Der historische Niedergang der Vereinigten Staaten und der Ausbruch von Militarismus

Teil 3

Von Nick Beams
28. Februar 2007

Dies ist der dritte und letzte Teil eines Berichts, den Nick Beams auf einer Mitgliederversammlung der SEP vom 25. Januar bis 27. Januar gehalten hat. Beams ist Nationaler Sekretär der Socialist Equality Party (Australien) und Mitglied der Internationalen Redaktion der World Socialist Web Site.

Die World Socialist Web Site hat oft darauf hingewiesen, dass die Bush-Regierung des gleichen Verbrechens schuldig ist, dessen man die Nazi-Führer in Nürnberg angeklagt hat. Aus diesem hätten sich, so die Anklagevertreter, alle anderen Verbrechen ergeben: das Verbrechen einen Aggressionskrieg geführt zu haben. Ich möchte keinen oberflächlichen Vergleich zwischen der Lage in den Vereinigten Staaten und Nazi-Deutschland ziehen. Aber wir können das genauer beurteilen, wenn wir uns auf die zugrunde liegenden Prozesse konzentrieren.

Zuerst einmal ist wichtig, dass das Hitler-Regime nicht in erster Linie wegen der Anstrengungen des Möchte-Gern-Diktators oder seiner Anhänger an die Macht kam. Hitler verfügte zwar durchaus über eine Massenbewegung, aber er war nie in der Lage die Mehrheit der Wähler zu gewinnen, nicht einmal unter den günstigsten Bedingungen bei den Wahlen im März 1933. Hitler hat die Macht nicht erobert. Er wurde vielmehr von den herrschenden Klassen Deutschlands in das Amt des Reichskanzlers gehievt. Sie erkannten, dass die Nazis ihre einzige Chance waren, das für sie dringend nötige autoritäre Regime an die Macht zu bekommen, das die Arbeiterklasse zu Hause zerschlagen und die Interessen und Bedürfnisse des deutschen Imperialismus international vertreten konnte. Die historischen Widersprüche des deutschen Kapitalismus und seine politische Geschichte bedeuteten, dass die Art von Regime, das die herrschenden Klassen Deutschlands verlangten, nur durchgesetzt werden konnten, wenn man die Nazis an die Macht brachte.

Wenn wir die Triebkräfte der gegenwärtigen Weltkrise verstehen wollen, die von dem Ausbruch des amerikanischen Militarismus beschleunigt wird, dann müssen wir auch ihre historische Entwicklung untersuchen.

Der Aufstieg der Vereinigten Staaten

Der erste Weltkrieg bedeutete das Ende einer langen Periode organischen Wachstums des Kapitalismus. Aber genau dieses Wachstum der kapitalistischen Weltwirtschaft schuf, wie Trotzki erklärte, den unlösbaren Widerspruch zwischen der weltweiten Ausdehnung der Produktivkräfte und der Aufteilung der Welt in miteinander konkurrierende kapitalistische Nationalstaaten und rivalisierende Großmächte.

Der Versuch, diesen Widerspruch auf kapitalistischer Grundlage zu lösen, d. h. durch die Vorherrschaft einer Großmacht oder einer Gruppe von Großmächten, führte unausweichlich zum Krieg. Der erste Weltkrieg wurde hauptsächlich in Europa ausgekämpft, aber die Mittel dafür wurden in aller Welt aufgebracht. Er wurde erst nach vier Jahren Barbarei durch das Eingreifen einer neuen Weltmacht, der Vereinigten Staaten von Amerika, beendet.

Der Ausbruch des Kriegs beschleunigte ökonomische Prozesse ganz enorm, die sich im Verlauf der vorangegangenen Periode schon entwickelt hatten. Als er 1914 ausbrach, waren die Vereinigten Staaten noch eine Schuldnernation. 1918 waren sie die bestimmende Finanzmacht der Welt. Das bedeutete eine wesentliche Veränderung in der politischen Weltlage.

