Sozialer Abstieg konkret

Was ist aus den Arbeitern der Bremer Vulkan-Werft geworden?

Von Werner Albrecht und Dietmar Henning
18. Juli 2008

Wolfgang Hien u. a., Ein neuer Anfang wars am Ende nicht, VSA-Verlag Hamburg, 2007

Tagtäglich berichten die Medien über Produktionsverlagerungen, Fabrikschließungen und massenhaften Arbeitsplatzabbau in Deutschland. Immer beschwichtigen die Gewerkschaften, indem sie mit Hilfe von Sozialplänen, Transfergesellschaften oder ähnlichen Manövern den betroffenen Arbeitern erklären, man würde schon das Beste aus der bedrohlichen Situation "herausholen". Am Ende sind die Jobs abgebaut, die Beschäftigten entlassen.

Was dann aus den entlassen Arbeitern wird, welchen Weg sie gehen, wie sei mit der Situation zu Recht kommen usw., darüber erfährt man nur selten etwas. Zwar kennt der Großteil der Bevölkerung solche Situationen - wenn nicht aus eigener Erfahrung, so doch zumindest aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Arbeitslosigkeit ist kein Einzelphänomen. Doch eine wissenschaftliche Analyse, die die gesundheitliche und soziale Lage einer gesamten ehemaligen Belegschaft untersucht, ist selten.

Dem "Verein Arbeit und Zukunft e. V." in Bremen ist eine Studie zu verdanken, die nachgefragt hat. "Zehn Jahre Vulkan-Pleite: Was ist aus den Menschen geworden?" lautet der Untertitel ihres Buches. Im Auftrag des Vereins verschickten Wissenschaftler um Wolfgang Hien von der Universität Bremen im Dezember 2006 schriftliche Fragebögen an 1.375 ehemalige Werftarbeiter der Vulkan AG. Mit 35 von ihnen führten sie Interviews im Rahmen der qualitativen Studie.

Bereits 1999/2000 - zwei bis drei Jahre nach der Schließung im August 1997 - hatten sie eine solche Befragung durchgeführt. Damals schrieben die Autoren: "Die Ergebnisse waren erschreckend: Jeder dritte hatte keine Arbeit, von den über 50-Jährigen war sogar mehr als jeder zweite arbeitslos, der Gesundheitszustand hatte sich nach der Werftschließung dramatisch verschlechtert. Am schlimmsten waren die 50-59-Jährigen betroffen, denn sie waren noch zu jung für die Rente und zu alt und zu krank für die Arbeit."

Heute scheint die Situation insgesamt ein wenig besser zu sein. Doch noch immer sind mehr als jeder fünfte ehemalige Vulkan-Arbeiter arbeitslos. Auch habe sich der Gesundheitszustand gegenüber der ersten Erhebung gebessert. Doch im Vergleich zu anderen Industriearbeitern, vom Vergleich zur Gesamtbevölkerung ganz zu schweigen, sei er immer noch bedeutend schlechter. Zudem seien durch die Arbeitslosigkeit und die politisch verordneten Kürzungen (Rente mit 67 und Hartz IV) neben den körperlichen Schäden durch die harte Arbeit auf der Werft inzwischen massive psychische Belastungen festzustellen.

Der Arbeitskampf bei Vulkan

Zur Erinnerung: Ende April 1996 meldete die Bremer Vulkan AG Konkurs an. Betroffen waren vor allem die knapp 2.000 Werftarbeiter des Stammwerks in Bremen Nord.

Bis in die 1980er Jahre zählte Vulkan zu den größten Werften Deutschlands, und zusammen mit den Schiffen der Vorgängerwerft entstanden dort über 1.000 Schiffe aller Kategorien: Fischdampfer, Frachtdampfer, Tanker, Containerfrachter, U-Boote, Großtanker und u. a. das Kreuzfahrtschiff " Costa Victoria".

Die Geschichte der Traditions-Werft und zeitweise größten Arbeitgebers in Bremen geht bis auf das Jahr 1893 zurück. In dem vom VSA-Verlag Hamburg herausgegebenen Buch werden einige Erinnerungen von Werftarbeitern lebendig: "Es war eine gute Zeit, aber es war Knüppelarbeit".

Wenn von der "guten Zeit" die Rede ist, so wird von einem "Sich -Verzehren nach den Schiffen und ein sehnsuchtsvolles Erinnern an das Kollektiv, in dem man seinen Platz und seine Anerkennung hatte" gesprochen. Die andere Bedeutung des "Zehren" jedoch bedeutet, dass die Arbeit beim Vulkan alles andere als gesundheitsschonend war.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die Bericht ehemaliger "Vulkanesen" hautnah schildern, was Karl Marx bereits in seinem Hauptwerk "Das Kapital" vor mehr als 130 Jahren beschrieben hat: "Arbeit führt unter den herrschenden ökonomischen Bedingungen ‚zur rücksichtslosen Vernutzung von Körper und Geist, zur Verletzung der Sinne durch Stäube und Lärm, zum systematischen Raub an den Lebensbedingungen des Arbeiters während der Arbeit an Raum, Luft, Licht und an persönlichen Schutzmitteln wider lebensgefährliche oder gesundheitswidrige Umstände des Produktionsprozesses’."

