Die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses

Von Florian Bergstadt
15. Januar 2009

Nach Entscheidung des Bundestages soll bis 2013 das alte preußische Stadtschloss in Berlins Mitte wieder aufgebaut werden. Der Wiederaufbau des Stadtschlosses ist in der Öffentlichkeit und unter Fachkreisen ein höchst umstrittenes Thema. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe dieser Debatte.

Um die Auseinandersetzung besser zu verstehen, sollte man zunächst etwas zur Geschichte des Areals sagen: Das Berliner Stadtschloss wurde im Wesentlichen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtet, zur Zeit des preußischen Absolutismus unter den Königen Friedrich I. und Friedrich-Wilhelm I., dem "Soldatenkönig". Es sollte dem Geschlecht der Hohenzollern fast zwei Jahrhunderte als Stadtresidenz in Berlin dienen.

Stadtschloss Berlin um 1900

Bedeutsamer als die Fassaden, welche nun wieder aufgebaut werden sollen, war eigentlich die Gestaltung der Räumlichkeiten, welche 1945 durch Bombenangriffe weitgehend zerstört wurden. Das Schloss erlitt weitere schwere Schäden in den folgenden Straßenkämpfen zwischen der Roten Armee und deutschen Soldaten, sodass es am Ende des Zweiten Weltkrieges nur noch als Ruine erhalten war. 1950 ließ die DDR-Regierung die ausgebrannte Ruine sprengen und abtragen.

23 Jahre später wurde an gleicher Stelle der "Palast der Republik" errichtet. Er diente als Sitz des DDR-Parlaments, den Großteil der Fläche nahm jedoch eine Mischung verschiedener kultureller Einrichtungen ein. Konzipiert als Kulturpalast war er eng verwandt mit anderen Bauten, die zu jener Zeit in Europa entstanden, zum Beispiel dem Centre Pompidou in Paris. Bis zum Zusammenbruch der DDR bildete der "Palast der Republik" einen kulturellen und politischen Mittelpunkt in Ostberlin.

Nach der Wende wurde der Palast zunächst geschlossen und das im Baukörper vorhandene Asbest wurde entsorgt. Bald bildeten sich zwei kleine, aber lautstarke Initiativen um den Unternehmer Wilhelm von Boddien und die Architektin Kathleen King von Alvensleben mit dem Ziel, den Palast der Republik abzureißen und ihn wieder durch das ehemalige Stadtschloss zu ersetzen. Der Bundestag schwenkte schließlich auf diese Linie ein, und 2003 entschied sich die große Mehrheit der Abgeordneten für eine weitgehende Rekonstruktion des preußischen Stadtschlosses.

Nach diesen Vorgaben sollen die drei barocken Hauptfassaden und der kleinere Schlosshof wieder komplett rekonstruiert werden. Was hinter dieser Kulissenarchitektur geschehen soll, war lange Zeit nicht ganz klar. Man entschied sich - möglichst unauffällig natürlich - ein modernes Gebäude dort einzupassen - das "Humboldtforum" - benannt nach dem deutschen Forscher Alexander von Humboldt. Momentan läuft die Idee des Humboldtforums hauptsächlich auf ein Museum mit der völkerkundlichen Sammlung hinaus, die heute in Berlin-Dahlem ausgestellt ist.

Um diese Idee durchzusetzen wurde der Palast der Republik als wirkliches historisches Gebäude abgerissen. 2004 begann noch einmal eine Zwischennutzung des Palastes, mit Ausstellungen, Kunstinstallationen und Theateraufführungen. Internationale Künstler bemühten sich in vielen Projekten den Abrissplänen etwas entgegenzustellen und einen Diskurs über verloren gegangene Utopien und der Suche nach neuen Perspektiven anzuregen. Sie konnten den Abriss aber nicht verhindern, welcher im Dezember 2008 abgeschlossen wurde.

Aus denkmalpflegerischer Sicht ist der Wiederaufbau des Stadtschlosses unsinnig. Bei der Denkmalpflege im modernen Sinne geht es um originalgetreue Erhaltung und Restaurierung existierender historischer Gebäude, um sie als Zeugnisse ihrer Zeit zu erhalten. Bei dem Stadtschloss geht es jedoch um den kompletten Neuaufbau von Fassaden, deren Details in vielen Punkten gar nicht mehr bekannt sind und aus der Phantasie rekonstruiert werden müssen. Der "Palast der Republik" als Zeugnis der jüngeren Vergangenheit wurde jedoch trotz Protesten von Denkmalpflegern zerstört.

Man kann die Debatte auch nicht auf Fragen des Stadtbildes reduzieren, wie es derzeit gern getan wird. Es sei denn, man sieht eine Stadt als eine Ansammlung von Kulissen und ignoriert die tieferen historischen Zusammenhänge, die das Bild einer Stadt prägen.

Der Plan zur Wiedererrichtung des Stadtschlosses konnte sich vielmehr nur durchsetzen, weil er einem Bedürfnis in den tonangebenden Kreisen der Politik nachkommt, die Vergangenheit für gegenwärtige Zwecke neu zu interpretieren. Bemerkenswert ist, dass das Stadtschloss ein Symbol ist, welches in einer zutiefst undemokratischen Tradition steht. Nicht nur, dass es in einer Zeit erbaut wurde, als Preußen bei vielen Zeitgenossen als Inbegriff des Obrigkeitsstaates galt. Es ist auch ein Staat, der durch einen Militarismus geprägt war, der eine verhängnisvolle Rolle in den Kriegen des 20. Jahrhunderts gespielt hat.

