Der Amoklauf von Winnenden

Gibt es wirklich keine Erklärung?

Von Sybille Fuchs und Ulrich Rippert
14. März 2009

Er sei ein ruhiger, freundlicher, sympathischer, eher zurückhaltender, manchmal etwas schüchterner Typ gewesen. In den Beschreibungen seiner Freunde, ehemaligen Klassenkameraden und Nachbarn erscheint der 17-jährige Tim K., der am Mittwoch 15 Menschen und sich selbst erschoss, als höflicher und netter Jugendlicher.

Auch auf Fotos wirkt er alles anderer als aggressiv, ein zartes Gesicht, fast noch ein bisschen kindlich. Manch anderem habe sie Gewalt zugetraut, "nur nicht ihm", sagt seine ehemalige Klassenkameradin Linda, die von der fünften bis zur zehnten Klasse mit ihm gemeinsam Unterricht hatte, auf Spiegel-Online.

Die Albertville-Realschule in Winnenden, 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, wird als vorbildlich beschrieben. Das Bildungszentrum, zu dem noch ein Gymnasium und eine Hauptschule gehören, hatte eine eigene Sozialarbeiterin. Ihr Büro lag direkt neben dem Schülercafé, in dem auch Dart und Tischkicker gespielt werden konnte und Lehrer Zugangsverbot hatten. Um Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu schlichten, waren einige Schüler zu speziellen Schlichtern, so genannten Mediatoren ausgebildet worden.

Umso größer ist das Entsetzen über die furchtbare Bluttat und die Kaltblütigkeit, mit der Tim K. dabei vorging. Selbstsicher habe er gewirkt, sagte eine Augenzeugin, "als denke er, er tue genau das Richtige".

Mit einer Beretta-Pistole und Hunderten Schuss Munition bewaffnet war er, schwarz gekleidet und maskiert, in seine ehemalige Schule gegangen und hatte mit offenbar gezielten Kopfschüssen drei Lehrerinnen, einen Schüler und acht Schülerinnen erschossen. Beim Eintreffen der Polizei ergriff er die Flucht, erschoss einen Passanten und zwang dann einen Autofahrer, ihn in das etwa 40 km entfernte Wendlingen zu fahren. Der Autofahrer konnte unterwegs entkommen, indem er aus dem fahrenden Auto sprang.

In einem Autohaus verlangte Tim K. ein Fahrzug, tötete den Verkäufer und einen Kunden und verletzte zwei Polizisten. Beim Verlassen des Gebäudes wurde er angeschossen und richtete anschließend seine Waffe gegen sich selbst. Die schreckliche Bilanz seines Amoklaufs: 16 Tote und zahlreiche Verletzte und Traumatisierte.

Seitdem wird in Politik und Medien über das Motiv und über politische Konsequenzen diskutiert. Bundespräsident und Kanzlerin haben ihre Betroffenheit und den Angehörigen ihr Beileid ausgedrückt; CSU-Politiker fordern ein Verbot von Computer-Killer-Spielen; die SPD verlangt eine stärkere Kontrolle über Schützenvereine, seit bekannt ist, dass der Vater des Attentäters als Sportschütze 16 Waffen besitzt; und die Polizeigewerkschaft beklagt Sicherheitslücken bei der Waffenkontrolle.

Unmittelbar nach der Bluttat wurden die Fernsehprogramme umgestellt und Sonderprogramme gesendet, in denen Experten über das Für und Wider einer besseren Überwachung der Schulen, der Einführung von Metalldetektoren, von Eingangskontrollen durch Sicherheitsfirmen, von stärkerer Überwachung des Internet durch Chatroom-Kontrollen und "Not-Klick"-Schaltern und vieles mehr diskutierten.

In den Talkshows und Sondersendungen wird immer wieder ein Bild des Schulhofs eingeblendet, auf dem mitten in einem Meer aus Kerzen ein Plakat mit der Aufschrift liegt: "Warum?" Und häufig wird der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, mit den Worten zitiert: "Es gilt jetzt, dem Schmerz und der Fassungslosigkeit Raum zu geben und bei Gott Zuflucht und Halt zu suchen."

