Wieder Naturkatastrophe in Asien: Zyklon tötet Zehntausende in Burma

Von K. Ratnayake
9. Mai 2008

Erneut hat eine gewaltige Naturkatastrophe ein verarmtes asiatisches Land heimgesucht. Der tropische Zyklon Nargis, der die Westküste Burmas am Samstag verwüstet hat, hat Zehntausende Tote und Vermisste und Hunderttausende Obdachlose gefordert. Eine Flutwelle von bis zu vier Metern Höhe und Windgeschwindigkeiten von 190 Stundenkilometern rissen Wohnhäuser und andere Gebäude mit sich, zerstörten Verkehrsverbindungen und die Kommunikation und ließen Millionen ohne sauberes Trinkwasser, Nahrung, Unterkunft und Arzneimittel zurück.

Die offiziellen Opferzahlen steigen schnell, und am Dienstagabend waren es schon 22.000 Tote. Weitere 41.000 Menschen werden offiziell vermisst. Das volle Ausmaß der Katastrophe wird sich erst erweisen, wenn Rettungsteams und Hilfsorganisationen in die verwüsteten Gebiete vordringen. Die burmesische Militärjunta hat eine strikte Nachrichtenkontrolle verfügt und erlaubt internationalen Hilfsorganisationen die Einreise nur zögernd.

Die größten Zerstörungen gab es in dem tief liegenden Irrawaddy-Delta, wo etwa sechs Millionen Menschen leben. Auch die ehemalige Hauptstadt Rangun mit einer Bevölkerung von 6,5 Millionen Menschen ist schwer getroffen. Satellitenbilder zeigen, dass die Sturmschäden sich über ein Gebiet von 30.000 Quadratkilometern entlang dem Andamanischen Meer und dem Golf von Martaban erstrecken. Dieses Gebiet macht nur fünf Prozent der Landfläche Burmas aus, beheimatet aber fast ein Viertel seiner 57 Millionen Einwohner.

Das Delta wird kreuz und quer von Wasserläufen und Kanälen durchzogen, was den Verkehr und die Kommunikation sehr erschwert. Viele Gebiete sind nur per Boot oder Helikopter zu erreichen. Am schlimmsten sind die Armen betroffen, deren wenig stabile, strohgedeckte Bambushäuser sofort weggeschwemmt wurden.

Burmesischen Sprechern zufolge starben allein in der Stadt Bogalay 10.000 Menschen. Die Küstenstädte Haing Gyi Island, Pathein, Myaungmya, Laputta, Mawlamyinegyun, Kyaiklat und Phyarpon wurden ebenfalls schwer verwüstet. Die Regierung hat in den fünf vom Zyklon betroffenen Provinzen den Notstand ausgerufen.

Das Team von World Vision, der ersten Hilfsorganisation, die in das Land einflog, berichtete Agence France Press von "schrecklichen Szenen unten auf der Erde". Kyi Minn von World Vision sagte: "Vom Hubschrauber aus sahen sie die Leichen, das war sehr erschütternd.... Die Folgen der Katastrophe könnten sich als schlimmer als beim Tsunami [vom Dezember 2004] erweisen, weil die fehlenden Mittel und Transportprobleme die Lage verschlimmern."

Der Sprecher der UN für humanitäre Hilfe, Paul Risely, sagte den Medien: "Wir befürchten, dass die Hilfe einen großen Teil der ländlichen Bevölkerung gar nicht erreicht. In einigen Dörfern sind 90 Prozent der Häuser zerstört oder beschädigt... Das größte Problem ist, die abgelegenen Gebiete zu erreichen. Das wird ein großes logistisches Problem sein... Wir befürchten den Ausbruch von Seuchen infolge verschmutzten Wassers. Daher ist von entscheidender Bedeutung, für sauberes Trinkwasser zu sorgen. Danach, in den nächsten Tagen, müssen Moskitonetze, Kochausrüstung und Kleidung folgen. Nahrungsmittel sind nicht einmal das Dringendste, dafür aber Wasser und Unterkunft." Bis zu einer Million Menschen sind möglicherweise obdachlos.

Associated Press berichtete über chaotische Szenen in Rangun. "Es bildeten sich Schlangen, um Kerzen zu kaufen, deren Preis sich seit der Katastrophe verdoppelt hat. Die meisten Wohnungen sind ohne Wasser. Die Bewohner sind gezwungen, für Trinkwasser Schlange zu stehen, und müssen sich in den Seen der Stadt waschen. Die meisten Festnetztelefonanschlüsse schienen am Montagabend wieder zu funktionieren, aber die Mobilfunknetze und das Internet funktionierten nicht."