Aber es dauerte eine Weile, bis diese Veränderung wirklich verstanden wurde. In seiner Kritik am Programmentwurf der Kommunistischen Internationale, die zu der Zeit schon unter der Kontrolle von Josef Stalin und seinen Anhängern stand, bemerkte Trotzki im Jahre 1928, dass die Vereinigten Staaten im ersten Entwurf des Dokuments nicht einmal erwähnt wurden. Der überarbeitete Entwurf war nicht viel besser. Er anerkannte zwar die entscheidende Rolle der USA, untersuchte aber nicht die Bedeutung ihres Aufstiegs für die Entwicklung des Programms und der Perspektiven.

Wie Trotzki erklärte, gab der Entwurf keinerlei Einschätzung der Tatsache, dass die relative "Stabilisierung" und Normalisierung der Lage in Europa nach 1923 und die Niederlage der deutschen Revolution nur Dank amerikanischer Intervention möglich waren.

"Darüber hinaus", erklärte er, "wurde nicht gezeigt, dass die unausweichlich fortschreitende amerikanische Expansion, das Schrumpfen der Märkte des europäischen Kapitals - auch in Europa selbst - die größten militärischen, wirtschaftlichen und revolutionären Erschütterungen mit sich bringt, neben denen alles bisherige verblassen wird." (Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, S.27, AP-Verlag)

Im gleichen Jahr untersuchte auch der Führer einer damals noch recht kleinen extrem rechten Partei die Bedeutung des Aufstiegs der Vereinigten Staaten. In seinem unveröffentlichten, in jenem Jahr diktierten Zweiten Buch stellte Hitler die USA ins Zentrum seiner Weltanschauung. In Mein Kampf hatte er sie noch kaum erwähnt.

Ökonomische Standards behauptete er, würden nicht mehr von Europa gesetzt, sondern von den aktuellen Verhältnissen in Amerika. Der durchschnittliche Europäer nahm zwar die Verhältnisse in Amerika als Maßstab für sein eigenes Leben, erkannte aber nicht, dass der relative Unterschied beträchtlich war. Amerikas riesiger Binnenmarkt ermöglichte ihm zum Beispiel den Einsatz von Produktionsmethoden im Fahrzeugbau, die für Europa völlig undenkbar waren. Was war der Ausweg? Wie konnten die europäischen Nationen verhindern, gegenüber der Amerikanischen Union auf den Status eines Holland oder einer Schweiz herunter gedrückt zu werden?

Das Ziel bürgerlich nationalistischer Politiker, Deutschland in den Grenzen von 1914 wiederherzustellen, war völlig unzureichend, betonte Hitler. Eine solche Politik "würde nur die ökonomische Lage von 1914 wiederherstellen". Das Rezept der bürgerlichen deutschen Politiker - besonders von Außenminister Stresemann -, dass Deutschland versuchen solle, seine Weltposition durch Exporte wieder zu erlangen, sei zum Scheitern verurteilt. "Ganz abgesehen von der Tatsache, dass auch alle anderen europäischen Mächte als Exportnationen um die Weltmärkte konkurrieren, ist die Amerikanische Union jetzt auf vielen Gebieten der schärfste Konkurrent. Die Größe und der Reichtum ihres Binnenmarktes erlaubt ein Produktionsniveau, und dementsprechend Produktionsanlagen, die die Kosten des Produkts so stark senken, dass es trotz der hohen Löhne kaum noch möglich scheint, sie zu unterbieten." (Hitler, Zweites Buch)

Hitler schrieb weiter: "In Zukunft wird nur der Staat Nordamerika die Stirn bieten können, der verstanden hat, wie er durch das Wesen seines inneren Lebens und die Bedeutung seiner Außenpolitik den rassischen Wert seines Volks steigern und sie in die für diesen Zweck am besten geeignete Staatsform bringen kann....Es ist die Aufgabe der nationalsozialistischen Bewegung, das Vaterland für diese Aufgabe zu stärken und darauf vorzubereiten." (Hitler, Zweites Buch)

Eine wirtschaftliche Studie aus jüngerer Zeit über das Dritte Reich formulierte es folgendermaßen: "Die Aggression des Hitler-Regimes kann ... als eine nachvollziehbare Reaktion auf die Spannungen begründet werden, die die ungleiche Entwicklung des globalen Kapitalismus hervorgebracht hat, d. h. Spannungen, die natürlich auch heute noch existieren." (Adam Tooze, The Wages of Destruction, S. xxiv-xxv)

Hitlers Aggressionskriege waren eine Reaktion auf die Lage des deutschen Kapitalismus in der 1930er Jahren.

