US-Notenbank in weltweite Turbulenzen verstrickt

Von Nick Beams
2. Juli 2008

Das Federal Reserve Board, die Notenbank der USA, entschied am Mittwoch letzter Woche, ihren Basiszinssatz von zwei Prozent beizubehalten. Dies war weniger eine politische Entscheidung als Ausdruck einer wachsenden Lähmung in Kreisen der Regierung und der Zentralbank angesichts der mächtigen Kräfte, die zurzeit in der amerikanischen und der Weltwirtschaft wirksam sind.

Einerseits verlangt die immer schlimmere Rezession in den USA eine erneute Absenkung des Zinssatzes, um die Wirtschaft anzukurbeln. Andererseits machen die wachsende Inflation und auch der immer schwächere US-Dollar - der selbst wiederum Inflationsdruck verursacht - eigentlich eine Anhebung des Zinssatzes notwendig. Die Folge war, dass die Fed tatenlos blieb.

Als die Entscheidung bekannt gegeben wurde, versuchte der Offenmarktausschuss der Fed gute Miene zum bösen Spiel zu machen, was die Verschlechterung der US-Wirtschaft betrifft. "Jüngste Informationen", so sein Kommentar, "deuten darauf hin, dass die allgemeinen Wirtschaftsaktivitäten kontinuierlich wachsen, und es ist teilweise eine Konsolidierung der privaten Haushaltsausgaben zu beobachten... Es ist zu erwarten, dass die beträchtlichen Erleichterungen in der Geldmarktpolitik, zusammen mit den fortgesetzten Maßnahmen zur Stützung der Liquidität auf dem Markt, dazu beitragen, in absehbarer Zeit ein moderates Wachstum zu fördern."

Diese Beteuerungen veranlassten den Wirtschaftsredakteur der Business Week, Michael Mandel, zu der Frage: "Lebt die Fed in einer Märchenwelt? Die Arbeitslosigkeit steigt, die Immobilienpreise sinken und die Ölpreise steigen in schwindelnde Höhen. Oh ja, und die Erwartungen der Konsumenten, was ihre wirtschaftliche Zukunft betrifft, befinden sich laut dem Conference Board in einem Rekordtief."

Die jüngsten Wirtschafsdaten der USA lassen den schlimmen Zustand der Wirtschaft erkennen. Der Verkauf neuer Eigenheime sinkt kontinuierlich seit Mai auf einen Stand von 512.000 im Jahr, dem niedrigsten Stand seit der Rezession von 1991. Verglichen mit dem Vorjahr sind die Eigenheimverkäufe um 40 Prozent zurückgegangen.

Zuvor hatte der Case-Shiller-Index, ein Index für die Entwicklung auf dem amerikanischen Wohnimmobilienmarkt, einen Rückgang von 15,3 Prozent im Vergleich zum Mai vorigen Jahres gezeigt. Daraufhin erklärten Marktbeobachter, es werde mindestens zu einem weiteren Rückgang um 15 Prozent kommen.

Welche Auswirklungen das Platzen der Immobilienblase für Hausbesitzer hatte, wird aus den Zahlen deutlich, die das Financial Markets Center auf der Grundlage der Daten des Federal Reserve Board herausgegeben hat. Es fand heraus, dass im ersten Quartal der Nettowert der Haushalte mit einer jährlichen Rate von 2,9 Prozent gefallen war. Im darauf folgenden zweiten Quartal setze sich der Rückgang fort und führte schließlich zu einem Gesamtverlust von 2,23 Billionen Dollar, als der Höhepunkt im dritten Quartal 2007 erreicht war.

Das Center fand heraus, dass es zwischen 1952 (dem ersten Jahr, in dem vierteljährlich die Daten erhoben wurden) und 1999 nur eine einzige Situation gab, in der dieser Wert in zwei aufeinander folgenden Quartalen sank. Das war die Rezession von 1974. Seit 2000 setzte auf den Immobilien- und Finanzmärkten eine Zeit größter Schwankungen ein, und das Phänomen wiederholte sich noch dreimal, wobei die Verluste weit höher waren als 1974.

