Erfolgreiche Versammlung zum 70. Todestag Leo Trotzkis

Von unserem Korrespondenten
19. Oktober 2010

Rund 200 Besucher kamen am Sonntag zur Gedenkversammlung zum 70. Todestag Leo Trotzkis in Berlin. Die Versammlung bildete den erfolgreichen Abschluss einer viertägigen Veranstaltungsreihe, die die Partei für Soziale Gleichheit (PSG) in Zusammenarbeit mit dem Mehring Verlag und den International Students for Social Equality (ISSE) organisiert hatte.

70 Jahre

Am Donnerstag hatte der US-amerikanische Historiker Alexander Rabinowitch an der Humboldtuniversität eine Vorlesung über sein Buch „Die Sowjetmacht – Das erste Jahr“ gehalten. Am Freitag stellte Rabinowitch die deutsche Ausgabe seines Werks im Buchladen Unibuch Mitte vor. Und am Samstag fand an der Technischen Universität ein Workshop dazu statt.

Alle vier Veranstaltungen waren außerordentlich gut besucht. Teilweise platzten die angemieteten Räume aus allen Nähten. Das widerspiegelt das wachsende Interesse an der Oktoberrevolution und an Leo Trotzki vor dem Hintergrund der tiefsten Krise des Weltkapitalismus seit 80 Jahren.

Peter Schwarz, der die Versammlung vom Sonntag im Namen der PSG einleitete, unterstrich, dass Trotzki trotz der 70 Jahre seit seinem Tod zu den aktuellsten politischen Denkern zähle. Was ihn heute besonders zeitgemäß mache, sei sein Verständnis des internationalen Charakters des Kapitalismus.

„Internationalismus war für Trotzki kein hohler Begriff“, sagte Schwarz. „Er verstand darunter weit mehr als einen platonischen Aufruf zur internationalen Solidarität und zur Völkerverständigung. Der internationale Charakter der modernen Wirtschaft und Gesellschaft bildet den Ausgangspunkt seiner gesellschaftlichen Analysen und seines politischen Programms. Die Weltwirtschaft, schrieb er, sei nicht einfach nur die Summe ihrer nationalen Teile, sondern ‚eine gewaltige, selbständige Realität, die durch die internationale Arbeitsteilung und den Weltmarkt geschaffen wurde und in der gegenwärtigen Epoche über die nationalen Märkte herrscht’. Daraus folgerte er, dass die nationale Orientierung des Proletariats nur aus der internationalen Orientierung hervorgehen kann und nicht umgekehrt.“

Heute hätten Kommunikation, Transport, Handel, Finanzströme und Produktion einen weit höheren Grad der globalen Integration erreicht als zur Zeit Trotzkis. Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise habe Millionen Menschen vor Augen geführt, wie sehr ihr eigenes Leben von der Weltwirtschaft und der Willkür der internationalen Finanzmärkte abhängig sei, betonte Schwarz.

„Die moderne Produktion verbindet die Menschen auf der Welt zu einem gesellschaftlichen Ganzen. Das lässt sich nicht mit dem archaischen kapitalistischen Gesellschaftssystem versöhnen, das auf dem privaten Eigentum an den Produktionsmitteln und konkurrierenden Nationalstaaten beruht. Was Trotzki 1938 im Übergangsprogramm schrieb, trifft heute ebenso zu wie damals: ‚Ohne eine sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht der gesamten menschlichen Kultur eine Katastrophe.’“

Schwarz stellte dann den Hauptredner der Versammlung vor, David North, den Chefredakteur der World Socialist Web Site und Vorsitzenden der amerikanischen Socialist Equality Party. North’ Buch „Verteidigung Leo Trotzkis“ war wenige Tage zuvor in deutscher Übersetzung erschienen.

North begann seinen Beitrag, indem er seine Unterhaltungen mit mehreren Personen schilderte, die Trotzki noch persönlich gekannt hatten. Dabei entstand das Bild einer außerordentlich herzlichen, geradlinigen aber auch hartnäckigen Persönlichkeit.

