Weltjugendtag in Sydney: Staatlich geförderter Obskurantismus

Von Laura Tiernan
24. Juli 2008

Ein ausländischer Besucher hätte in Sydney glatt den Eindruck gewinnen können, der Katholizismus sei in Australien Staatsreligion. Der Weltjugendtag 2008 der Katholischen Kirche vom 15. bis 20. Juli wirkte wie ein vom Staat gesponsertes religiöses Fest.

Am Dienstag hielt Labor-Premierminister Kevin Rudd eine Rede vor der Eröffnungsmesse, an der Seite von 26 Kardinälen, 400 Bischöfen und 4.000 Priestern. Das Christentum sei "eine überwältigende Kraft für das Gute in der Welt", erklärte er den ca. 143.000 Besuchern des Weltjugendtages (WJT), die sich in Barangoo bei Darling Harbour versammelt hatten.

Rudds Rede zur Einleitung einer vom australischen Kardinal George Pell zelebrierten Freiluftmesse ist für einen australischen Premierminister ohne Beispiel. Sein Engagement für religiösen Obskurantismus und Klerikalismus ist ein Affront gegen das grundlegende demokratische Prinzip der Trennung von Kirche und Staat.

"Australien ist tief von seinem christlichen Erbe geprägt und stolz auf seine christliche Zukunft", behauptete er. "Wir ehren das große katholische Erbe Australiens, das in seinen Traditionen tief verwurzelt ist und über seine Zukunft entscheidet."

In Wirklichkeit ist Australien eins der säkularsten Länder der Welt. Nicht einmal 27 Prozent der Bevölkerung sind Katholiken, und von diesen gehen nur 14 Prozent regelmäßig in die Kirche.

Bis zu den Wahlen im vergangenen November galt Rudd beim "linksliberalen" Establishment noch als progressiv. Heute greift er nicht nur den Säkularismus, sondern auch Wissenschaft und Vernunft offen an: "Einige sagen, im 21. Jahrhundert habe der Glaube keinen Platz mehr", predigte er in einem pompösen, nervenden Tonfall, der stark an Tony Blair erinnerte. "Ich sage, sie haben Unrecht. Einige sagen, Glaube sei der Feind der Vernunft. Wieder sage ich, sie haben Unrecht. Glaube und Vernunft sind großartige Partner, reich an Geschichte und wissenschaftlichem Fortschritt."

Die katholische Kirche als "großartigen Partner" des wissenschaftlichen Fortschritts zu bezeichnen, ist eine empörende Geschichtsfälschung. Der Vatikan war seit der Renaissance ein Bollwerk gegen Vernunft und Wissenschaft. Es ist die Institution, die Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannte und Galileo Galilei der Inquisition übergab, weil beide das gotteslästerliche Verbrechen begingen, zu erklären, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Desorientierung

Am Montag war die umfassende Berichterstattung über die Ankunft von Papst Benedikt XVI. in den Medien allgegenwärtig. Jeder Stein wurde umgedreht, kein päpstliches Gewand blieb ungelüftet. Journalisten von Fairfax und Murdoch, die sich der vatikanischen Presse an Bord von Schäfer Eins (dem Privatjet des Pontifex) angeschlossen hatten, ergötzten ihre Leser mit Einzelheiten über das Menü des Papstes. Paola Totaro vom Sydney Morning Herald zufolge "standen auf der Speisekarte Ravioli di Ricotta mit Radischen, gegrillte Meersfrüchtespieße in Grappa Salsa Sauce, serviert mit Spargel und Karotten, dazu ein Käsesortiment, Rinderfilet mit Pilzen und verschiedene Süßigkeiten vom berühmten Eishersteller Rinaldini".

Dagegen war auf der ersten Seite des Herald nicht ein Wort darüber zu lesen, dass die amerikanischen und Weltfinanzmärkte von der schwersten Finanzkrise seit den 1930er Jahren erschüttert wurden. Weder die Rettung der Hypotheken-Giganten Fannie Mae und Freddy Mac durch den US Federal Reserve Board, noch Warnungen vor einem globalen Finanzzusammenbruch, einem Militärdebakel in Irak und Afghanistan, neuem Säbelrasseln gegen den Iran, steigender Inflation und drohenden Hungersnöten wegen der steigenden Öl- und Nahrungsmittelpreise wurde erwähnt. Alles musste dem Klatsch und Tratsch weichen, der sich über viele Seiten hinweg dem Papst und der katholischen Kirche widmete.

Eine gewisse Desorientierung scheint sich im politischen Establishment auszubreiten. "Benedikts Weltjugendtag bringt einer Nation Hoffnung: Papst will Feuer des Glaubens neu entfachen", verkündete der Australian auf der ersten Seite. "Der Papst landet mit einer Botschaft", erklärt der Herald. "Hilf die Welt zu retten, Sydney!" Man ist versucht, in diesen Schlagzeilen die geronnene Weisheit der Redaktionen von Fairfax und News Limited zu erblicken: Wer weiß, vielleicht wird ein Wunder geschehen!