Gleichzeitig gingen auch andere Werte zuletzt stark zurück. Zwischen Januar und März sank der Wert von Pensionsrücklagen und Anlagen in Aktienfonds auf das Jahr bezogen mit einer Rate von 18,8 beziehungsweise 31,1 Prozent. Der Wert der Aktien im Besitz von Einzelhaushalten fiel mit einer Jahresrate von 40,8 Prozent.

Die Entscheidung der Fed wurde von jenen kritisiert, die eine weitere Aktion zur Stimulation der US-Wirtschaft wünschten. Andere Kritiker jedoch verlangten eine Erhöhung des Zinssatzes, um die Inflation einzudämmen.

Diesem Thema widmete sich die Financial Times am Mittwoch. "Wenn es eine Zentralbank der Welt gäbe, dann würde deren Komitee für Finanzpolitik auf die heutigen und künftig zu erwartenden Inflationsraten schauen und dann die Zinssätze anheben. Es gibt keine derartige Bank, aber es gibt eine Institution, die annähernd so etwas verkörpert: die US Federal Reserve, deren Finanzpolitik sich in vielen Ländern im Nahen Osten und Asien widerspiegelt. Die Fed mag diese Verantwortung nur ungern tragen, aber es wäre ratsam, sich darüber Gedanken zu machen, unabhängig ob man es gern tut oder nicht, dass die niedrigen Zinssätze der Fed zur globalen Inflation beitragen."

Der Leitartikel wies darauf hin, dass viele Länder in dieser Weltregion ihre Währungen nach dem US-Dollar ausrichten. Infolgedessen müssten sie, wenn die USA ihre Zinsen senken, dies ebenfalls tun, um zu verhindern, dass spekulatives Kapital einfließt und ihre Währungen aufwertet. Unter Bedingungen jedoch, unter denen die Inflation auf zehn Prozent zusteuere, führe dies dazu, dass die Preise weiter stiegen.

Aber es gibt bei diesem Problem noch einen weiteren Aspekt, auf den der Leitartikel ebenfalls hinweist. Wenn die asiatischen Länder, vor allem China, gezwungen sind, ihre Zinsen auf Grund des Inflationsdrucks zu erhöhen, dann könnten sie ihre Verbindung zum Dollar kappen. Dies würde dazu führen, dass das Kapital, das in US-Anleihen investiert wird, abfließt. "Die Folgen wären für die USA unerfreulich: ein Zusammenbruch der Währung und noch höhere Inflation im Innern."

Vor dem Hintergrund einer derartigen Zwangslage macht sich eine wachsende Stimmung der Ratlosigkeit in den großen Finanzhäusern breit.

Im Global Development Finance Report 2008 der Weltbank, der Anfang Juni erschienen ist, heißt es: "Noch selten war die internationale Gemeinschaft aufgerufen, auf soviel komplexe Herausforderungen zugleich zu reagieren - von unmittelbaren Aktionen gegen die rasant steigenden Lebensmittelpreise und das Eindämmen der Schwankungen auf dem privaten globalen Finanzmarkt bis hin zu der Notwendigkeit, die Auswirkungen der Verlangsamung des Wachstums zu mildern und die Schwungkraft der Wirtschaft in den Ländern mit hohem Einkommen zu erhalten, ohne langfristig Wachstum und Stabilität aufs Spiel zu setzen. Diesen Herausforderungen zu begegnen, erfordert kollektive Lösungen und klares Denken." Aber gerade diese beiden Güter sind Mangelware.

Keine kollektiven Lösungen

Denn die beiden wichtigsten Finanzeinrichtungen der Welt sind weit von "kollektiven Lösungen" entfernt, im Gegenteil, sie arbeiten in entgegen gesetzte Richtung. Während die Fed die Zinsraten als Reaktion auf die Subprime-Finanzkrise senkte, weigerte sich die Europäische Zentralbank (EZB), dem zu folgen, und könnte in den nächsten Wochen ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte anheben.