Trotz der beträchtlichen Zeit, die seit Trotzkis Ermordung vergangen sei, hätten sich die durch seinen Namen hervorgerufenen Leidenschaften nicht gelegt, fuhr North fort. Im Verlauf der letzten sieben Jahre hätten gleich drei britische Historiker – Ian Thatcher, Geoffrey Swain und Robert Service – Trotzki-Biografien vorgelegt, in denen „keine Spur von historischer Distanz und Objektivität, geschweige denn von Ehrlichkeit“ zu finden sei. „Die Autoren schreiben über Trotzki, als handle es sich um einen lebendigen politischen Gegner und einen persönlichen Feind.“

Nach der Veröffentlichung des Buchs „Verteidigung Trotzkis“, das die ungeheuerlichsten Fälschungen dieser Autoren bloßstelle, habe er auf „eine Atempause bei der unangenehmen Aufgabe gehofft, so genannte Historiker widerlegen zu müssen, die ihre Karriere mithilfe von Fälschungen und Verdrehungen machen“, sagte North. Doch er habe sich getäuscht.

Bevor er nach Deutschland gekommen sei, habe er von der ablehnenden Haltung der Geschichtsfakultät der Humboldt-Universität gegenüber der geplanten Vorlesung von Professor Alexander Rabinowitch erfahren. Die Fakultät sei nicht bereit gewesen, einen Hörsaal zur Verfügung zu stellen oder Professor Rabinowitch zu empfangen. Er habe sich nach dem Grund für diese Feindschaft gefragt und sei dabei auf eine Kritik der Trotzki-Biografie von Robert Service auf der Website der Fakultät gestoßen. Sie sei vom Wissenschaftlichen Mitarbeiter Andreas Oberender verfasst worden, der unter der Leitung von Lehrstuhlinhaber Professor Jörg Baberowski arbeite.

Oberenders Begeisterung für Services Biographie sei grenzenlos, sagte North. Enthusiastisch begrüße er, dass Service endlich den „Mythos“ von Trotzkis welthistorischer Bedeutung zerstöre. Trotz seinem überschwänglichen Lob sage Oberender allerdings nichts Konkretes über Services Buch und zitiere keinen einzigen Satz daraus. „Stattdessen widmet er fast die gesamte Kritik einer bösartigen Verleumdung Trotzkis.“

North zitierte dann mehrere Passagen aus Oberenders Kritik und wies nach, wie banal und absurd sie sind. Oberenders Hetzschrift gegen Trotzki beruhe auf seinem erbitterten Hass gegen die sozialistische Bewegung.

North illustrierte dies mit folgendem Zitat: „Ansonsten unterschied sich Trotzkis Werdegang kaum von dem, was für die linksradikale, dem Zarenregime entfremdete Intelligenz typisch war. Das Milieu seiner Sozialisation waren die von ungesunder Stickluft und Fraktionsgezänk erfüllten Emigrantenzirkel und Zeitungsredaktionen mit ihren endlosen scholastischen Disputen über die Reinheit der marxistischen Lehre und den richtigen Weg zur Revolution.“ Trotzki, heißt es bei Oberender weiter, trat „nie aus dem einengenden Bannkreis der russischen Sozialdemokratie heraus; nach Anzeichen von Offenheit und Kontaktbereitschaft gegenüber anderen intellektuellen und weltanschaulichen Milieus sucht der Leser vergebens.“

Oberenders Urteil gleiche dem eines politischen Polizisten, der in den Streitgesprächen zwischen Sozialisten lediglich eine Verschwörung gegen die bestehende Ordnung sehe, kommentierte North. „Welche Ignoranz! Trotzki war eine wichtige Persönlichkeit in der europäischen Sozialdemokratie. Er sprach und schrieb fließend französisch und deutsch. Er unterhielt vor 1914 enge Verbindungen zu Karl Kautsky und seine Artikel erschienen in der Neuen Zeit. Er galt als hervorragender Kenner der Balkanpolitik. Und was die Vielfalt seiner kulturellen Interessen betraf, so kann noch nicht einmal Service leugnen, dass er über zahlreiche intellektuelle, literarische und künstlerische Themen schrieb, über Nietzsche, Ibsen, die europäische Avantgrade, den Simplicissimus, die Wiener Sezession, usw.“

Weiter behaupte Oberender, dass sich Trotzki „selbst in einem hermetisch abgeschlossenen Gedankengebäude einmauert und die Wirklichkeit nur noch durch das Prisma starrer Dogmen und unumstößlicher Gewissheiten wahrnimmt“.

