Rekordverluste für amerikanischen Autokonzern Ford

Von Jerry White
6. Februar 2007

Die Ford Motor Company gab letzte Woche für das Jahr 2006 einen Verlust von 12,7 Milliarden Dollar bekannt. Damit ist 2006 das schlechteste Jahr in der 104-jährigen Geschichte des Unternehmens. Die massiven Verluste sind ein weiterer Schlag für Ford, das schon ein Einsparprogramm fährt mit einer Reihe von Fabrikschlie§ungen, Massenentlassungen und Abfindungsprogrammen. Dieses Sparprogramm zielt darauf ab, die frühere Ikone der US-Industrie in einen relativ unbedeutenden Mitbewerber auf dem amerikanischen und weltweiten Automarkt zu verwandeln.

Ford hat alleine in den letzten drei Monaten des Jahres 2006 5,8 Milliarden Dollar Verluste gemacht. Verantwortlich dafür waren vor allem die Kosten der Rationalisierungen und der anhaltend rückläufige Verkauf von geländetauglichen Wagen und kleineren Lastwagen, die von den hohen Benzinpreisen besonders stark betroffen sind. Fords Verluste beliefen sich laut Analysten auf 4700 Dollar pro Auto; das ist etwa soviel wie Ford zu Beginn des Jahrzehnts an jedem gro§en Wagen verdient hat. Damals hatte Ford einen Anteil von 25 Prozent am US-Markt.

Fords Anteil am US-Markt fiel 2006 auf 17,5 Prozent. Prognosen gehen davon aus, dass das Unternehmen, das lange Zeit die Nummer zwei unter den Autoherstellern der USA war, bald auf den vierten Platz hinter General Motors, Toyota und Chrysler zurückfallen wird, mit einem Anteil an den insgesamt verkauften Autos und Lastwagen von rund 14 Prozent im Jahr 2009.

Angesichts eines finanziellen Desasters im November letzten Jahres versetzte Ford seine Fabriken, seine zentrale Geschäftsstelle und andere Aktivposten, darunter das blaue, ovale Warenzeichen, als Sicherheiten für Darlehen in Höhe von 25 Milliarden Dollar, mit denen die Umstrukturierung finanziert werden soll. Der Aktienpreis des Unternehmens schwankt um 8 Dollar pro Aktie, etwa derselbe Preis wie der von Chrysler, als das Unternehmen 1979-80 kurz vor dem Bankrott stand.

Im letzten Jahr verkündete Ford Pläne, nach denen 16 Fabriken geschlossen und 30.000 Arbeiter, vertreten von der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW), entlassen werden sollten. Das war Teil eines "zukunftsorientierten" Plans, mit dem man bis 2009 zur Rentabilität zurückkehren wollte. Da die Arbeiter kein Vertrauen hatten, dass die UAW gegen die Zerstörung der Arbeitsplätze Widerstand leisten würde, akzeptierten 38.000 oder fast die Hälfte aller Fabrikarbeiter von Ford die Abfindungen. Zusätzlich verkündete Ford Pläne, die Arbeitsplätze von 15.000 Angestellten zu vernichten, Zulagen zu streichen, mehr Geld für die Gesundheitsversorgung zu verlangen und die Zahlungen für die Gesundheitsversorgung der Angestellten-Rentner zu kürzen.

Anfang der Woche hat Ford die Schlie§ung von Tagesstätten angekündigt, die 900 Kinder von Ford-Beschäftigten betreuen. Diese Einrichtungen, die zusammen mit der UAW unterhalten werden — die UAW hat der Entscheidung, sie zu schlie§en, zugestimmt — liegen im südöstlichen Michigan, in Louisville, in Kentucky und in Kansas City. Den Angestellten der Tagesstätten wurde mitgeteilt, ihr letzter Arbeitstag sei der 29. Juni. Man ermahnte sie, laut der Zeitung Detroit News, nicht über die Schlie§ungen zu sprechen.