Doch trotz der harten körperlichen Arbeit waren 1996 bei Bekanntgabe des Konkurses nicht nur die Arbeiter sondern die gesamte Region schockiert. Die verantwortliche Gewerkschaft IG Metall protestierte lautstark, zum Schluss war sie in Zusammenarbeit mit den Betriebsräten verantwortlich für den Ausverkauf der Arbeiter.

Gewerkschaft und Betriebsräte spulten das leidlich bekannte Spiel der fruchtlosen Proteste ab: Kuchenbacken, Bildermalen von Kindern über die Zukunft ihrer Familien, Gottesdienste und Posaunenchöre, Rockkonzerte, der Besuch des Bundesligisten Werder Bremen.

Eine Betriebsbesetzung als Ausgangspunkt für einen umfangreichen Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze für alle Vulkan-Betriebe lehnten sie ab. Stattdessen boten IG-Metall und Betriebsrat der Geschäftsleitung ihre Mitarbeit an, um angeblich "die Arbeit effektiver zu gestalten".

Zum Schluss brachten IG Metall und Betriebsrat die Werftarbeiter sogar noch um die zuvor versprochenen großzügigen Sozialpläne und Abfindungen. Sie zogen ein sorgfältig ausgearbeitetes vierseitiges Papier aus der Tasche und forderten die Arbeiter ultimativ auf, jeder Einzelne solle "solidarisch unterschreiben". Keiner der Arbeiter hatte das Vertragswerk vorher gelesen. Mit dem Vertrag wurde das bisherige Arbeitsverhältnis aufgehoben. Die Arbeiter verzichteten darin auf alle Ansprüche aus ihren oft jahrzehntelangen Arbeitsverträgen und erklärten sich einverstanden mit der Überführung in eine Beschäftigungsgesellschaft.

Gewerkschaftsfunktionäre drohten mit Entlassungen, fehlender Konkursmasse und mangelndem Geld für Löhne und Abfindungen, sollten nicht genügend Arbeiter unterschreiben. Am 15. August 1997 schloss die Vulkan-Werft in Bremen für immer ihre Tore. Mit der letzten Schicht verließen 2.500 Arbeiter und Angestellte ihre Arbeitsplätze.

Die Rolle der Gewerkschaft und der Betriebsräte ist nicht Gegenstand der Studie - an der mit Rolf Spalek ein ehemaliger Betriebsrat der Vulkan-Werft beteiligt war. Doch die Studie veranschaulicht nicht zuletzt durch die unbearbeiteten transkribierten Interview-Teile die psychische Befindlichkeit der ehemaligen Werftarbeiter.

Die Folgen von Arbeitslosigkeit und Arbeit auf der Werft

In den allermeisten Fällen wurde das Vulkan-Ende als eine persönliche wie soziale Katastrophe erlebt. Es brach ein gewohnter Lebensbereich zusammen und es geschah etwas, was kaum für möglich gehalten worden war. Es taten sich Abgründe auf, die den Arbeitern und ihren Familien große Angst machten.

Die Folge der Überführung in Beschäftigungsgesellschaften bedeutete für die zumeist hoch qualifizierten Facharbeiter, dass sie wie in einem Schlussverkauf zu Niedrigpreisen auf dem Arbeitsmarkt angeboten wurden. "Auffallend ist, dass viele Schiffbauer seit Jahren über Zeitarbeitsfirmen bei regionalen Werften arbeiten, dies meist unter schlechteren Arbeits- und Einkommensbedingungen."

Etwa 40 Prozent der ehemaligen Vulkan-Beschäftigten leben an oder unterhalb der Armutsgrenze, stellen die Autoren fest. Ein ehemaliger "Vulkanese", durch mehrere Bandscheibenvorfälle, Asbestose, Hörschäden und Tinnitus gezeichnet und inzwischen in Hartz-IV-Bezug schildert: "Ich weiß nicht, wie das noch enden soll ... Urlaub können wir uns schon gar nicht mehr leisten. Da kann man nur von träumen oder im Fernsehen gucken, wie andere Urlaub machen. Auch das Angeln ist vorbei, kann ich nicht mehr zahlen."