„In der für vulgäre Pragmatiker typischen Weise versucht Oberender hier jene als Dogmatiker abzutun, die sich, wie Trotzki, ihrer theoretischen Methode bewusst sind und systematisch denken“, kommentierte dies North. „Es benennt die ‚starren Dogmen’ und ‚unumstößlichen Gewissheiten’ nicht, die angeblich Trotzkis Denken beeinträchtigen. Vermutlich versteht Oberender darunter das ganze marxistische Gedankengebäude, seine Grundlage, den philosophischen Materialismus, und die materialistische Geschichtsauffassung. Es kommt Oberender gar nicht in den Sinn, dass seine eigenen Behauptungen, die er ohne Begründung aufstellt, typisch für jenes dogmatische Denken sind, dessen er Trotzki beschuldigt.“

Weiter schreibe Oberender: „Unvoreingenommene Analysen und sachliches Argumentieren waren Trotzkis Sache nicht; er war ein Meister der grandiosen Phrase und der schneidenden Polemik, begabt mit dem fragwürdigen Talent, auch die abwegigsten und haarsträubendsten Gedanken in schillernden rhetorischen Prunk zu kleiden. Das Übermaß an Stil ging Hand in Hand mit einem eklatanten Mangel an Substanz und Tiefgang.“

Nur wer von der völligen Ignoranz seiner Leser ausgehe, könne so schreiben, sagte dazu North. Trotzki habe durch sein literarisches Werk enormen Einfluss auf die öffentliche Meinung ausgeübt. Selbst Bertolt Brecht, der kein Anhänger Trotzkis war, habe ihn im Gespräch mit Walter Benjamin und Hermann Hesse als den größten Schriftsteller Europas bezeichnet. „Ein professioneller Akademiker, der in der Lage ist, einen derart verlogenen Unsinn zu Papier zu bringen, verliert jedes Recht, als Historiker ernst genommen zu werden.“

Oberender versuche das 20. Jahrhundert ungeschehen zu mache, wenn er frage: „Was wäre aus Trotzki geworden, wenn die Zarenherrschaft nicht an den Herausforderungen des Ersten Weltkrieges gescheitert wäre? Er hätte sich wohl weiter als linksradikaler Journalist und alternder Revolutionär im Wartestand durchs Leben geschlagen.“

Genau so gut könne man fragen: „Was wäre aus Lincoln geworden, wenn es die Krise der Union nicht gegeben hätte?“, sagte dazu North. „Er wäre ein Kleinstadtanwalt geblieben. Oder was wäre aus Luther geworden, wenn der Konflikt zwischen Rom und den deutschen Fürsten nicht die Voraussetzungen für die Reformation geschaffen hätte? Oder – auf einer bescheideneren Stufe – was wäre aus Frau Merkel geworden, wenn die Mauer nicht gefallen wäre?“

Trotzki sei im Strudel von Krieg und Revolution, in dem sich Millionen Menschen im politischen Kämpfen engagierten, als eine der großen Persönlichkeiten der Weltgeschichte hervorgetreten. Doch Oberender wolle die Geschichte rückgängig machen, wenn er schreibe, nach der Lektüre von Services Biografie könne „kein Zweifel daran bestehen, dass bei kritischer Betrachtung von Trotzkis einst aufgeblähter Reputation nicht mehr viel übrig bleibt. Seine Schriften gehören mehrheitlich ins Kuriositätenkabinett, und die exaltierte Überspanntheit seines Denkens wirkt heute, in unserer ideologieentwöhnten Zeit, nur noch befremdlich, wenn nicht bizarr.“

Die Behauptung, Trotzkis Schriften gehörten ins Kuriositätenkabinett und seien in unserer Zeit belanglos, klinge merkwürdig aus dem Mund eines Historikers, dessen Spezialgebiet angeblich die Geschichte der Sowjetunion sei, sagte North. Damit werde die historische Bedeutung eines äußerst wichtigen Ereignisses des 20. Jahrhunderts, der Russischen Revolution, einfach abgetan.

„Kann man die politische Strategie, die die Oktoberrevolution anleitete, ohne Trotzkis Schriften verstehen“, fragte North. „Kein ernsthafter Historiker kann die Ereignisse von 1917 studieren, ohne Trotzkis ‚Geschichte der Russischen Revolution’ zu lesen, die gleichzeitig ein Meisterwerk der Weltliteratur ist. Ebenso bleibt die Lektüre von ’Verratene Revolution’ unentbehrlich für alle, die verstehen wollen, was die Sowjetunion war und welche gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Widersprüche 1991 zu ihrer Auflösung führten – was Trotzki schon 1936 voraussah!“

Trotzkis literarisches Werk sei außerordentlich zeitgemäß, betonte North. Er habe über Fragen, Entwicklungen und Probleme geschrieben, die uns auch heute noch begleiten: Über den Charakter der Weltwirtschaft und ihre Beziehung zum Nationalstaat, über die Bedeutung und die Folgen der Hegemonie des US-Imperialismus, über die Zerbrechlichkeit der bürgerlichen Demokratie.