Doch das Wunder blieb aus.

Die zögernden Bemerkungen Benedikt des XVI. bei einer kurzen Pressekonferenz im Flugzeug waren Hinweis darauf, dass auch die katholische Kirche in der Krise steckt. Der intellektuelle Bankrott des Papstes war nicht zu übersehen. Alle Fragen mussten zwölf Stunden im Voraus bei der Pressestelle des Vatikans eingereicht werden, und trotzdem beantwortete der Pontifex nur insgesamt fünf von Dutzenden von Fragen.

"In Europa steckt die Kirche in einer Krise, in Amerika nicht so sehr", sagte der Papst den Reportern. "Australien gehört historisch zur westlichen Welt... Der Westen hat in den letzten 50 Jahren ökonomisch und technologisch große Erfolge erzielt. Aber die Religion ist in den Hintergrund gedrängt worden." Bezugnehmend auf die Missbrauchskrise, die die Kirche erschüttert, sagte Benedikt: "Ein Pädophile kann kein Priester sein."

Die Boulevardzeitung Daily Telegraph behauptete am Montag, die Ankunft des Papstes in Sydney habe "eine Welle von Optimismus ausgelöst... und die Pilger in einen Zustand der Ekstase versetzt". Die Realität sah ein wenig anders aus. Als Sydney 2005 den Zuschlag für den Weltjugendtag erhielt, ging die katholische Kirche noch von über 200.000 Besuchern aus, die nach Sydney kommen würden. Kirchenvertreter haben diese Voraussagen seither Schritt für Schritt nach unten korrigiert. Offensichtlich waren es am Ende nur etwas mehr als 100.000 Menschen.

Im zentralen Geschäftsviertel Sydneys fiel die Ziellosigkeit des Ereignisses ins Auge. Gruppen junger Gläubiger schienen mehr oder weniger wahllos dahinzutreiben, und man fragte sich, ob sie sich nicht einfach verlaufen hätten, und zwar nicht nur im übertragenen, sondern auch im unmittelbaren Wortsinn. In Sydneys Vorstädten irrten Gruppen von Jugendlichen aus Afrika und von den pazifischen Inseln durch die kalte Nacht. Man sah sie zuweilen einer Schnellstraße entlang marschieren, wo weder Läden noch Cafes oder Restaurants zu finden waren. Tausende schliefen in Sporthallen und anderen provisorischen Unterkünften. Dutzende landeten mit Unterkühlung und schweren Erkältungen im Krankenhaus, weil sie von den kalten Nachttemperaturen im australischen Winter überrascht wurden und keine warme Kleidung noch entsprechendes Bettzeug bei sich hatten.

Aber am meisten überraschte am Weltjugendtag die aggressive Propaganda nationaler Identität. Die Besucher des Weltjugendtages bewegten sich überwiegend in nationalen Gruppen und drapierten sich in ihre jeweiligen Landesfahnen und -farben. Die Melodie des Ave Maria wurde immer wieder von hässlichen "Aussi, Aussi, Aussie, Oi, Oi, Oi!"- Rufen abgelöst.

Dieses nationalistische Gehabe ist kein spontanes Verhalten. Es wird den jungen Menschen von der katholischen Kirche untergejubelt. Der "Offizielle Katalog der WJT08-Lizenzprodukte" führt auf 23 Seiten jede Art Kleidungsstücke, Kopfbedeckungen, religiöses Zubehör und Krimskrams auf, die im Hyde Park zum Verkauf stehen. "Zeig deinen Stolz auf dein Land!" ermuntert der Katalog. Auch wenn die katholische Kirche für sich in Anspruch nimmt, der "universelle Glaube" zu sein, verteidigt sie doch rückhaltlos das kapitalistische Nationalstaatensystem, so wie sie früher die beschränkten fürstlichen Lehensverhältnisse der Feudalordnung verteidigt hatte.

Der WJT wurde 1984 von Papst Johannes Paul II. ins Leben gerufen, um den Niedergang der Kirche aufzuhalten. Aber die mittelalterlichen Lehren und die konservative Moral der Institution stehen in offensichtlichem Gegensatz zum modernen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben. Die Ablehnung der Wissenschaft und des modernen Fortschritts findet ihren Ausdruck in Papst Benedikts Steckenpferd: Er postuliert einen historischen Konflikt zwischen "moralischer Stärke" und technologischem Fortschritt.