Die Inflation der Verbraucherpreise in der Eurozone stieg im Mai mit einer Jahresrate von 3,7 Prozent, was erheblich über dem angestrebten Ziel der EZB von 2 Prozent liegt. Die EZB sucht nach einer Möglichkeit, Forderungen nach Lohnerhöhungen von vorneherein abzublocken.

"Insbesondere könnten Lohnerhöhungen stärker ausfallen als erwartet, da die Kapazitäten weitgehend ausgelastet und der Arbeitsmarkt verhältnismäßig kompakt ist", erklärte der EZB-Chef Jean-Claude Trichet. "In diesem Zusammenhang ist das Risiko besonders hoch, die Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen", meinte er für den Fall, dass die Löhne an die Inflation angepasst würden.

Mit anderen Worten, die EZB ist bereit, im Fall einer Streikbewegung der europäischen Arbeiterklasse zur Verteidigung ihres Lebensstandards gegen die Inflation, die Zinssätze anzuheben, um eine Rezession auszulösen.

Inzwischen hofft die Fed, dass sich die hohen Lebensmittel- und Energiepreise durch den Wirtschaftsverlauf normalisieren. "Es wird erwartet, dass sich die Inflation im Verlauf dieses und des nächsten Jahres abschwächt." Aber dies ist mehr eine Hoffnung als eine begründete Annahme.

Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass die Preise weiter steigen werden. Der Weltbank zufolge werden die hohen Lebensmittelpreise sich halten und die Erdölpreise sogar weiter steigen - bis auf 200 Dollar oder sogar 250 Dollar pro Barrel, wie einige Voraussagen lauten.

Bereits der Anstieg von 53 Dollar pro Barrel Anfang 2007 auf den gegenwärtigen Preis von 136 Dollar [inzwischen 142 Dollar. Anm. d. Übers.] hat die jährlichen Kosten für die Verbraucher um 2,6 Billionen Dollar im Jahr steigen lassen - eine Summe, die 4,5 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Die Ölpreiserhöhungen sind alles andere als Einzelerscheinungen. Vielmehr greifen sie auf andere Gebiete der Wirtschaft über. Am 25 Juni warnte die Financial Times (FT) vor dem "Gespenst einer Inflation in der Weltwirtschaft" und bemerkte, dass große Konzerne, die von Erdöllieferungen abhängen, jetzt mit Preiserhöhungen fertig werden müssten. Der Chemiekonzern Dow Chemical, der Preiserhöhungen von 25 Prozent ankündigte, - die höchsten in der Geschichte der Firma - ließ verlauten, die Erhöhungen seien notwendig, um die "in die Höhe schießenden" Kosten aufzufangen.

Der Wirtschaftskolumnist der FT Martin Wolf schrieb, die Welt werde zwischen zwei Stürmen hin- und her geworfen, "einem inflationären Warenpreis-Sturm und einem deflationären Finanzsturm".

An der gegenwärtigen Situation fällt besonders die außerordentliche Geschwindigkeit ins Auge, mit der sich diese Prozesse heute abspielen. Vor einem Jahr wiesen maßgebliche Berichte globaler Finanzinstitute wie der Weltbank oder dem Weltwährungsfonds auf die Risiken von Inflation und finanziellen Turbulenzen hin. Aber da waren das noch relativ kleine Wolken am Horizont. Jetzt hat sich die Lage dramatisch verändert, und die Weltwirtschaft befindet sich in ihrer ernstesten Krise seit mehr als drei Jahrzehnten.

Siehe auch:
Die weltweite Nahrungskrise und der kapitalistische Markt - Teil 1
(17. Juni 2008)
Die weltweite Nahrungskrise und der kapitalistische Markt - Teil 2
(18. Juni 2008)
Die weltweite Nahrungskrise und der kapitalistische Markt - Teil 3
(21. Juni 2008)