Auch der Eintritt Amerikas in den zweiten Weltkrieg war eine Reaktion auf die sich verschärfenden Widersprüche des Weltkapitalismus. In seinem brillanten in Foreign Affairs veröffentlichten Artikel "Nationalismus und Wirtschaftsleben" von 1934 erklärte Trotzki, dass die Produktivität der Arbeit letztlich der entscheidende Faktor für den Aufstieg und den Niedergang gesellschaftlicher Formationen ist. Sie habe in der Sphäre der menschlichen Gesellschaft die gleiche Bedeutung wie das Gravitationsgesetz in der Sphäre der Mechanik.

In den Vereinigten Staaten hatte der Kapitalismus ein neues Entwicklungsstadium erreicht, in der das System der Massenproduktion mit Hilfe des Fließbands die Arbeitsproduktivität auf neue Höhen gehoben hatte. Aber die alte Welt lehnte es ab, sich auf den Kopf stellen zu lassen, angesichts der höheren Produktionsformen.

"Jeder verteidigt sich gegen jeden und schützt sich mit Zollschranken und einem Wall aus Bajonetten. Europa kauft keine Waren, zahlt keine Schulden und bewaffnet sich obendrein noch. Mit fünf miserablen Divisionen erobert das hungernde Japan ein ganzes Land [China]. Die fortgeschrittenste Technik der Welt erscheint plötzlich machtlos gegen die Hindernisse, die sich auf eine viel niedrigere Technik stützen. Das Gesetz der Arbeitsproduktivität scheint seine Kraft verloren zu haben. Aber das scheint nur so. Das grundlegende Gesetz der menschlichen Entwicklung muss sich unvermeidlich an abgeleiteten und zweitrangigen Phänomenen rächen. Früher oder später wird der amerikanische Kapitalismus seinen Weg finden, sich über den ganzen Planeten auszubreiten. Mit welchen Methoden? Mit allen Methoden. Ein hoher Produktivitätsgrad ist auch ein Indikator für einen hohen Zerstörungsgrad. Predige ich Krieg? Keineswegs. Ich predige gar nichts. Ich bemühe mich nur, die Weltsituation zu analysieren und Schlussfolgerungen aus den Gesetzen der ökonomischen Mechanik zu ziehen." (Trotzky, Writings 1933-34, S. 161-162)

Trotzkis Analyse wurde 1941 durch den Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg bestätigt. Das Ziel Amerikas war nicht nur, die Vorherrschaft Japans im Fernen Osten zu brechen und eine deutsche Vorherrschaft in Europa zu verhindern, sondern auch, wie Roosevelt bei seinem ersten Treffen mit Churchill klar machte, auch dem britische Empire ein Ende zu bereiten.

Die alten Beschränkungen mussten beseitigt werden, wenn sich höhere Produktionsformen entwickeln sollten. Nach einer Reihe von Krisen wurde nach dem Krieg eine neue ökonomische Ordnung geschaffen, die es den Methoden des amerikanischen Kapitalismus erlaubten, sich einen Weg überall hin in die Welt frei zu machen. Das war der Beginn der längsten ununterbrochenen Wachstumsperiode in der Geschichte des Weltkapitalismus.

Der Niedergang des amerikanischen Kapitalismus

Aber gerade das Wachstum der Weltwirtschaft unterhöhlte die Hegemonie des amerikanischen Kapitalismus, auf dem die Stabilität der globalen kapitalistischen Ordnung beruhte.

Wir können die Wendepunkte des Niedergangs nachverfolgen. 1971 wurde das Währungssystem von Bretton Woods beendet, weil die USA nicht mehr in der Lage waren, die in der Weltwirtschaft zirkulierenden Dollars in Gold einzulösen. Dann kam Ende der 1980er Jahre die Verwandlung der USA von der größten Gläubigernation zur Schuldnernation.