Der Sydney Morning Herald brachte am 15. Juli ein Interview mit dem 16-jährigen Kirchentagsbesucher Bobby Desrochers aus Alaska, der erklärte: "Wir mussten eine Menge Opfer bringen, um hierher zu kommen... das größte war, dass wir unsere Handys, iPods und solche Sachen nicht mit herbringen durften. Das soll unsere Gedanken von neuer Technologie frei machen, damit wir uns auf die Dinge konzentrieren können, deretwegen wir eigentlich hier sind."

Eine Organisation, die iPods und digitale Kommunikation mit Argwohn betrachtet, wird nicht in der Lage sein, in der Jugend des 21. Jahrhunderts Wurzeln zu fassen.

Iemma: "Gott inspiriert meine Regierung"

Die Iemma-Labor-Regierung im Bundesstaat New South Wales (NSW) hatte ganz Sydney in den Dienst des WJT gestellt und damit große Verärgerung in der Bevölkerung hervorgerufen. Das Stadtzentrum war abgeriegelt, hunderte große und kleine Straßen waren gesperrt, und etwa 600 "Sonderzonen" wurden per Dekret eingerichtet, in denen Meinungs- und Bewegungsfreiheit streng reguliert waren. Den Geschäften, die wegen der Sperrungen schließen mussten, wurde ein finanzieller Ausgleich verweigert.

Die Regierung des Bundesstaates subventionierte den WJT mit ca. 129 Millionen Dollar, zwanzig zusätzliche Millionen schoss die Bundesregierung zu. Darin eingeschlossen waren zehn Millionen Dollar für den Austausch des Rasens in der Randwick Rennbahn, falls er von den Gläubigen während der abschließenden Papstmesse zertrampelt werden sollte. Nicht eingeschlossen waren "Sachleistungen" der Regierung, die Dutzende Millionen Dollar kosteten. Tausende Lehrer von staatlichen und katholischen Schulen wurden bedrängt, unbezahlte Mehrarbeit zu leisten und jugendliche Gäste übernacht in Schulsporthallen zu beaufsichtigen. Oft genug erhielten sie selbst keine Möglichkeit zu schlafen.

Schon die Ankunft der etwa 100.000 Besucher drohte das öffentliche Nahverkehrssystem Sydneys zu überlasten. Die Regierung forderte auf großen Schautafeln die vier Millionen Einwohner auf: "Macht den WJT zu einer ‚bewegenden’ Erfahrung ... und lasst eure Autos zuhause." Viele Beschäftigte entschieden sich für die sicherere Option eines Urlaubs, oder sie nahmen einen Krankenschein und blieben der Stadt in dieser Zeit fern.

Am Dienstag brachte die Boulevardzeitung Daily Telegraph eine Kolumne des Premierministers von New South Wales, Morris Iemma, unter der Überschrift: "Wie Gott meine Regierung in NSW inspiriert". Das war weder eine gute Werbung für Gott, noch für die Regierung von NSW.

"Der Papst kommt als Diener und Hirte, der unseren Glauben und unsere Hingabe mit seiner eigenen Weisheit, seiner Liebe und seinem Beispiel stärken will", schrieb Iemma. "Deswegen nennen Katholiken den Papst oft Heiligen Vater - oder in Italien einfach ‚Papa’. Das Wort, das mehr bedeutet, als ‚Daddy’, ist besonders für den demütigen, bescheidenen und humorvollen Benedikt den XVI. passend."

In Wirklichkeit steht der "demütige" Benedikt traditionell auf dem extrem rechten Flügel der katholischen Kirche. Als Vorsitzender der Glaubenskongregation - der modernen Version der Inquisition - setzte er zahlreiche reaktionäre Positionen durch, die selbst unter Katholiken sehr umstritten sind. Er setzte päpstliche Dekrete in Kraft, die Verhütung, Abtreibung und gleichgeschlechtliche Partnerschaften angriffen, Stammzellenforschung verurteilten und den Zölibat für katholische Priester bekräftigten.

Die staatliche Unterstützung für den WJT und der offizielle Kniefall vor dem Papst sind Zeuge für einen ernst zu nehmenden Niedergang demokratischer Ansichten in herrschenden Kreisen. Wie schon die Ereignisse bei dem kürzlichen APEC Gipfel führender Politiker aus aller Welt, weist auch dieses Ereignis auf eine immer größere Kluft zwischen dem politischen Establishment und dem Denken der breiten Bevölkerung hin.

Siehe auch:
Katholische Kirche schürt Opposition gegen spanische Regierung
(8. Juni 2005)
Die politische Laufbahn von Papst Benedikt XVI: Theokratie und gesellschaftlicher Rückschritt
(26. April 2005)
Papst Benedikt XVI. - ein konservativer Dogmatiker
(21. April 2005)
Papstvisite in USA: Medien Weißes Haus und Kongress begrüßen Sprecher des religiösen Obskurantismus
(29. April 2008)