Elizabeth Drotar, Angestellte bei Ford in Dearborn, Michigan, und Mutter eines kleinen Kindes, erklärte gegenüber der Detroit Free Press, die Schlie§ungen wären verheerend. Sie fügte hinzu, einer der Gründe, warum sie sich gegen die Abfindung entschieden habe, sei der gewesen, dass sie überzeugt war, keine andere so gute Tagesstätte zu finden. Die Zeitung merkt an, die Kindertagesstätten seien einer der Gründe gewesen, warum Ford den Ruf hatte, "familienfreundlich" zu sein.

"Die geschäftlichen Gegebenheiten der augenblicklichen Umstrukturierungsma§nahmen É haben uns dazu gezwungen, die schwierige Entscheidung zu treffen, die Kinderbetreuung einzustellen", erklärte Tom Hoyt, Sprecher von Ford gegenüber den News. "Kindertagesbetreuung ist nicht unser Geschäft", fügte er hinzu, "wir sind im Automobilgeschäft."

Während die Arbeitsplätze und die Sozialleistungen für die Arbeiter und Angestellten zusammengestrichen werden, erklärte Alan Mulally, der Vorstandsvorsitzende von Ford, der Aufsichtsrat erwäge, mehrere Dutzend Millionen Dollar in Gratifikationen an die obersten Führungskräfte zu zahlen. Mulally verteidigte diese Entscheidung — obwohl das Unternehmen dabei ist, finanziell auszubluten — und erklärte, die Gratifikationen seien notwendig, "um sicherzustellen, dass wir wettbewerbsfähige Löhne und Zusatzleistungen zahlen." Gegenüber der New York Times sagte er: "Bei den Führungskräften steht ein grö§erer Anteil ihrer Bezahlung auf dem Spiel. Wenn wir sie nicht zum üblichen Markttarif und nach dem, was ihre Kollegen verdienen, bezahlen, werden wir sie verlieren."

Mulally, der im letzten Herbst von Boeing abgeworben wurde, um die Führung von Ford zu übernehmen, erhält, wie verlautet, als Grundgehalt für dieses Jahr 2 Millionen Dollar. Dazu kommen 18,5 Millionen Dollar, worin 7,5 Millionen Antrittsgeld und 11 Millionen Dollar als Ausgleich für Prämien- und Aktienverluste bei Boeing enthalten sind. Die Höhe der neuen Gratifikationen für die 6000 Topmanager von Ford fällt, laut Berichten, unterschiedlich aus, aber der grö§te Teil wird an die obersten Führungskräfte gehen. Die für Mulally im Jahr 2007 "geplante Gratifikation" zum Beispiel liegt - laut einer gesetzlichen Mitteilungspflicht - bei 175 Prozent seines Grundgehalts von 2 Millionen Dollar

Bevor sie das ruinierte Unternehmen verlie§en, kassierten der frühere CEO (Vorstandsvositzende) William Clay Ford Jr. im Jahr 2005 - das ist der letzte Zeitraum, für den Daten zur Verfügung steht - 13 Millionen Dollar, und Fords früherer Präsident und leitender Geschäftsführer Jim Padilla nahm eine Gesamtentlohnung von 6,7 Millionen Dollar mit nach Hause.

Der neue Plan für Gratifikationen hat zu Besorgnis unter Industrieanalysten geführt, die befürchten, er werde es der UAW-Bürokratie noch schwerer machen, ihre Mitglieder dazu zu bringen, bei den bevorstehenden Tarifverhandlungen Zugeständnisse zu machen; in den Verhandlungen geht es um ein neues Vierjahres-Tarifabkommen. "Das könnte ein taktischer Fehler von Ford sein", erklärte Dan Luria, Analyst am Michigan Manufacturing Technology Center in Plymouth, Michigan. "Wie will [UAW-Präsident] Ron Gettelfinger die Tatsache verkaufen, dass das Unternehmen in tiefen Schwierigkeiten steckt, wenn es sich gleichzeitig leisten kann, solche Gratifikationen zu zahlen?", fragt Luria.