Eine zeitlang wurde der Niedergang der Vereinigten Staaten durch das Triumphgehabe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion überdeckt.

Während andere das Ende der Geschichte verkündeten, betonte das Internationale Komitee der Vierten Internationale, dass das Abtreten der UdSSR keineswegs die Eröffnung neuer Möglichkeiten für die kapitalistische Entwicklung signalisierte, sondern vielmehr, dass der grundlegende Widerspruch zwischen der Weltwirtschaft und dem Nationalstaatensystem auf höherer Ebene wieder auftaucht.

Ungeachtet aller Proklamationen über die Überlegenheit des freien Marktes wurde der relative Niedergang der USA von der Tatsache unterstrichen, dass sie sich zu einer Art Erpressung, vor allem gegenüber Japan, gezwungen sahen, um ihren Golfkrieg von 1990/91 zu finanzieren. Sie schafften es sogar, damit nebenbei einen kleinen Profit zu machen. 1991 bleibt damit das einzige Jahr der vergangenen Epoche, in dem die USA einen Zahlungsbilanzüberschuss erzielen konnten.

Täglich gibt es neue Zeichen für den Niedergang der globalen Position der Vereinigten Staaten. Sehen wir uns zur Veranschaulichung die drei Hauptartikel auf der ersten Seite der Financial Times vom 22. Januar an. Der erste Artikel erklärt, dass China versucht, seine riesigen ausländischen Währungsreserven zu diversifizieren, und dass dies weit reichende Folgen für den US-Dollar haben könnte. Einen großen Teil seiner Währungsreserven im Wert von mehr als einer Billion Dollar hält China in US-Banknoten. Eine solche Verlagerung hätte längerfristige Auswirkungen, weil Chinas Währungsreserven sich in den nächsten vier Jahren, nach dem augenblicklichen Trend zu urteilen, wahrscheinlich verdoppeln werden.

Der zweite Artikel handelt von dem Plan Toyotas, ein besonders billiges Auto zu produzieren, um die amerikanischen "Großen Drei" herauszufordern, die jetzt schon große finanzielle Probleme haben. Toyota wird General Motors in Kürze als weltgrößten Automobilproduzenten ablösen.

Man könnte argumentieren, dass diese Entwicklung keine historische Bedeutung hat, weil die verarbeitende Industrie der USA schon seit einiger Zeit im Niedergang begriffen ist. Finanzdienstleistungen spielen heute eine wichtigere Rolle dabei, die Position des amerikanischen Kapitalismus zu stützen.

Aber dieses Argument erscheint weniger überzeugend im Lichte des dritten wichtigen Artikels auf dieser Seite mit dem Titel "New York als Finanzzentrum bedroht". In diesem Artikel geht es um einen von Bürgermeister Bloomberg in Auftrag gegebenen Bericht, der feststellt, dass New York seine Rolle als führendes Finanzzentrum der Welt verlieren könnte. Dem Report zufolge könnte New York bis zu sieben Prozent seines Marktanteils verlieren. Er weist darauf hin, dass im vergangenen Jahr an der Londoner Börse zum ersten Mal mehr Geld umgesetzt worden ist, als an der New Yorker Börse und dem Nasdaq.

Was sind die Folgen dieses Niedergangs?

In seiner Kritik am Programmentwurf der Komintern wies Trotzki auf die Bedeutung des Aufstiegs des US-Imperialismus hin und erklärte, dass sein Niedergang nicht weniger explosive Folgen haben werde: "Während der Krise", schrieb er, "wird sich die Hegemonie der Vereinigten Staaten noch viel vollständiger, offener, schärfer und rücksichtsloser auswirken, als während der Aufstiegsperiode. Die Vereinigten Staaten werden versuchen, ihre Schwierigkeiten und Krankheiten vorwiegend auf Kosten Europas zu bekämpfen und zu überwinden, ganz gleich, ob in Asien, Kanada, Südamerika, Australien oder Europa selbst, oder ob auf friedlichem oder kriegerischem Weg." (Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, S. 29, AP-Verlag)

Die historische Krise des US-Imperialismus markiert eine neue Periode wirtschaftlicher, politischer und militärischer Konflikte um die Aufteilung und Neuaufteilung der Welt. Und das bedeutet, dass gewaltige politische Kämpfe aufbrechen werden. Die ersten Anzeichen davon konnten wir schon erkennen.