Lange Zeit war deshalb die preußische Tradition in der deutschen Bevölkerung weitgehend verpönt. Um dieses Bild zu überwinden, wird nun der "liberale" und "aufklärerische" Charakter Preußens im 18. Jahrhundert beschworen. Dieses Bild wirft jedoch zwei Dinge in einen Topf, die bei näherer Betrachtung nichts miteinander zu tun hatten. Die Ideen der Aufklärung lassen sich nicht so einfach mit Preußentum mischen.

Vielmehr bildeten diese Ideen und der preußische Staat die schärfsten Gegensätze ihrer Zeit. Die Vertreter der Aufklärung hatten alle mit der Zensur ihrer Werke und der Verfolgung durch die preußische Polizei zu kämpfen. So schrieb der Dramatiker Lessing über die Berliner Freiheit: "Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu tragen als man will... lassen sie Einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste in Europa ist." (1)

Nun sind die Stadtschlossbefürworter auf dem Gebiet der Legendenbildung auch nicht viel kreativer als auf dem architektonischen Feld. Das Zusammenwerfen von Obrigkeitsstaat und Aufklärung hat seine Wurzeln bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals kam es dem Bedürfnis des in den Gründerjahren reich gewordenen Bürgertums entgegen, sich mit einer deutschen Einigung unter preußischer Vorherrschaft zu versöhnen. Dabei war der Mythos des "liberalen" Preußens eine Brücke, um sich mit preußischen Gewehren zu engagieren, die einen willkommenen Schutz gegen ein sozialistisch gesinntes Proletariat bildeten. Ebenso war ein militaristischer Staat das gelegene Werkzeug für eine imperialistische Eroberungspolitik, die in den folgenden Jahrzehnten immer bedeutsamer werden sollte.

Hier gibt es einige Parallelen mit der heutigen Situation. Die wichtigsten Themen der deutschen Politik in den letzten zehn Jahren waren zum einen die Frage, wie man der Bevölkerung immer weiter gehende soziale Kürzungen aufbürden kann, ohne Widerstand zu erregen. Dies ist verbunden mit einer massiven staatlichen Aufrüstung nach innen. Sie gibt dem Staat Werkzeuge in die Hand, um eventuelle soziale Unruhen zu unterdrücken. Zum anderen die Rückkehr zur Außenpolitik mit militärischen Mitteln, trotz der Zurückweisung durch die Mehrheit der Bevölkerung. Hieraus speist sich das Bedürfnis der tonangebenden Kreise in der Politik nach dem Bau eines nationalen Prestigeobjektes - und einer Verdrängung der Erfahrungen aus der Geschichte.

Es wird nicht nur die Erinnerung an die ungeliebte DDR aus dem Areal im Zentrum der Museumsinseln entfernt. Mit dem Wiederaufbau des Schlosses verdrängt man auch die Erinnerung an die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges, jener Katastrophe, in der Militarismus und Obrigkeitsstaat schließlich endeten. Stattdessen will man eine Kontinuität zwischen dem preußischen Berlin und der wiedervereinigten Bundesrepublik herstellen, die es in Wirklichkeit nie gegeben hat.

Die Ergebnisse des Architekturwettbewerbs zum Stadtschloss zeigen deutlich das Ausmaß an Phantasielosigkeit und den Mangel an jeder Vision, den diese Form der Geschichtsklitterung mit sich bringt.

Zum einen lässt sich sagen, dass die meisten Architekten schon mit den Füßen abgestimmt haben und sich gar nicht erst am Wettbewerb beteiligten. Statt erwarteter Hunderter von Beiträgen hatte man am Ende gerade mal 85 Einreichungen zum Wettbewerb. Eine für einen Wettbewerb dieser Größenordnung sehr geringe Teilnahme. Internationale Büros waren kaum vertreten.

Verfasser des Siegerentwurfes ist der italienische Architekt Franco Stella. Auf dem dritten Platz tummeln sich die Architekten Eccheli e Campagnola aus Verona, Christoph Mäckler aus Frankfurt, Kleihues und Kleihues sowie Kollhoff aus Berlin. Jedoch mit gravierenden Mängeln. Keiner war überzeugend genug, als dass sich die Jury entscheiden konnte, auch einen zweiten Platz zu vergeben.

Franco Stellas Entwurf gelingt es zwar, dass Schloss besser mit der Umgebung zu verweben als es den anderen Beiträgen gelang, aber auch er kann das grundlegende Dilemma der ganzen Aufgabe nicht lösen. Sein Entwurf ist geprägt durch das harte Zusammentreffen nachgebauter barocker Fassaden mit kühlen, auf das Grundraster des Schlosses reduzierten Neubaufassaden. Letztere steigern sich an der frei gestalteten Spreeseite zu einer solchen Monotonie, dass auch hier dringend zur Nachbesserung geraten wird.

Im Grunde kann man es Stella nicht ankreiden, dass sein Entwurf keine eigene Überzeugungskraft entwickelt. Ursache ist der Mangel jeder positiven gesellschaftlichen Vision, welcher dem ganzen Projekt zugrunde liegt.

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1) Lessing an Nicolai (1769), aus Lessings sämtliche Schriften, hg. von Karl Lachmann, 3. Auflage durch Franz Mucker, Bd. 17, Leipzig 1904, S. 298.