US-Militär versucht Kämpfe mit der Mahdi-Armee wieder anzufachen

Von James Cogan
5. Juni 2008

Der schiitische Geistliche Moktada al-Sadr hat seinen Milizen, der Mahdi-Armee, angeordnet, den US-Besatzern keinen Widerstand mehr zu leisten. Das wird vom amerikanischen Militär und der irakischen Regierung jetzt ausgenutzt, um Sadrs Anhänger in den Arbeitervierteln von Bagdad und anderen großen Städten zu unterdrücken.

Mehr als sechs Wochen lang haben Kämpfer der Mahdi-Armee den Haupt-US-Stützpunkt in Bagdad mit Raketen beschossen und US-Einheiten attackiert, die eine Betonmauer rund um den südöstlichen Teil von Sadr City hochzogen. In diesem Arbeiterviertel im Osten Bagdads, in dem mehr als zwei Millionen Menschen leben, haben die Sadristen die größte Unterstützung. Am 10. Mai hatte Sadr einen Waffenstillstand erklärt und zugestimmt, dass Regierungstruppen in die Zone einmarschieren. Über 1.000 Milizsoldaten und Zivilisten waren vom US-Militär während der Kämpfe getötet worden.

Der irakische Premierminister Nouri-al-Maliki hat am 20. Mai 10.000 irakische Soldaten nach Sadr City geschickt. Sie wurden von US-Kampfhubschraubern und anderen Luftkräften unterstützt. Die Mahdi-Armee löste sich in der Zivilbevölkerung auf und leistete keine Gegenwehr, als die Regierungstruppen Minen-Fallen entschärften, Straßensperren und Barrikaden errichteten und strategisch wichtige Gebäude wie Krankenhäuser und Telekommunikations-Zentren besetzten. Eine amerikanische Infanteriebrigade und ein gepanzertes Regiment halten noch den abgetrennten südöstlichen Sektor besetzt.

Seit Freitag versuchen die Besatzer aus ihrer gestärkten Position in Sadr City, eine Konfrontation mit den Sadr-Milizen zu provozieren.

Regierungssoldaten stürmten die Büros der Sadristen im südwestlichen Bagdader Vorort Amil, als sich in der nahe gelegenen Moschee Hunderte von Menschen zum Abendgebet versammelten. Mehr als 500 Menschen wurden verhört und mehr als 120 in Handschellen und mit verbundenen Augen abgeführt. 40 Männer wurden in US-Militärfahrzeugen weggebracht. Eine Versammlung von Sadr-Anhängern im benachbarten Vorort Bayaa wurde ebenfalls aufgelöst. Dabei sollen mindestens 25 Männer festgenommen worden sein.

Nach Angaben von Zeugen waren auch Kinder unter den Inhaftierten. Ein Einwohner von Amil berichtete der Presseagentur AFP: "Meine drei Brüder, einer von ihnen ist erst zwölf Jahre alt, sind aufgegriffen worden, außerdem noch mein Cousin."

In Basra feuerten Regierungstruppen in eine Menschenmenge, die nach dem Abendgebet zusammengekommen war, um Rednern der Sadr-Bewegung zuzuhören. Dabei sollen eine Person getötet und drei weitere verwundet worden sein. Ein Parlamentsmitglied der Sadristen, Aqueel Abdul Hussein, sagte auf einer Pressekonferenz, dass ihre Anhänger auch daran gehindert worden seien, sich zu ihrer normalen Freitags-Kundgebung in Nasarija zu versammeln.

Hussein beschuldigte die US-Besatzer und die Regierung Maliki, "die Opposition grausamer liquidieren zu wollen als das ehemalige Regime" - ein Hinweis auf Saddam Hussein. Er betonte, dass die Führung der Sadr-Bewegung deren Anhänger weiterhin anhalten werde, den Waffenstillstand zu beachten, obwohl sie angegriffen würden.

Die Sadristen sind Bestandteil der schiitischen Führungselite. Sie genießen aufgrund ihrer Hilfsleistungen für die Armen und ihrer Opposition gegen die US-Besatzer beträchtliche Unterstützung. Sadr arrangiert sich jedoch zunehmend mit der Besatzung, um sich in dem von den USA errichteten Marionettenstaat einen Platz zu sichern. Der jüngste Befehl an seine Anhänger, den Widerstand einzustellen, war teilweise eine Reaktion auf den Versuch, die Sadristen an der Aufstellung von Kandidaten für die Provinzwahlen zu hindern, die im Oktober stattfinden sollen.

Trotz Sadres Entgegenkommen hat das US-Militär nie seine Absicht aufgegeben, die Basis der Sadristen zu zerschlagen. Für die Besatzungsmacht ist eine politische Bewegung, die den Abzug der Amerikaner verlangt, den Verkauf von irakischen Energiequellen ablehnt und Zehntausende von bewaffneten Männern organisieren kann, nicht tolerierbar. Außerdem ist Washington besorgt, dass ein Angriff auf den Iran einen Aufstand der Sadristen im Irak provozieren könnte. Die Mahdi-Armee hat früher behauptet, sie könne 60.000 Kämpfer mobilisieren, inzwischen wurden aber Tausende in einseitigen Gefechten mit US-Soldaten getötet oder verwundet.