Wenn wir das zwanzigste Jahrhundert als Ganzes betrachten, dann könnte man mit einigem Recht argumentieren, dass das größte objektive Hindernis für die sozialistische Revolution die Stärke der Vereinigten Staaten von Amerika waren - und das war letzten Endes das entscheidende Hindernis. Jetzt, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, ist ihr historischer Niedergang die objektive Triebkraft für eine neue Periode von Revolutionen.

Ich betone diesen Punkt, weil wir unsere Perspektive der sozialistischen Revolution auf die objektiven Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise stützen, die sich als Ergebnis ihrer historischen Entwicklung entfalten. Die soziale Revolution erwächst nicht aus den Wünschen und der guten Arbeit von Sozialisten, noch ist sie eine Art von Bestrafung für die Sünden des Kapitalismus. Sie ist das Ergebnis der Entwicklung des Kapitalismus, die zu umfassenden Problemen in der historischen Entwicklung der Menschheit führt - zu Problemen, die durch den Umsturz der gesellschaftlichen Beziehungen des Kapitalismus gelöst werden müssen, wenn die Zivilisation fortbestehen soll. Diese gesellschaftlichen Beziehungen des Kapitalismus basieren auf dem Privateigentum und dem Nationalstaatensystem.

Die Grundlagen der Arbeit der Partei

Diese Perspektive, die die Grundlage unserer Arbeit bildet, wurde im Mai vergangenen Jahres in dem Dokument "Objektivismus oder Marxismus" von Frank Brenner und Alex Steiner direkt angegriffen. Ihre zentrale These ist, dass das Internationale Komitee den Kampf für sozialistisches Bewusstsein praktisch aufgegeben habe, weil es ablehne, utopische Konzeptionen einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft vorzulegen. Brenner und Steiner zufolge muss sozialistisches Bewusstsein aus der "Vision" einer nach-kapitalistischen Gesellschaft bestehen. Nur mit der Entwicklung einer solchen Perspektive könnten die Massen zur Aktion bewegt werden.

Wir betonten ganz im Gegenteil dazu, dass sozialistisches Bewusstsein aus einer wissenschaftlichen Analyse der Entwicklung des Kapitalismus, seiner gesellschaftlichen Beziehungen, all seiner innewohnenden Tendenzen und vor allem der objektiven Rolle all der verschiedenen politischen Gruppierungen besteht.

Ich will einen entscheidenden Abschnitt aus der Antwort von David North, dem Chefredakteur der WSWS, auf Brenners und Steiners Dokument zitieren:

"Anzuerkennen, dass die sozialistische Bewegung über eine objektive Grundlage verfügt, mindert nicht die Bedeutung des Kampfes für die Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins. Die Darlegung der objektiven Grundlage des Sozialismus ist sogar selbst ein wichtiger Bestandteil der theoretischen Erziehung der Arbeiterklasse. Doch die pädagogischen Aufgaben der sozialistischen Bewegung können nur korrekt formuliert werden, wenn verstanden wird, dass die Widersprüche des Kapitalismus den wichtigsten und entscheidenden Antrieb für die Entwicklung revolutionären Bewusstseins bilden.