Anfängliche Erklärungen, wonach Tim K. die Schule im Zorn verlassen habe, weil er den Realschulabschluss im vergangenen Jahr nicht bestanden habe, mussten schnell zurückgezogen werden. Er hatte den Schulabschluss sehr wohl bestanden und anschließend ein Berufskolleg besucht, um eine kaufmännische Ausbildung zu absolvieren. Auch sonst war er nicht ohne Erfolg. Seit seiner Kindheit spielte er mit Begeisterung Tischtennis und hatte in seinem Sport zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Eine andere voreilige Erklärung, Tim K. habe am Abend zuvor in einem Internet-Chat seine Bluttat angekündigt, stellte sich ebenfalls als Falschmeldung heraus. Bestätigt wurde dagegen, dass er wegen depressiver Stimmungen in ärztlicher Behandlung war, doch offenbar waren die Ärzte der Auffassung, dass seine psychischen Probleme nicht über das in diesem Alter weit verbreitete Maß an Selbstzweifeln und aggressiven Reaktionen hinausging. Auch dass Tim in der Schule nicht gerade glücklich war, ist bekannt. Doch alleine darauf seine Depressionen und Gewaltfantasien zurückzuführen, ist reine Spekulation.

Auf Grund der Tatsache, dass Timm K. in der Schule fast ausschließlich Frauen und Mädchen tötete, tauchten bereits unmittelbar nach der Tat Spekulationen über eine Trennung von einer Freundin auf. Andere vermuteten, dass ihn der Amoklauf in Alabama in der vorhergehenden Nacht zu der Tat gereizt haben könnte.

Dem Vater Jörg K die Hauptschuld anzulasten, weil die Tatwaffe aus seiner Waffensammlung stammt und nicht ordnungsgemäß verschlossen war, trägt ebenso wenig zur Erklärung der Tat bei. Der Sportschütze und Geschäftsführer einer Firma für Verpackungen mit 150 Angestellten wird von Nachbarn und Freunden nicht als nachlässig, sondern als ehrgeizig und "eher streng" beschrieben.

Kennzeichen einer zutiefst kranken Gesellschaft

Noch sind viele Einzelheiten nicht bekannt. Doch es ist offensichtlich, dass sich die Tragödie von Winnenden nicht losgelöst von breiteren gesellschaftlichen Entwicklungen betrachten und verstehen lässt. Wer die Ursache in den Abgründen der menschlichen Psyche sucht oder vorwiegend die Eltern, Lehrer, Ärzte oder Freunde verantwortlich macht, weicht den entscheidenden Fragen aus.

Gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln sich im Verhalten von Individuen nicht eins zu eins, nicht gradlinig. Die Beziehungen sind komplex und widersprüchlich. Dennoch gibt es Zusammenhänge.

Amokläufe - nicht nur, aber ganz besonders an Schulen - haben in den letzten anderthalb Jahrzehnten in den USA und Europa deutlich zugenommen. Als vor zehn Jahren zwei Jugendliche in der Columbine High School in der Nähe von Littleton, Colorado (USA) zwölf Schüler, einen Lehrer und sich selbst erschossen, sprachen viele noch von einem typisch amerikanischen Problem.

Fünf Jahre später erschoss Robert Steinhäuser in Erfurt an seiner ehemaligen Schule zwölf Lehrer und fünf weitere Personen. Damals wurden die Waffengesetze verschärft und andere Maßnahmen ergriffen, um "amerikanische Verhältnisse" an den hiesigen Schulen zu verhindern.

Seitdem häuft sich die Zahl der Amokläufe:

20. November 2006 - Im westfälischen Emsdetten schießt ein 18-Jähriger in seiner ehemaligen Schule um sich. Elf Menschen werden verletzt. Schließlich erschießt sich der Täter.

