Steigende Inflation und Arbeitslosigkeit treiben chilenische Arbeiter in Schulden und Armut

Von Roger Silva
17. Juli 2008

Chile wird von einigen Ökonomen als das am meisten "globalisierte" Land in Südamerika charakterisiert. Die Konservativeren unter ihnen präsentieren das Land als Modell, nach dem sich andere auf dem Kontinent richten sollten. Sie verweisen auf die angebliche Stabilität und Sicherheit des Landes sowie das wirtschaftliche Wachstum Chiles in den letzten Jahren.

Doch hinter dieser beschönigenden Darstellung liegen große unlösbare Widersprüche, die sich zunehmend in den Vordergrund drängen und dabei eine Wirklichkeit enthüllen, die sich deutlich von dem Bild unterscheidet, das die Wirtschaftstheoretiker der Bourgeoisie zeichnen.

In den letzten Monaten war Chile Schauplatz von gewalttätigen Zusammenstößen von Studenten und Lehrern mit den staatlichen Sicherheitskräften. Grund war eine Schulreform, die im Wesentlichen die reaktionäre Politik des Pinochet Regimes fortführt. Zusätzlich gab es anhaltende Streiks von den Kupferminen bis zum Gesundheitsdienst.

Kürzlich veröffentlichte Daten und Erhebungen zeigen deutlich, dass die chilenische Wirtschaft nicht so stabil und gegen Krisen gefeit ist, wie von den Ökonomen behauptet - am wenigsten für die Arbeiter, die von der hohen Inflation, Gehaltskürzungen und wachsender Arbeitslosigkeit schwer gebeutelt sind.

Steigende Inflation

Die letzten Berichte über die Inflation in Chile zeigen den größten Preisanstieg der letzten Jahre. Dem Nationalen Institut für Statistik (INE) zufolge verzeichnete der Konsumenten-Preis-Index im Juni einen Anstieg von 1,5 Prozent, bei einem Gesamtanstieg von 4,3 Prozent in den ersten sechs Monaten des Jahres. Dies ist der größte Anstieg für den Monat Juni seit 1991, als ein Anstieg von 1,8 Prozent verzeichnet wurde. Der Anstieg in den letzten 12 Monaten erreichte 9,5 Prozent, der größte Anstieg in einem Zeitraum von 12 Monaten der seit dem Juni 1994 aufgezeichnet wurde, als er 14,4 Prozent erreichte.

Es gab letzten Monat Preisanstiege in sieben der acht beobachteten Wirtschaftszweige. Die Zahlen umfassen: Verkehr mit 3,6 Prozent; Nahrungsmittel mit 2,3 Prozent; Wohnen mit 1,4 Prozent; Haushaltsprodukte mit 0,3 Prozent; Kleidung mit 0,1 Prozent und für Ausbildung und Erholung 0,1 Prozent. Einzig die Krankenversicherungsbeiträge verzeichneten einen Nachlass von einem Prozent.

Der Verkehr war die Sparte mit dem höchsten Anstieg, was in der Hauptsache den steigenden Ölpreisen geschuldet ist, die in den letzten Monaten auf 140 US-$ pro Barrel gestiegen sind. Damit stiegen die Treibstoffpreise um 8,4 Prozent, was zusammengenommen einen Anstieg von 12,1 Prozent in den letzten zwölf Monaten ausmacht. Der hohe Preis leitet sich direkt von den steigenden Ölpreisen auf den internationalen Märkten ab. Der Preis für Treibstoff wird von Chiles staatlicher Raffinerie ENAP festgelegt und wird auf der Basis des Ölpreises auf dem nordamerikanischen Markt kalkuliert.

Bei Nahrungsmitteln gab es im Juni einen Anstieg von 2,4 Prozent. Speziell für Obst und Gemüse stiegen die Preise stark (4,8 Prozent), Milch und Eier (2,6 Prozent), Speiseöl, Butter und Fette (2,2 Prozent) sowie Cerealien (1,4 Prozent). In zwölf Monaten verzeichneten die Nahrungsmittelpreise einen Anstieg von 19,5 Prozent. Der Anstieg der Nahrungsmittelpreise - einer weltweiten Erscheinung, die sehr viele Arbeiter in Chile und Lateinamerika betrifft - bedeutet real, dass die Arbeiter immer weniger und weniger essen. Mit jedem Tag steigen die Preise für Nahrungsmittel während die Kaufkraft des Geldes verfällt. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist weniger Essen und mehr Hunger.

Felipe Silva, ein Forscher der LyD (Livertad y Desarrollo), einer Denkfabrik die sich für die freie Marktwirtschaft einsetzt, erklärt, dass der momentane Zustand der Inflation in Chile nicht ermutigend ist. "Die hohe Inflation ist schädlich, da sie Störungen in der Wirtschaft verursacht, vor allem bei den ärmsten Menschen, denn sie sind diejenigen die am wenigsten in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt sicherzustellen".