Doch nicht nur Arbeitslosigkeit, auch ein gezwungenermaßen vorgezogener Renteneintritt habe eine beträchtliche Anzahl von Personen, die früher "gut verdient" haben in eine sozial bedrückende Lage gebracht. Ein Arbeiter berichtet von einem Gespräch mit "beruflich in der Sozialpolitik Engagierten": "Alle guckten mich also ganz erstaunt an, und wie ich denn gesagt hatte, dass ich mit 43 Jahre Arbeit und 47 Jahre Renteneinzahlung keine 1.000 Euro bekomme, da haben sie gesagt: ‚Das kann nicht angehen.’ Aber es ist so: Ich kriege mit diesen ganzen vielen Jahren, nie arbeitslos, außer die letzten zehn Jahre durch die Vulkan-Pleite, und dieses frühzeitige In-Rente-Gehen, jetzt genau 965 Euro. Die haben mich da angeguckt, ob das Herr Sowieso oder Frau Sowieso war: ‚Das stimmt nicht.’ Ich sag’: ‚Doch, genau so ist es’, sag’ ich."

Fast ein Drittel der Befragten ehemaligen Werftarbeiter sind aufgrund ihres Krankheitszustandes gezwungen, in eine Erwerbsminderungsrente zu gehen. Dabei gestaltet sich bei vielen Betroffenen der Übergang in den Frührenten-Status aufgrund einer einschränkenden Begutachtungsmedizin in hohem Maße schwierig.

Geradezu aussichtslos scheint die Möglichkeit des Renteneintritts aufgrund einer anerkannten Berufskrankheit zu sein. Bewusst mangelhaft gestaltete Arbeitsanamnesen von Berufsgenossenschaft und Begutachtungsmedizin spielen in negativer Weise ineinander. Die Autoren sprechen von einer "Verhöhnung der Kranken" durch die verschiedenen Institutionen, vor allem der Berufsgenossenschaft, und lassen die Betroffenen sprechen. Sie schildern: "Die Interviews fast aller Ende-50-Jährigen sind voll von derartigen, an die Geschichten Franz Kafkas erinnernden Situationen: Es ist eine absurde ausweglos erscheinende Welt von autoritären Ungerechtigkeiten, denen die Betroffenen ausgeliefert sind."

Obwohl Bandscheibenschäden als Berufskrankheit anerkannt seien, stelle sich die Berufsgenossenschaft völlig quer und behaupte "durchgehend, dass auf dem Vulkan diese Schwere der Arbeit nicht geherrscht habe und die Beschreibungen der Betroffenen ‚nicht nachvollziehbar’ seien". Die Arbeiter, die sich in Jahrzehnten bei Vulkan kaputt gearbeitet haben, müssen nun "beweisen", dass ihre gesundheitlichen Schäden tatsächlich durch diese Arbeit hervorgerufen sind. Für die Arbeiter ein unmögliches Unterfangen.

Auch die Erfahrungen mit der Agentur für Arbeit in Bremen-Nord werden ausnahmslos von allen ehemaligen Vulkan-Arbeitern als absolut katastrophal bezeichnet. Die fast stereotype Antwort der Arbeitsagentur lautete stets: "Für Sie haben wir nichts und bekommen auch nichts." Entweder war man zu alt oder gesundheitlich zu eingeschränkt. Meist weit abgelegene Betriebe ohne Tarifbindung, mit bis zu 100 Kilometern Entfernung, die nicht einmal zur Deckung der Fixkosten gereicht hätten, waren die schäbigen Angebote von Zeitarbeitsfirmen. Sie waren die einzigen Vermittlungserfolge der Arbeitsagentur.

Das Interview-Material und die dargestellten Umfrageergebnisse lassen nur die Schlussfolgerung zu, dass viele der ehemaligen Werftarbeiter, die nicht wieder in Arbeit gelangten, systematisch entwürdigt wurden und werden. Dieses in Kombination mit materiellen Sorgen und berechtigten Zukunftsängsten führt dann zwangsläufig zu Problemen in Ehe und Partnerschaft (ein Kapitel befasst sich mit dieser Frage) sowie einer besorgniserregend hohen Quote an depressiven Erkrankungen. Fast jeder dritte Vulkanese leidet an einer Depression, fast 5 Prozent sogar an einer schweren.

In der Studie wird festgestellt: "Arbeitslosigkeit ist der relevanteste Verursachungsfaktor für die Verschlechterung der subjektiven und psychiatrischen Gesundheit. Verglichen mit erwerbstätigen ehemaligen Vulkanesen verschlechtert sich die subjektive Gesundheit durch Arbeitslosigkeit um das knapp Vierfache, und die Depression erhöht sich sogar um das Fünffache."

Die zusammengetragenen Ergebnisse der Studie schildern konkret und anschaulich durch Arbeitsplatzverlust verursachte menschliche Tragödien. Sie sind erschreckend - und eine Anklage gegen die Gewerkschaften und Betriebsräte, die die Arbeiter mit ihrer Politik im Interesse der Konzerne dort hineingetrieben haben.