Das Problem des sozialistischen Bewusstseins stellt sich denen, die es als ideellen Reflex eines materiellen, sozioökonomischen Prozesses verstehen, ganz anders als denen, für die kein solcher Zusammenhang zwischen den ökonomischen Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft und der Entwicklung des gesellschaftlichen Denkens besteht. Für Marxisten bedeutet der Kampf für sozialistisches Bewusstsein nicht, die Arbeiter vom Kampf gegen den Kapitalismus zu überzeugen. Sie beginnen, indem sie die Unvermeidlichkeit solcher Kämpfe anerkennen, die aus dem objektiven Prozess der Ausbeutung und der Extraktion von Mehrwert erwachsen und die durch die sich vertiefende wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise des kapitalistischen Systems ungeheuer verschärft werden. Davon ausgehend bemüht sich die marxistische Bewegung, die fortgeschrittenen Schichten der Arbeiterklasse mit einem wissenschaftlichen Verständnis der Geschichte als gesetzmäßigen Prozess, der kapitalistischen Produktionsweise und der gesellschaftlichen Beziehungen, die aus ihr hervorgehen, sowie des Wesens der gegenwärtigen Krise und ihrer welthistorischen Bedeutung vertraut zu machen. Es geht darum, den unbewussten historischen Prozess in eine bewusste politische Bewegung umzuwandeln, die Auswirkungen der Zuspitzung der kapitalistischen Weltkrise vorauszusehen und vorzubereiten, die Logik der Ereignisse offen zu legen und die angemessene politische Antwort zu formulieren - strategisch und taktisch.

Wer in den objektiven, vom Kapitalismus selbst geschaffenen Bedingungen keine Grundlage für den Sozialismus erblickt, wer von Niederlagen und Rückschlägen demoralisiert ist, wer weder das Wesen der kapitalistischen Krise begreift noch das revolutionäre Potenzial der Arbeiterklasse wahrnimmt - sieht das Problem der Veränderung des Bewusstseins im Wesentlichen auf ideelle, ja psychologische Weise. Da keine reelle Grundlage für das sozialistische Bewusstsein existiert, muss die Möglichkeit seiner Entwicklung anderswo gesucht werden. Aus diesem Grund glaubt ihr, Genossen Brenner und Steiner, dass "die Utopie entscheidend für die Wiederbelebung einer sozialistischen Kultur ist." (David North, " Marxismus, Geschichte und sozialistisches Bewusstsein: Eine Antwort an Alex Steiner und Frank Brenner " S. 36)

Diese Ideen bilden die theoretische und politische Grundlage der Arbeit des Internationalen Komitees in der kommenden Periode. Die entscheidende Frage ist nicht, ob es einen Kampf gegen den Krieg geben wird - der Kampf hat schon begonnen -, sondern mit welcher Perspektive dieser Kampf geführt werden muss.

Vor allem besteht unsere Arbeit in einer ganz klaren Herausarbeitung einer unabhängigen Perspektive für die Arbeiterklasse, die sich auf das gesamte historische Erbe der trotzkistischen Bewegung stützt und auf die Lehren, die aus ihrer Analyse der strategischen Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts gezogen wurden.

Die Massen nehmen natürlich nicht gleich das marxistische Programm an, wenn sie in den Kampf eintreten. Sie gehen durch verschiedene Stufen der Entwicklung, sie nehmen zentristische Positionen ein. Das ist eine Art des Zentrismus - ein Zentrismus der sich nach links bewegt, wie Trotzki aufzeigte. Dann gibt es eine andere Art von Zentrismus, der sich nach rechts bewegt. Das sind politische Kräfte, die entweder den Marxismus ablehnen oder mit ihm gebrochen haben, und versuchen, die Bewegung unter die Kontrolle der alten Apparate zurückzubringen. Die wirkliche Entwicklung des politischen Bewusstseins der Arbeiterklasse geschieht vor allem durch die Entlarvung der politischen Rolle dieser Kräfte.

Im vergangenen Jahr haben wir in der Wahlkampagne zu den amerikanischen Zwischenwahlen zum Kongress eine wichtige Erfahrung gemacht. Die Wahl selbst zeigte eine wichtige Veränderung im Bewusstsein breiter Massen. Besonders die Unterstützung für unseren Wahlkampf zeigte eine bedeutsame Entwicklung der politisch bewusstesten Kräfte. Aber diese Entwicklung, die in potentieller Form vorlag, konnte nur durch das aktive Eingreifen der Partei sichtbar gemacht werden.

