urabstimmung zuließ.

Die Arbeiter von Indianapolis gründeten ein Belegschaftskomitee des GM-Presswerks und forderten die anderen Arbeiter dazu auf, ihrem Beispiel zu folgen, und weitere von der UAW unabhängige und oppositionelle Komitees aufzubauen. Über diese Komitees soll der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze und zur Annullierung der letztes Jahr von UAW und der Regierung Obama durchgesetzten gespaltenen Lohnstruktur geführt werden.

Bei amerikanischen und ausländischen Arbeitern, die überall ähnliche Verrätereien der auf Betriebsleitungen und Regierungen fixierten Gewerkschaften erlebt haben, trifft die Bildung von Belegschaftskomitees auf starke Resonanz.

In den etablierten Wirtschaftszirkeln und Medien löst diese Rebellion enorme Sorgen aus. Sie befürchten, die UAW könnte die Kontrolle über die Arbeiter verlieren. „Aufgebrachte Gewerkschaftsmitglieder sagen, der Orion-Betrieb sei ein weiteres Beispiel, dass die Gewerkschaftsführer nicht für ihre Interessen eintreten“, stand kürzlich in einem Artikel auf Seite eins der Detroit Free Press. „Das Nein zu den Vereinbarungen der Ford-Arbeiter letztes Jahr und im GM-Presswerk in Indianapolis letzte Woche zeigt, dass Arbeiter einen Bruch mit ihrer Führung nicht scheuen.“

In einem Kommentar in den Detroit News riet der Kolumnist Dan Calabrese seinen Lesern, die Wold Socialist Web Site zu Rate zu ziehen, sollten sie an den Ansichten der Mehrheit der Autoarbeiter interessiert sein. „Der WSWS zufolge “, schrieb er, „ist es die UAW, die sich schmutziger Tricks und der Einschüchterung bedient, um die armen, bedrängten Arbeiter zur Unterwerfung unter „The Man“ zu zwingen.“ („The Man“: „Der Mann“, umgangssprachlich für als mächtig empfundene Institutionen, d.Ü.)

Voller Sarkasmus - allerdings völlig zutreffend – führt Calabrese noch an, UAW-Chef Bob King sei nichts als „die rechte Hand der Kapitalisten“!

Der Konflikt zwischen den Belegschaften und der UAW wirft eine entscheidende strategische Frage auf: sollten die Autoarbeiter den Kampf für eine Reform der UAW aufnehmen oder ist der Bruch mit den Gewerkschaften und der Aufbau neuer Kampfverbände unabdingbar?

Eine ganze Anzahl ehemaliger und gegenwärtiger UAW-Funktionäre, wie z.B. der Gründer von Solidarity, Greg Shotwell, deren Unterstützer von der Zeitschrift Labor Notes und vorgeblich „linke“ Organisationen, wie die International Socialist Organization, besteht darauf, dass die Arbeiter nicht mit der UAW brechen dürfen und sich stattdessen für ihre Reformierung einsetzen müssen. Für sie sind Kämpfe nur berechtigt und legitim, wenn sie innerhalb der UAW-Strukturen bleiben.

Das ist das zuverlässigste Rezept für weitere Niederlagen der Arbeiter!

Typisch für diese Linie ist ein Kommentar Shotwells zu den Arbeitern von Lake Orion, die er auffordert, Appelle an die UAW-Funktionäre zu richten: „Sie müssen daran erinnert werden, dass sie vor allem ihrer Mitgliedschaft und ihren eigenen Statuten verantwortlich sind.“

Jeder, der nach all den Ereignissen nicht nur im letzten, sondern auch in den vergangenen dreißig Jahren behauptet, UAW-Funktionäre seien empfänglich für die Ermahnungen der Arbeiter ihren „Verpflichtungen“ gegenüber den Belegschaften nachzukommen, macht entweder sich selbst, oder ganz bewusst anderen etwas vor.

Die UAW und ihre Funktionärstruppe dienen seit langer Zeit nicht mehr den Arbeitern, sondern stehen im Sold von Unternehmen und Regierung. Damit verdienen die Repräsentanten vor Ort, die Regionalleiter, lokale Funktionäre und andere UAW-Funktionäre ihre sechsstelligen Bezüge und weiteren Zulagen. Mit den Pfründen eines ansehnlichen Anteils an den Detroiter Autoherstellern ausgestattet, existiert für die UAW-Funktionäre ein unmittelbarer finanzieller Anreiz, die eigenen Mitglieder zu schröpfen.

Bei Shotwell oder Labor Notes & Co. kommt “Militanz” und “Systemkritik” nicht vor. Sie rufen zu keiner beherzten Aktion – Streiks, Fabrikbesetzungen – auf, um die Angriffe auf Löhne, Zulagen und Arbeitsplätze abzuwehren. Stattdessen predigen sie Verzicht und Fügsamkeit gegenüber der UAW-Bürokratie, der sie besonders gewissenhaft zu Diensten sind.