Seit letztem August nutzen das US-Militär und die in der Regierung dominierenden US-freundlichen Schiiten-Parteien Sadrs Waffenstillstand, um systematisch gegen die Mahdi-Armee vorzugehen. In Städten wie Nadschaf, Kerbela, Kut, Diwanija, Hilla, Basra und Bagdad gab es zahlreiche Tötungen und Festnahmen von angeblich "gesetzlosen" Milizionären, die beschuldigt wurden, Sadres Anweisungen nicht zu befolgen.

Ein führender Sadrist, Sheik Salman al-Fraiji, warf Armeeeinheiten in Bagdad vor, die Säuberung auch auf Sadr City ausdehnen zu wollen. Er sagte der New York Times: "Wir glauben, dass es dort viele Offiziere, Befehlshaber und Soldaten gibt, die nicht ihren offiziellen Führern gehorchen. Sie folgen politischen Parteien, die sie anhalten, Sadr-Anhänger zu inhaftieren."

Fraiji meint offenbar die Anhänger des Islamic Supreme Council (ISCI) innerhalb der irakischen Armee. Der ISCI ist das Sprachrohr des schiitischen geistlichen Establishments in Nadschaf, das mit Hilfe der US-Besatzung zu Macht und Wohlstand gelangt ist, was unter dem sunnitisch geprägten Baathisten-Regime nicht möglich gewesen wäre. Der ISCI ist die größte Partei in der Regierung Maliki und stellt gegenwärtig auch die meisten Provinzregierungen in den mehrheitlich schiitischen Provinzen im Süden des Iraks.

Die Kampagne gegen die Mahdi-Armee im Süden ist benutzt worden, um die Kontrolle des ISCI zu stärken und die Sadristen sowie andere Konkurrenten bei der Vorbereitung auf die kommenden Wahlen in den Provinzen zu schwächen. Die Stimmabgabe in schiitischen Regionen wird in einem Klima der Angst stattfinden, und die verängstigten Menschen werden gedrängt, die vom ISCI aufgestellten Kandidaten zu wählen.

Die Regierung Maliki hat letzte Woche vier führende Mitglieder der von den Sadristen abgespaltenen Fadhila-Partei aus ihren Managerpositionen in der Ölindustrie entlassen. Fadhila hat gegenwärtig das Gouverneursamt in der Provinz Basra inne. Der politische Analyst Ahmed al-Sharif sagte dem irakischen Sender "Stimme des Iraks", seit dem Ende der Militäroffensive in Basra im März habe es "zunehmende Bestrebungen" gegeben, "politische Strömungen der Sadristen und Parteien wie Fadhila zu isolieren."

Sadrs Zustimmung, die Regierungstruppen nach Sadr City hineinzulassen, war seinen Anhängern als politischer Sieg präsentiert worden, der es der Organisation ermögliche, ihre Legitimität zu bewahren und die Mahdi-Armee weitgehend intakt zu halten. In Wirklichkeit ermöglicht sie es den USA und dem irakischen Militär, die Mahdi-Armee zu schwächen und ihre wichtigste Hochburg zu kontrollieren.

Irakische Offiziere erwarten nicht, dass der Waffenstillstand lange hält, nachdem sie begonnen haben, Razzien und Inhaftierungen durchzuführen. Hauptmann Abdul al Wahab, ein Befehlshaber der Bodentruppe, berichtete einem Korrespondent der Los Angeles Times : "Diese Vereinbarung ist zeitlich begrenzt, der größte Teil der Mahdi-Armee fühlt sich nicht glücklich damit. Sie brauchen das Chaos, um den Leuten Geld wegnehmen zu können. Der einzige Weg, dies zu bereinigen, ist durch Macht und Gewalt."

Amerikanische Truppen sind ebenfalls unmissverständlich gewarnt worden, dass die Kämpfe bald wieder ausbrechen werden. Die Soldatenzeitung Stars and Stripes interviewte am Wochenende Soldaten in den Außenbezirken von Sadr City. Alden Rodriquez sagte: "Ich wäre nicht überrascht, wenn es nur eine kurze Pause ist". Ein anderer Soldat, Christian Teuta, erklärte: "Diese Menschen [die Mahdi-Armee]werden sich nicht ändern". Private Jeff Pisonero sagte: "Die Milizkämpfer sind jetzt am Aufrüsten, ich glaube nicht, dass es ruhig bleiben wird." Diese Ansicht, so ein Kommentar der Militärzeitung, sei in der Truppe "weit verbreitet".

Die Vorbereitungen auf eine Konfrontation sind eine Warnung, dass die Arbeiterklasse und die Armen von Sadr City bald noch mehr Gewalt und Unterdrückung zu erwarten haben.

Siehe auch:
Nahost-Regimes stellen sich hinter militärische Unterdrückung in Basra und Bagdad
(26. April 2008)
Zusammenstöße und Spannungen im Südirak
(27. März 2008)