Oberender nenne in seiner Kritik nicht einen Titel von Trotzki. Besonders beunruhigend, insbesondere bei einem deutschen Historiker, sei jedoch, dass er eine der größten Errungenschaften Trotzkis mit keiner Silbe erwähne: seine Analyse des deutschen Faschismus und seine leidenschaftlichen Warnungen vor der ungeheuren Bedrohung, die der Nationalsozialismus für die deutsche und internationale Arbeiterklasse darstelle.

„Glaubt Herr Oberender, dass diese Schriften auch ins historische Kuriositätenkabinett gehören?“ fragte North. „Haben sie keine Bedeutung in unserer angeblich ‚ideologieentwöhnten’ Zeit? Während wir uns hier treffen, wird in Berlin eine neue Ausstellung über Hitler eröffnet. Bis heute trägt die deutsche Politik und Kultur die Narben von 1933, der Machtübernahme der Nazis und deren Folgen.

Aber die Nazis konnten nur wegen der feigen und unverantwortlichen Politik der sozialdemokratischen und der kommunistischen Partei siegen, die sich weigerten, die Millionen Arbeiter in Deutschland zu einem gemeinsamen Kampf gegen Hitler zu vereinen. Es war Trotzki, der damals zu einer Einheitsfont der Arbeiterklasse gegen die Nazis aufrief und sowohl die erbärmliche Unterordnung der SPD unter Hindenburg wie die kriminelle Gleichsetzung der Sozialdemokratie mit dem Faschismus durch die KPD verurteilte.

Alle Behauptungen, ein Sieg Trotzkis im innerparteilichen Kampf hätte keinen Unterschied gemacht, werden durch die Ereignisse in Deutschland widerlegt. Hätte es keine anderen Differenzen zwischen Trotzki und Stalin gegeben, der Konflikt über Deutschland hätte historisch ausgereicht um zu begründen, dass Trotzkis Niederlage äußerst tragische historische Folgen hatte.“

North zitierte aus einem Artikel, den Trotzki neun Monate vor Hitlers Machtübernahme geschrieben hatte. Darin erklärte er, dass er, wäre er in Moskau an der Regierung, auf die Übernahme der Staatsmacht durch die Nazis mit der Anordnung einer Teilmobilmachung reagieren würde. „Steht man einem Todfeind gegenüber und ergibt sich der Krieg mit Notwendigkeit aus der Logik der realen Situation, so wäre es unverzeihlicher Leichtsinn, diesem Gegner Zeit zu lassen, sich festzusetzen und zu stärken ... und so eine ungeheure Gefahr wachsen zu lassen“, schrieb Trotzki.

Zusammenfassend unterstrich North, dass die Geschichte Trotzkis Auffassung, der Sozialismus könne nicht in einem Land errichtet werden, gegen Stalins und Bucharins Theorie vom „Sozialismus in einem Land“ bestätigt habe. „Die Geschichte der Sowjetunion in ihrer Gesamtheit zeigt, dass die Kampagne gegen Trotzki und den Trotzkismus, die 1923 im Politbüro begann, den Anfang einer rechten, russisch-nationalistischen Reaktion gegen das revolutionäre, internationalistische Programm kennzeichnete, auf dem die Oktoberrevolution beruht hatte. Im Verlauf von etwas mehr als zehn Jahren entwickelte sich der Ausschluss der Internationalisten aus der sowjetischen Kommunistischen Partei zu einem hemmungslosen politischen Völkermord, der auf die Ausrottung aller Vertreter der marxistischen Politik und Kultur innerhalb der sozialistischen Intelligenz und Arbeiterklasse abzielte.“

Zu Trotzkis Platz in der Geschichte sagte North: „Trotzki legte mehr als jede andere Person fest, was es hieß, im 20. Jahrhundert revolutionärer Sozialist zu sein. Dass Lenin eine überragende Figur in der Geschichte des Sozialismus war, ist unbestreitbar. Aber sein Leben und Werk war in der Russischen Revolution mit all ihren Widersprüchen verankert. Trotzki, der beim Sieg der Oktoberrevolution in vieler Hinsicht eine ebenso wichtige Rolle wie Lenin spielte, ging über die russische Revolution hinaus. Er verkörperte wie keine andere Persönlichkeit im 20. Jahrhundert die sozialistische Weltrevolution.“