Der Preis für Lebensmittel und Baumaterialien soll in Rangun in die Höhe schießen. Der Strom war in einer Hälfte der Stadt noch abgeschaltet. Vor den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen. Gestern Abend teilte das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen mit, dass es mit der Verteilung von Hilfsgütern an die Opfer der Katastrophe in der Hauptstadt und ihrer Umgebung begonnen habe. Die meisten Küstenregionen waren aber wegen der Überflutungen und Straßenschäden noch außer Reichweite.

Kampagne gegen die Junta

Die Bush-Regierung hat die Katastrophe sofort benutzt, um die burmesische Junta zu beschuldigen, sie würde "nicht für ihre Bevölkerung sorgen". Die internationalen Medien haben sich dieser Kampagne angeschlossen und kritisieren die Militärmachthaber, weil sie nicht rechtzeitig eine Warnung herausgegeben und keine Vorbereitungen getroffen haben. Außerdem würden ihre Rettungsmaßnahmen chaotisch laufen und seien sowieso viel zu gering, und Hilfsorganisationen würden viel zu langsam ins Land gelassen. Verschiedene Kommentatoren spekulierten darüber, ob der Volkszorn sich Bahn brechen und die Junta hinwegfegen werde. Ihr erstes Interesse gilt nicht dem Schicksal der burmesischen Bevölkerung, sondern den diversen politischen Zielen der Großmächte.

Es steht außer Zweifel, dass das burmesische Militärregime, das das Land seit Jahrzehnten mit eiserner Faust regiert, einen Großteil der Verantwortung für das Ausmaß der Katastrophe trägt. Sein oberstes Interesse besteht in der Verteidigung seiner privilegierten Position auf Kosten der Bevölkerungsmehrheit, die in tiefer Armut lebt. Das Pro-Kopf-Einkommen des Landes beträgt nur 250 US-Dollar pro Jahr, die Lebenserwartung liegt bei 61 Jahren, 32 Prozent der Kinder sind nicht ausreichend ernährt und die Säuglingssterblichkeit liegt bei 75 pro Tausend.

Das meteorologische Amt Indiens informierte die burmesischen Behörden 48 Stunden, bevor der Zyklon auf Land traf, über seine Heftigkeit und seinen voraussichtlichen Kurs. Das burmesische Staatsfernsehen gab eine Erklärung heraus, in der es behauptete, rechtzeitig entsprechende Wetterberichte über Fernsehen und Radio verbreitet zu haben. Vermutlich, so hieß es, hätten die Warnungen jedoch viele Opfer nicht erreicht, weil sie kein Fernsehen hätten und der Strom oft ausfiele. Der BBC zufolge erklärte die UN-Katastrophenhilfe, das Ausmaß der Zerstörungen deute darauf hin, dass es kein ordentliches Frühwarnsystem gebe.

Journalisten in Burma berichten über zögerliche Hilfsaktionen der Armee und über verärgerte Reaktionen von Einwohnern, die daran erinnern, dass das Militär im vergangenen September bei Unterdrückungsmaßnahmen gegen regierungsfeindliche Proteste ungleich schneller und effizienter gehandelt hat. Das Regime steht auch in der Kritik, weil es an dem Referendum am kommenden Samstag über eine neue Verfassung festhält. Das Referendum ist ein durchsichtiger Versuch, dem Regime eine demokratische Fassade zu verschaffen.

Der Besitzer eines Lebensmittelladens in Rangun sagte zu Associated Press: "Die Regierung hat die Menschen im Dunkeln gelassen. Sie hätte uns über die Heftigkeit des heraufziehenden Zyklons informieren können, so dass wir uns besser hätten vorbereiten können." Ein pensionierter Staatsangestellter rief aus: "Wo sind die Soldaten und die Polizei? Als es vergangenes Jahr Proteste auf den Straßen gab, da waren sie sehr schnell und aggressiv."

Die Tatsache, dass die Junta begonnen hat, internationale Hilfe zu akzeptieren, ist ein Zeichen ihrer Nervosität und ihrer Furcht vor der Reaktion der Öffentlichkeit. Außenminister Generalmajor Nyan Win sagte am Montag zu ausländischen Diplomaten: "Wir begrüßen die Hilfe. Unser Volk steckt in Schwierigkeiten." Innenminister Generalmajor Maun Maung Swe hat um dringend benötigte Materialien für das Abdecken von Dächern, Medizin, Wasserreinigungschemikalien und Moskitonetze gebeten. Gleichzeitig schränkt das Militär die Bewegungsfreiheit ausländischer Hilfskräfte weiter ein und weist Hilfe zurück, besonders wenn sie aus den USA kommt und an politische Bedingungen geknüpft ist.