Ihre Unterstützung für die UAW geht Hand in Hand mit ihrer Unterordnung unter die Demokratische Partei und das von ihr vertretene kapitalistische System. Sie verbreiten die abgedroschene Lüge, die Demokratische Partei sei die Partei des „Volkes“ und versuchen, sie als Wohltäterin der Arbeiterklasse zu präsentieren.

Die Geschichte zeigt, dass jeder Erfolg, den die amerikanischen Arbeiter verbuchen konnten, Ergebnis militanter Kämpfe gegen die Wirtschaft und die beiden Parteien der Wirtschaft war. Selbst das Recht auf eine Gewerkschaftsvertretung, der Achtstundentag, Kinderschutzrechte, die Bezahlung von Überstunden, Gesundheitsversorgung, usw., wurden in oftmals blutigen Kämpfen gegen den gewaltsamen Widerstand von Unternehmern und Regierung erkämpft. Jedes Mal, wenn eine Revolution drohte und die Demokraten den Forderungen der Arbeiter Zugeständnisse machten, geschah dies nur, um die soziale Bewegung zu dämpfen und die Erfolge der Arbeiter zu einem späteren Zeitpunkt dann wieder rückgängig zu machen.

Das Ergebnis der Unterordnung der Arbeiter mittels der Gewerkschaften unter die Demokratische Partei ist heute evident – Rückfall in Armut und extreme Ausbeutung.

Die amerikanischen Arbeiter machten Fortschritte, als sie eigenständige Initiativen ergriffen und gegen alle Vertreter des Status quo rebellierten. So war es in den 1930ern, als sozialistische und linke Kämpfer den Bruch mit den Berufsgewerkschaften der AFL herbeiführten und die UAW gründeten.

Das Programm dieser Pioniere – sie leiteten die Streiks bei Auto-Lite und Chevrolet in Toledo, Ohio, in 1934-35– liest sich heute wie eine Anklageschrift gegen die UAW. Zwangsschlichtung und Streikverzicht wurden gebrandmarkt und es wurde betont, dass Arbeiter „ Behörden und Agenturen der Regierung nicht vertrauen… (dürfen),…die ausnahmslos nur die Unternehmer unterstützen.“ Bei der Gründungsversammlung der UAW 1935 wurde zum Bruch mit den Demokraten und zum Aufbau einer landesweiten Labor Party aufgerufen.

CIO-Führer wie John L. Lewis und Walter Reuther verwandelten die neu ins Leben gerufenen Industriegewerkschaften jedoch in ein Anhängsel Roosevelts und der Demokraten, das den innenpolitischen und internationalen Interessen des amerikanischen Kapitalismus nicht in die Quere kam. Den Kampf für eine demokratisch geführte Wirtschaft und eine radikale Umgestaltung der ökonomischen Verhältnisse in den USA gaben sie vollständig auf. Gegen die sozialistischen und linken Kämpfer, die die Gewerkschaft aufgebaut hatten, setzten sie eine Säuberungsaktion in Gang.

So kam es, dass die Arbeiterklasse bei der Gegenoffensive der amerikanischen Wirtschaft Ende der 1970er und 1980er Jahre keine Organisation zur Verfügung hatte, mit Hilfe derer sie sich verteidigen konnte. Nachdem die UAW das Schicksal der Arbeiterklasse an das Wohl des amerikanischen Kapitalismus geknüpft hatte, arbeitete sie beim Kahlschlag in der Industrie und der Senkung der Arbeitskosten ganz unverblümt mit Unternehmern und Wirtschaftselite zusammen; was schließlich zur Zerstörung von einer Million Arbeitsplätzen in der Autoindustrie in den vergangenen drei Jahrzehnten führte.

Die UAW und die übrigen Gewerkschaften genügen dem grundlegenden Anspruch, nämlich die Interessen der Arbeiter zu verteidigen, nicht mehr. Folglich können sie auch nicht länger als “Arbeiterorganisationen” bezeichnet werden.

Der wachsende Widerstand der amerikanischen Autoarbeiter ist Ausdruck einer aufkommenden weltweiten Bewegung der Arbeiterklasse. Allerorten bekommen die Arbeiter das Gleiche bedeutet: ihr müsst klein bei geben und Opfer bringen. Obwohl es Bankiers und Wirtschaftsführern gleichzeitig besser denn je geht.

Der Kampf um das Recht auf Arbeit, einen die Existenz sichernden Lohn, Gesundheitsversorgung und eine normale Altersversorgung bringt die Autoarbeiter in immer unmittelbareren Konflikt mit dem von den Profitinteressen einer winzigen Gesellschaftsschicht diktierten Wirtschaftssystem.

Der erste Schritt im Kampf für diese Rechte muss der Aufbau von echten Klassenkampforganisationen sein: Aktionskomitees der Belegschaften, völlig unabhängig von Betriebsleitungen, von den zwei großen Wirtschaftsparteien und ihren UAW-Lakaien.