Die New York Times übt sich im Rufmord an WikiLeaks-Gründer Assange

Von Barry Grey
28. Oktober 2010

Die Zeitung, die traditionell dem amerikanischen liberalen Establishment zugerechnet wird, ist über die neuen Beweise für Mord und Folter im Großmaßstab keineswegs entsetzt, obwohl die höchsten Spitzen der Bush- und Obama-Regierung darin verwickelt sind. Stattdessen richtet sie ihren Zorn gegen jene mutigen Personen, die es gewagt haben, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen und der Öffentlichkeit einen gewissen Einblick in die horrende Wahrheit über den US-Krieg im Irak zu gewähren.

Der Mann, den die Times mit dem Rufmord betraute, John F. Burns, ist ein alter Hase, wenn es um die Entschuldigung und Verschleierung US-imperialistischer Manöver geht. Der britische Journalist hat schon Times-Büros in wichtigen Hauptstädten wie Moskau und Beijing geleitet. Besonders wichtig war seine Funktion als Leiter des Times-Büros in Bagdad kurz vor der US-Invasion im Irak, als die Zeitung die Lügen der US-Regierung über irakische Massenvernichtungswaffen verbreitete.

Bis Mitte 2007 war Burns Chef des Londoner Büros. Am Sonntag publizierte die Times eine Titelstory, die John F. Burns zusammen mit Ravi Somaiya als Verfasser angibt und den abschätzigen Titel trägt: „WikiLeaks-Chef auf der Flucht vor seinem schlechten Ruf“. Der Artikel soll angeblich auf einem Interview mit Assange beruhen, das am 17. Oktober in London geführt wurde. Zu der Zeit hatte die Times fast zwei Wochen lang Zugang zu den beinahe 400.000 militärischen Dokumenten, die WikiLeaks dann am vergangenen Freitag veröffentlicht hat.

Der Artikel trieft vor Häme. Schon im Einleitungssatz wird deutlich, dass er Assange als Finsterling darstellen soll, der an Größenwahn und Paranoia leidet: „Julian Assange bewegt sich wie ein Gehetzter.“

Assange spreche in der Öffentlichkeit “fast nur im Flüsterton, um die westlichen Geheimdienste, die er fürchtet, auszutricksen“, schrieben die Autoren, und weiter: „Von der schwindenden Zahl seiner Getreuen verlangt er, dass sie teure verschlüsselte Mobiltelefone benutzen und sie öfter wechseln als andere Leute das Hemd“.

Solche „Fakten“ sollen angeblich zeigen, dass Assange – wie es ein isländischer “politischer Aktivist” ausgedrückt habe – “nicht ganz bei Trost” sei.

Burns und Somaiya bestätigen, dass “Staatsbeamte des Pentagons und des Justizministeriums erklärt haben, sie schätzten seine [Assanges] Taten nach dem Spionagegesetz von 1917 ein“. Um Assange zu diskreditieren, weisen sie darauf hin, dass schwedische Behörden, zweifellos auf Druck der Washingtoner Regierung, eine Anklage wegen sexueller Vergehen gegen den WikiLeaks-Führer erwägen.

Dennoch muss Assanges Sorge um seine eigne Sicherheit und die von WikiLeaks als Beweis dafür herhalten, dass er entweder verrückt oder kriminell sei. Die Times ignoriert die Tatsache, dass die US-Regierung in ihrer Außenpolitik gezielte Tötungen und Entführungen praktiziert, und dass die Obama-Regierung vor Gericht gezogen ist, um das „Recht“ des Präsidenten zu verteidigen, mit Drohnen Jagd auf Menschen zu machen, die er für Terroristen hält, selbst wenn es sich um amerikanische Staatsbürger handelt.

In dem Artikel heißt es weiter: “Heute wird er nicht nur von Regierungen beschuldigt: Einige seiner eigenen Genossen verlassen ihn wegen seines unberechenbaren und herrischen Gebarens und des fast beispiellosen Größenwahns, weil er weiß, dass die digitalen Geheimnisse, die er veröffentlicht, einen Preis in Fleisch und Blut haben können.“

Der “Preis in Fleisch und Blut” ist eine Anspielung auf den Vorwurf, der Assange gemacht wird, die Veröffentlichung von US-Militärdokumenten über den Afghanistankrieg durch WikiLeaks im Juli hätten die Sicherheit jener Afghanen gefährdet, die den US- und NATO-Besatzungskräften als Informanten dienen. Nach der gleichen Logik hätte die amerikanische Presse im zweiten Weltkrieg die Widerstandskämpfer beschuldigen müssen, als sie Informanten und Kollaborateure der Nazi-Besatzungskräfte beim Namen nannten.

Burns und seine Mitverfasser behaupten: „Mr. Assanges Kritiker beschuldigen ihn außerdem, einen Rachefeldzug gegen die Vereinigten Staaten zu führen.“ Vermutlich als Beweis für Assanges irrationale Feindschaft gegen die USA erwähnt der Artikel: „In London sagte Mr. Assange, Amerika sei eine immer stärker militarisierte Gesellschaft und eine Gefahr für die Demokratie.“ Diese vollkommen berechtigte Ansicht über das heutige Amerika scheint der Times offensichtlich ganz und gar absurd zu sein.

Der Artikel enthält einen Hinweis darauf, wie weit die Times zu gehen bereit ist, wenn es darum geht, bei früheren Mitarbeitern von Assange schädigende Unterstellungen über ihn einzuholen und zu zeigen (wie der Autor schreibt), dass „die Loyalität seiner Mitverschwörer schwindet“.

“Die New York Times sprach mit Dutzenden Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, und die ihn in Island, Schweden, Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten unterstützten”, heißt es in dem Artikel. Eine „verschlüsselte Online-Unterhaltung“ wird erwähnt, „von der die Times einen Mitschnitt erhalten hat“, und die angeblich zeige, dass Assange sich „geringschätzig über seine Kollegen äußert“.

Von wem erhalten? Die Autoren sagen es nicht. Aber die Antwort ist offensichtlich.

Es war die US-Regierung, die den Mitschnitt zugänglich machte. Mit ihr arbeitet die Times eng zusammen, wenn es darum geht, Assange in den Dreck zu ziehen und ihn der Verfolgung oder noch Schlimmerem auszusetzen. Ein düsterer Absatz in dem Artikel weist darauf hin, dass dies keine bloße Spekulation ist. Darin heißt es, Assange sei der weltgrößte Geheimnis-Verräter der Internet-Ära, „und das hat Konsequenzen, die ihm bisher selbst nicht klar sind“.