Allerdings trieft die Kritik an der burmesischen Junta oft vor Heuchelei und Zynismus. Die Kritik der Bush-Regierung an dem Regime ist von den strategischen Interessen der USA bestimmt. Sie geht davon aus, den chinesischen Einfluss im Land zurückzudrängen und eine Regierung unter Führung von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi zu installieren, die Washington gegenüber positiver eingestellt ist. Die Krokodilstränen für das burmesische Volk stehen in scharfem Kontrast zu der Gleichgültigkeit des Weißen Hauses gegenüber den Opfern von Hurrikan Katrina.

Die Vergleiche der Medien mit dem vernichtenden Tsunami von 2004, der in zwölf Ländern, darunter Sri Lanka, Indien und Thailand, mindestens 220.000 Menschenleben kostete, sind einseitig und politisch motiviert. Eine kollektive Amnesie scheint die Berichterstattung zu durchziehen: Niemand will sich daran erinnern, wie Bush und andere politische Führer die Tragödie tagelang ignorierten, auch nicht an die armseligen Summen, die als Hilfe angeboten wurden. Auch weist niemand darauf hin, dass viele damalige Opfer bis auf den heutigen Tag in Armut und Elend leben.

Ein Artikel der BBC vom vergangenen Dezember zum dritten Jahrestag der Katastrophe wies darauf hin, dass auf der indischen Inselgruppe der Andamanen und Nicobaren noch immer zehntausend Menschen obdachlos sind und von knappen monatlichen Rationen überleben müssen. In Sri Lanka befinden sich immer noch Tausende in einer ähnlichen Situation in Flüchtlingslagern. In der indonesischen Provinz Aceh sind 20.000 Häuser aus dem Wiederaufbauprogramm noch immer nicht fertig gestellt. Selbst wo die Menschen schon in neuen Unterkünften leben, sind viele ohne Broterwerb, und es fehlen grundlegende Dienstleistungen. Mehr als drei Jahre danach ist das versprochene Tsunami-Warnsystem für den Indischen Ozean noch immer nicht getestet und einsatzfähig.

Mehrere Kommentatoren haben die burmesische Junta gescholten, weil sie den internationalen Hilfsorganisationen Beschränkungen auferlegt, und stellen die Reaktion der indonesischen Regierung von 2004 als beispielhaft hin. Auch hier ignorieren die Kommentatoren praktischerweise die Tatsache, dass Jakarta damals ebenso zögerlich Hilfskräfte und ausländisches Militär nach Aceh hineinließ, wo die Armee einen brutalen Unterdrückungskrieg gegen eine separatistische Guerilla führte. Das indonesische Militär zeigte am Schicksal der Tsunami-Opfer durchaus keine Anteilnahme, sondern nutzte die Situation für offensive Operationen.

Es steht außer Zweifel, dass das burmesische Regime den Opfern des Zyklons mit gefühlloser Gleichgültigkeit gegenübersteht, nicht anders als die Regierungen Sri Lankas, Indonesiens und Indiens im Dezember 2004. Das trifft aber doppelt auf die USA und andere Großmächte zu, die bei allen humanitären Bekundungen nur im Verhältnis zu ihrem Sozialprodukt geringfügige Summen als Hilfe zur Verfügung stellen und Naturkatastrophen in Asien und anderen armen Weltregionen schamlos für ihre eigenen politischen Zwecke ausnutzen. Man muss nur darauf hinweisen, dass die USA bisher gerade einmal drei Millionen Dollar und die EU drei Millionen Euro bereitgestellt haben.

Das Ziel solcher Hilfsaktionen, die mit großem Tamtam durchgeführt werden, besteht nicht darin, das Leiden der Armen zu beenden, sondern sie in die verzweifelte Situation zurückzustoßen, in der sie vor der Katastrophe lebten.

Siehe auch:
Powell erklärt Tsunami-Hilfe zum Bestandteil vom globalen Krieg gegen den Terror
(7. Januar 2005)
Die gesellschaftlichen Wurzeln der Tsunami-Katastrophe
( 26. Januar 2005)