Silva fügte hinzu, dass äußere Faktoren, wie die hohen Ölpreise und die steigenden Kosten für Energie ebenfalls zu einem komplexen Bild der Wirtschaft beitragen. "Die Folge ist viel Druck von innen und außen auf die Preise, der zu einem erneuten Anstieg der Inflationsrate führen muss", so Silva. Der Forscher hob hervor, dass die Kosten für "Treibstoff und den öffentlichen Verkehr weiter steigen werden." Mit anderen Worten, die Inflation hat sich festgesetzt.

Als unmittelbare Auswirkung der Inflation sinken die Realeinkommen der Arbeiter und steigt ihre Verschuldung. Ein kürzlich von der LyD veröffentlichter Bericht zeigt, dass 54 Prozent der Chilenen sich verschuldet haben, um ihre Familien versorgen zu können. Im Vergleich zu dem letzten Bericht dieser Art aus dem Jahre 2007, stieg der Anteil derjenigen mit Schulden um 8 Prozent. Diese Zahlen gehen konform mit Informationen, die letztens von der chilenischen Zentralbank publik gemacht wurden, und eine hohe Verschuldung bei Arbeitern belegen. 61 Prozent sind einen kommerziellen Schuldnervertrag eingegangen.

Einer Studie der Professoren Sergio Becarra von der Ingenieurschule der Universität Bernardo O´Higgins in Santiago und Álvaro Undurraga zufolge, sind 70 Prozent der Arbeiter in der Hauptstadt Santiago mit ihren Löhnen unzufrieden.

"Chilenen denken, dass ihre Gehälter niedrig sind, während die Lebenshaltungskosten steigen", so Professor Becerra. Die Erhebung zeigt, dass wegen der hohen Inflation und der gefallenen Kaufkraft 54 Prozent der Arbeiter sich wünschen, den Beruf zu wechseln, da sie mit ihrem gegenwärtigen Verdienst unzufrieden sind, der durch die täglichen Preisanstiege aufgefressen wird.

Steigende Arbeitslosigkeit

Nicht nur das Gespenst der Inflation verfolgt die chilenischen Arbeiter, sondern auch das andere unausbleibliche Produkt des Kapitalismus, die Arbeitslosigkeit. Eine kürzlich erfolgte Studie des LyD zeigt, dass die Arbeitslosigkeit in Chile im Mai auf 8,9 Prozent gestiegen ist. Das Nationale Institut für Statistik hat bereits einen Bericht veröffentlicht, dass die Arbeitslosigkeit im letzten Quartal acht Prozent erreicht hat. Nach den offiziellen Zahlen, der chilenischen Regierung liegt die Arbeitslosigkeit nur bei 7,6 Prozent.

Nach den Angaben des LyD liegt die Arbeitslosigkeit 1,3 Prozent höher, und nach den Angaben des INE um 0,4 Prozent höher, als nach den Zahlen der Regierung. Die Differenz zeigt das Bemühen der Regierung, mit Zahlen zu jonglieren, um das Ausmaß der Krise zu verschleiern, in der sich die chilenische Arbeiterklasse befindet.

Darüber hinaus muss hervorgehoben werden, dass unter denjenigen, die Arbeit haben, 30 Prozent sagen, dass sie Angst haben ihre Arbeit zu verlieren und im Heer der Arbeitslosen zu versinken. 65 Prozent der vom LyD befragten sagen, dass die Regierung von Präsidentin Michelle Bachelet (Sozialistische Partei) nicht genug getan hat, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.

Chiles Zentralbank berichtete am Montag, dass die Wirtschaft des Landes im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat um 2,1 Prozent wuchs, nach 4,8 Prozent im April. Eine Erhebung der Nachrichtenagentur Bloomberg ergab, dass das Wachstum im ersten Quartal auf 2,4 Prozent gefallen ist, verglichen mit 6,5 Prozent im selben Zeitraum des letzten Jahres.

Ökonomen schreiben einen großen Teil des Rückgangs der Verringerung der Industrieproduktion aufgrund einer Serie von Streiks in den Kupferminen, dem Transportgewerbe und anderen Industrien zu, mit denen sich die Arbeiter gegen die hohen Lebenshaltungskosten und die Gefahr der Verarmung zur Wehr setzten.

Siehe auch:
Politische Lehren aus dem Putsch in Chile 1973
(13. Dezember 2006)
Michelle Bachelet gewinnt die Präsidentschaftswahl: Sozialistisch-Christdemokratische Koalition bleibt in Chile an der Macht
(18. Januar 2006)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen