Neuste Schutzbehauptung des amerikanischen Militarismus: Die Iraker sind schuld!

Von Patrick Martin
13. Februar 2007

Eine neue Rechtfertigung für die amerikanische Gewalt im Irak wurde in den letzten Wochen von Vertretern der Bush-Regierung, demokratischen Parlamentsabgeordneten und Mediengrößen entwickelt: Sie behaupten jetzt, das Versinken der irakischen Gesellschaft in Chaos und Bürgerkrieg sei nicht den amerikanischen Invasoren sondern den Irakern selbst anzulasten.

Zum ersten Mal war der Tenor im Bericht der Baker-Kommission vor zwei Monaten zu vernehmen. Inzwischen hat das offizielle Washington allgemein diese Behauptung übernommen - vom republikanischen Senator John McCain, der stärkeren Druck auf die Bagdader Regierung von Nuri al Maliki fordert, bis hin zu den Demokraten. So schlägt die demokratische Sprecherin im Repräsentantenhaus Nancy Pelosi vor, die amerikanischen Hilfsgelder für das irakische Militär zu streichen (aber selbstverständlich nicht die Finanzierung der amerikanischen Militärmaschine, die das eroberte Land noch immer kontrolliert).

Für glühende Befürworter des Kriegs wird das Gerede über ein Versagen der Iraker immer mehr zu einem wohlfeilen Mittel, die katastrophalen Folgen der amerikanischen Invasion und Besatzung zu überspielen. Besonders die Neokonservativen, die immer von einem Krieg für Demokratie und Freiheit in Nahost sprachen, versuchen sich so herauszureden.

In besonders dreister Weise vertritt der konservative Kommentator Charles Krauthammer diese Argumentation. Krauthammer, der für die Washington Post schreibt, hat immer mit Nachdruck behauptet, der amerikanische Feldzug gegen den Irak diene ausschließlich der "Demokratisierung" des Landes. In einer Kolumne vom 2. Februar beklagt der Redakteur nun das "verwirrende" Spektrum an religiösen und ethnischen Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und ihren jeweiligen Untergruppen im Irak. Er erklärt, dies würde "die Amerikaner noch weiter entmutigen, die schon jetzt von der Vorstellung geplagt sind, in einen endlosen Bürgerkrieg hineingezogen zu werden".

Die Kolumne trägt den Titel "Wer ist schuld am Töten?". Krauthammer beantwortet die Frage, indem er die Verantwortung unmissverständlich den Irakern selbst zuschiebt. "Amerika kommt und befreit sie von dem Tyrannen, der sie alle in Angst und Schrecken hielt, und schon treten die uralten Animositäten und der jüngere Groll hervor, mit tödlichen Folgen", schreibt er. "Den Irakern wurde die Freiheit gebracht, aber viele wählten den Bürgerkrieg."

Der Kolumnist gibt sich die allergrößte Mühe, jeden abzukanzeln, der die amerikanische Invasion für den Zerfall der irakischen Gesellschaft verantwortlich macht. Er schreibt: "Von allen Einschätzungen zur gegenwärtigen Lage ist das bei Weitem die dümmste. Und die bösartigste. ‘Brachte’ Großbritannien Indien den Krieg zwischen Hindus und Moslems in den Jahren 1947/48, der einer Million Menschen das Leben kostete und zwölf Millionen zu Opfern ethnischer Säuberungen machte? Und trägt Großbritannien Verantwortung für die jüdisch-arabischen Kriege in Palästina? Und die Stammeskriege im postkolonialen Uganda?"

Krauthammer hält diese Fragen zwar offenbar für absurd, doch jeder ernsthafte Geschichtsstudent würde darauf antworten: "Ja, ja und nochmals ja!" Großbritanniens Politik des "Teile und Herrsche" verschärfte mit voller Absicht ethnische und religiöse Spannungen in all diesen Kolonien, die dann die Form offener Gewalt annahmen, als die alten Kolonialregime aufgelöst wurden.

Man könnte noch viele weitere Beispiele anführen: Der belgische Kolonialismus und später die neokolonialen Machenschaften Frankreichs und der USA heizten die Konflikte zwischen Hutus und Tutsis an, die 1994 im Völkermord in Ruanda mündeten. Die fast zehnjährige Bombardierung Kambodschas durch die Vereinigten Staaten schuf die Voraussetzungen für die Machtübernahme von Pol Pot und seinem mörderischen Regime ("Bombt sie zurück in die Steinzeit" erwies sich nicht als bloße Redensart). Deutsch-amerikanische Rivalitäten der frühen 1990er Jahre um Einfluss im Jugoslawien führten zur Lostrennung Sloweniens und Kroatiens und später Bosniens. Dieses Ausscheren aus dem Staatsverbund brachte ethnische Säuberungen und blutige Kriege zwischen den Bevölkerungsgruppen mit sich, die mehr als 40 Jahre lang friedlich miteinander gelebt hatten, jetzt aber plötzlich verfolgte Minderheiten in ihren neuen "unabhängigen" Staaten waren (Serben in Kroatien; Moslems, Kroaten und Serben in unterschiedlichen Teilen Bosniens; Kroaten, Moslems, Ungarn und Albaner in Serbien).

Hinter jeder dieser Schlächtereien steht die bösartige und destruktive Rolle des Imperialismus, wobei heutzutage der amerikanischen Imperialismus der gefährlichste und aggressivste weltweit ist.

Krauthammer beschwört die "guten Absichten" der herrschenden Klasse Amerikas und behauptet, dass "wir im Irak auf politischer Ebene alles getan haben, um Versöhnung zu ermöglichen. Wir haben die Sunniten dazu gebracht, an Wahlen teilzunehmen und dann im Parlament mitzuarbeiten. Wer versucht denn, der schiitisch-kurdischen Koalition ein Gesetz abzutrotzen, das auch die Sunniten an den Öleinnahmen teilhaben lässt? Wer drängt denn auf eine breitere Basis für die Regierung und den Ausschluss von Muktada al Sadr und seiner religiös motivierten Mehdi-Armee?"

In Wahrheit haben die Vereinigten Staaten die Zentrifugalkräfte im Irak seit mehr als dreißig Jahren gestärkt. Die US-Regierungen unter Nixon und Ford in den 1970er Jahren unterstützten den kurdischen Separatismus, der sich gegen das im Kalten Krieg locker mit Moskau verbündete säkulare Baath-Regime in Bagdad richtete. Die Regierung von Bush Senior ermunterte nach dem ersten Golfkrieg einen schiitischen Aufstand, änderte dann aber ihren Kurs, weil sie fürchtete, ein schiitisch regierter Irak könnte sich mit dem Iran zusammentun.

Der jetzige Krieg richtete sich zunächst hauptsächlich gegen die Sunniten. Dieses Vorgehen fand seinen Höhepunkt in der Zerstörung von Falludscha, dem Zentrum des sunnitischen Widerstands gegen die amerikanische Besatzung. Zum anhaltenden Krieg gegen die Sunniten in der Provinz Anbar hinzu kommt nun eine Offensive gegen die schiitischen Radikalen rund um al Sadr. Es war jederzeit die Politik der USA, eine Gruppe gegen die andere auszuspielen.

Was die angeblich uneigennützige Haltung betrifft, den Sunniten einen Anteil an den Öleinnahmen zu garantieren, so geht es den Vereinigten Staaten ganz sicher nicht um Fairness und gerechtes Teilen. Ihr unmittelbares Anliegen ist die Schaffung eines wie auch immer gearteten juristischen Rahmens für die Privatisierung der Ölindustrie und ihre Öffnung für amerikanische Konzerne - eines der wichtigsten amerikanischen Kriegsziele.

Zum Schluss schreibt Krauthammer: "Wir haben im Irak viele Fehler gemacht. Aber wenn Araber Araber töten und Schiiten Schiiten töten und Sunnis in einem Anfall von Gewalt alle töten, weil sie blind und rasend vor Hass sind, der uralten Zeiten entspringt, dann ist es einfach pervers, das eine Land und sein Militär dafür verantwortlich zu machen, das mehr als irgendjemand sonst dafür getan hat, die Kämpfer zu trennen und Versöhnung zu fördern. Das entmündigt die Araber. Das dämonisiert die Amerikaner. Das übersieht bewusst die nackten Tatsachen: Irak ist ihr Land. Wir brachten ihnen Freiheit. Sie wählten den Bürgerkrieg."

Es stimmt natürlich, das die Konflikte im Islam zwischen Sunniten und Schiiten mehr als 1000 Jahre zurückreichen. Aber diese konfessionellen Auseinandersetzungen arteten weder im Osmanischen Reich noch unter britischer Kolonialherrschaft oder in den siebzig Jahren relativer Unabhängigkeit des Iraks in massive religiös motivierte Gewalt aus. Sunniten und Schiiten lebten in den gleichen Bagdader Stadtvierteln und anderen Gegenden des Landes zusammen und heirateten oft untereinander. Erst der ständig zunehmende Druck der USA - erst Krieg, gefolgt von einer zwölfjährigen Wirtschaftsblockade, dann wieder Krieg und Besatzung - führte zum Zerfall der irakischen Gesellschaft nach Konfessions-, Volks- und Stammeszugehörigkeit.

Das Motiv "Die Iraker sind schuld" hat noch einen anderen äußerst bedrohlichen Aspekt. Dies tritt am deutlichsten beim Kolumnisten der New York Times David Brooks hervor, einem weiteren lautstarken und langjährigen Befürworter des Kriegs. Er beschreibt die irakischen Aufständischen am 25. Januar mit den folgenden Worten: "Gewalttätige, einfältige Menschen, die unter normalen Bedingungen der gesellschaftlicher Abschaum wären, steigen inmitten von Trauma, Chaos und Not zu verehrten Führern auf." Das ist in Wirklichkeit eine durchaus zutreffende Beschreibung des sozialen Typus, der in der Bush-Regierung vorherrscht, wo Kriminalität und Ignoranz miteinander wetteifern.

In einem Absatz nach dem anderen beschimpft und schmäht Brooks die irakischen Aufständischen und setzt sie moralisch mit den Todesschwadronen in Ruanda, Bosnien, Sierra Leone und anderen Schlächtern gleich. Brooks zufolge "kommandieren sie Abteilungen junger Männer, die aus dem moralischen Universum herausfallen und keine Zukunft in einer friedlichen Welt haben. Sie töten aus Spaß, aus Glaube und für Profit - weil sie es für lohnender halten, zu töten und zu plündern, als zu arbeiten oder Land zu bestellen."

Unausweichlich folgt aus einer solchen Beschimpfungsorgie, dass jene Iraker mit allen gegebenen Mitteln zu vernichten sind. Aus dem Argument "Die Iraker sind schuld" wird logisch gefolgert, dass die Vereinigten Staaten zu Recht so viele Iraker wie möglich töten, um ihre Kriegsziele zu erreichen.

Siehe auch:
Zbigniew Brzezinski lässt politische Bombe platzen
(3. Februar 2007)
USA monieren "ausländische Einmischung" im besetzten Irak
( 2. Februar 2007)
Für eine internationale Bewegung von Arbeitern und Jugendlichen gegen den Irakkrieg
( 26. Januar 2007)

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