Wir sind durch eine äußerst schwierige und harte Periode gegangen. Ende der 1980er Jahre gab es einen deutlichen Aufschwung des Klassenkampfs und eine gewisse politische Radikalisierung wegen des Golfkriegs. Dann kam der Zusammenbruch der Sowjetunion und es entstand eine große politische Konfusion. Wir schätzten das Ende der Sowjetunion schon damals nicht als Ende des Sozialismus ein, sondern als Ausdruck einer Krise des gesamten Systems von Nationalstaaten. Das war aber für die meisten Menschen nicht gleich nachvollziehbar. Tatsächlich hatten genau die entgegen gesetzten Theorien Konjunktur: Nämlich dass das Ende der Sowjetunion den endgültigen Triumph des Weltkapitalismus und seiner führenden Macht, der Vereinigten Staaten, bedeute.

In der folgenden Zeit bestand unsere Arbeit hauptsächlich darin, klar zu machen, was passiert war. Wir betonten, dass der Zusammenbruch der UdSSR das Scheitern all jener Parteien und Organisationen bedeute, die sich auf nationale Programme gründen. Deswegen werde der nächste Aufschwung der Arbeiterklasse seinen Niederschlag nicht in diesen Organisationen finden. Wir mussten die notwendigen organisatorischen Formen entwickeln, die dieser neuen Situation angemessen waren. 1996 verwandelten wir unsere Bünde in Parteien und das IKVI startete 1998 die World Socialist Web Site als wichtigstes Instrument für den Aufbau der Weltpartei der sozialistischen Revolution.

Jetzt entwickelt sich eine neue Wende. Es wäre ein Fehler, sie nicht zu erkennen, und die sich bietenden Gelegenheiten nicht zu nutzen. In gewisser Hinsicht beginnen sich die Schleier der Verwirrung zu lichten - oder vielleicht richtiger gesagt, die objektiven Bedingungen für die Entwicklung von politischem Bewusstsein entstehen jetzt.

Vor fünfzehn Jahren war es für junge Leute recht schwierig zu verstehen, warum ältere Generationen sich der sozialistischen Bewegung angeschlossen hatten, was nicht zuletzt durch die Kriegsgefahr und die Schrecken motiviert war, die der Kapitalismus in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhundert angerichtet hatte. Heute ist das nicht mehr so schwer zu verstehen.

Die politische Situation verändert sich jetzt völlig, vor allem durch die historische Krise des US-Imperialismus und seiner Kriegstreiberei, was die politische Situation überall auf der Welt verändert. In unserer Region erleben wir den Ausbruch von australischem Militarismus und Kolonialismus im Südpazifik. Der australische Imperialismus versucht, dort seine eigenen unmittelbaren Interessen zu vertreten und tritt gleichzeitig als Stellvertreter der Vereinigten Staaten auf.

Gleichzeitig gehen der Zerfall und die Auflösung der etablierten Parteien in beschleunigtem Tempo voran. Ich finde nicht oft etwas Wertvolles in den Bemerkungen von Ex-Labour-Führer Kim Beazley. Aber ich möchte eure Aufmerksamkeit auf einen wichtigen Kommentar lenken, den er neulich in einem Interview mit dem Sydney Morning Herald abgab.

Beazley wies darauf hin, dass, welche Partei auch immer die nächsten Parlamentswahlen verlieren wird, sie in relativ kurzer Zeit von der politischen Bildfläche verschwinden könnte. Mit anderen Worten, die beiden zentralen Säulen der politischen Struktur des australischen Kapitalismus, die Labor Partei und die Liberale Partei, befinden sich in einem fortgeschrittenen Zustand des Zerfalls. Sie haben keine wirkliche gesellschaftliche Basis mehr und werden nur noch durch die staatliche Unterstützung am Leben gehalten. Werden sie davon abgeschnitten, brechen sie zusammen.

Wir haben wichtige Arbeit vor uns, besonders den Aufbau der International Students for Social Equality unter Jugendlichen und Studenten. Wir werden uns an den Landtagswahlen in New South Wales im März und an den Parlamentswahlen später in diesem Jahr beteiligen. Die Berichte und Diskussionen auf dieser Konferenz, d.h. die Klärung unserer Analyse und Perspektiven, werden diese entscheidenden Initiativen auf eine feste Grundlage stellen.

Schluss

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