12. Februar 2007 - Mindestens zehn Menschen werden bei zwei Amokläufen in Salt Lake City und Philadelphia (USA) getötet. Ein Täter eröffnet in einem Einkaufszentrum in Salt Lake City das Feuer und tötet fünf Menschen. Ein Polizist erschießt den Amokläufer. In Philadelphia werden drei Teilnehmer einer geschäftlichen Konferenz Opfer eines Amokläufers. Er nimmt sich anschließend das Leben.

16. April 2008 - Ein Student erschießt an der Technischen Universität von Virginia 32 Menschen und verletzt 15 weitere. Es ist das schlimmste Massaker an einer Schule in der Geschichte der USA

7. November 2008 - Finnland: Ein 18-jähriger Schüler tötet insgesamt acht Menschen in einem Schulzentrum in Jokela.

23. September 2008 - Ein 22-jähriger Berufsschüler tötet in der westfinnischen Kleinstadt Kauhajoki zehn Menschen. Anschließend tötet er sich selbst.

23. Januar 2009 - Ein 20-jähriger Belgier ersticht in einer Kindertagesstätte im ostflämischen Dendermonde zwei Kleinkinder und eine Betreuerin. Zehn weitere Kleinkinder und zwei weitere Betreuerinnen werden zum Teil schwer verletzt.

Der jüngste Amoklauf, der fast zeitgleich mit einem Massaker in Alabama stattfand, wo ein 28- Jähriger zehn Menschen, darunter seine gesamte Familie, erschoss, steht in dieser Entwicklung.

Die Zunahme der Gewalt ist Ausdruck und Spiegelbild einer wachsenden Brutalisierung und Militarisierung der gesamten Gesellschaft in den USA, Europa und weltweit. Politiker, die nun medienwirksam nach einem Verbot von Computer-Killer-Spielen rufen, vertauschen Ursache und Wirkung. Denn auch die weite Verbreitung immer brutalerer Spiele ist ein Zeichen der zunehmenden Brutalisierung der Gesellschaft.

Um diese Brutalität mitzuerleben und auf die Psyche junger Menschen einwirken zu lassen, bedarf es keiner Killerspiele. Sie läuft zur besten Sendezeit über die Nachrichtensender. Es ist erst wenige Wochen her, da beherrschten die Bilder und Filmberichte über den Terror der israelischen Armee gegen die Palästinenser im Gazastreifen die Nachrichten. Hunderte von Zivilisten wurden mit äußerster Brutalität regelrecht abgeschlachtet.

Die Bundeskanzlerin, die sich heute über die Bluttat in Winnenden entsetzt, erklärte damals ihre ausdrückliche Unterstützung für den Militärterror der israelischen Regierung. Sie und die ganze offizielle Politik wie auch große Teile der Medien tragen die Hauptverantwortung für den Niedergang und die Fäulnis der Gesellschaft, die sich dann in tragischen Ereignissen wie in Winnenden äußert.

Zur militärischen kommt die alltägliche soziale Gewalt. Immer mehr Menschen werden durch Arbeitslosigkeit, Billiglöhne und Sozialabbau in bittere Armut getrieben. Gleichzeitig lebt eine reiche Elite an der Spitze der Gesellschaft in hemmungslosem, protzigem Luxus. Regierung, Parteien und Justiz rechtfertigen diese ständig wachsende soziale Ungleichheit. Solidarität und soziale Gleichheit werden systematisch unterdrückt und bekämpft, während Egoismus, Eigennutz und Rücksichtslosigkeit zu Tugenden erhoben werden.

Tim K. hat mit seinem Amoklauf in Extremform das wiedergegeben, was ihn die Gesellschaft gelehrt hat. Man löst seine Probleme durch Egoismus, Terror und Gewalt.

Selbst der Widerspruch zwischen seiner netten, freundlichen Art und dem Hass und der Aggressivität, die er in sich aufbaute und mit der er nicht umgehen konnte, widerspiegelt in eigentümlicher Weise etwas Reales in der Gesellschaft. Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche des tagtäglichen Lebens verschärfen sich die Gegensätze. Doch sie finden in der offiziellen Politik keinen Ausdruck und kein Ventil, bis sie sich in einer Explosion äußern.