Da sie schon jetzt ständig mit wütenden Reaktionen ihrer Mitglieder konfrontiert sind, haben die UAW-Funktionäre Ford dringend gebeten, die Gratifikationen zu verschieben. "Ja, wir haben die Tatsache diskutiert, dass wir Zugeständnisse machen sollen, und die anderen Gratifikationen erhalten", gab Gettelfinger zu. Als er aufgefordert wurde, zu den Ausschüttungen an die leitenden Angestellten Stellung zu nehmen, blaffte Gettelfinger: "Es macht keinen Sinn, über diese Gratifikationen öffentlich zu reden."

Schon seit den frühen 1980er Jahren vertritt die Gewerkschaft ihre einfachen Mitglieder nicht mehr ernsthaft. Stattdessen ist sie eine Arbeiter-Management-Partnerschaft eingegangen, die auch als die neue "UAW-Ford" bezeichnet wurde. Die Gewerkschaft sorgte dafür, dass der Widerstand gegen den Abbau von Arbeitsplätzen, gefährliche Arbeitsbedingungen und Arbeitshetze unterdrückt wurde. Das führte zu einer massiven Verschärfung der Ausbeutung von Fabrikarbeitern, einem Anwachsen der Arbeitsunfälle - deutlich vor Augen geführt durch den Tod von sechs Arbeitern in Folge einer Explosion im Kraftwerk Rouge in Dearborn im Jahr 1999 - und einem massiven Abbau von Stellen. 1979 beschäftigte Ford in den USA 240.000 Arbeiter. Man erwartet, dass es nach der laufenden Runde von Entlassungen weniger als 60.000 sein werden

Bei einem Treffen mit Reportern am 3. Januar erklärte Mulally, er plane, die Gewerkschaften bei den anstehenden Verhandlungen für ein neues Vierjahres-Tarifabkommen um Hilfe dabei zu bitten, die Löhne und Zusatzleistungen zu senken und die "Flexibilität" in den Fabriken zu erhöhen. "Es geht um die Konkurrenzfähigkeit von Ford", erklärte Mulally und fügte hinzu, Gettelfinger "versteht vollständig die Situation, in der wir uns befinden." Die UAW-Gewerkschaftsbürokratie hat ihrerseits ihren Mitgliedern mitgeteilt, sie sollten sich auf "Opfer einstellen".

Nachdem sie eine beispiellose Kürzung der Krankenversorgung durchgesetzt hat -sie bedeuten, dass zum ersten Mal überhaupt ehemalige Arbeiter von Ford und General Motors zuzahlen müssen -, hat die UAW jetzt neue lokale Tarifvereinbarungen in mehr als 30 Fabriken durchgedrückt, die es Ford erlauben, noch weitere Arbeitsschutzma§nahmen und Arbeitsordnungen abzuschaffen. Als sie mit wachsender Opposition an der Basis der Gewerkschaft konfrontiert war, sagte die Gewerkschaft unvermittelt eine für den 21. Januar geplante Abstimmung im Lastwagenwerk von Ford in Wayne, Michigan, ab. Abgestimmt werden sollte über eine Abmachung, die es dem Unternehmen erlaubt hätte, Geld zu sparen durch eine Vier-Tage-Arbeitswoche mit zehn Stunden pro Tag statt der traditionellen Fünf-Tage-Woche mit acht Stunden Arbeit.

Obwohl die amerikanische Autoindustrie im letzten Jahr mit 159 000 Entlassungen eine neue Rekordzahl erreicht hat, ist der Niedergang von Ford und General Motors, der Nummer 1 unter den Automobilherstellern Amerikas, Teil einer breiteren Krise der weltweiten Autoindustrie. Die Automobilhersteller konkurrieren auf einem schrumpfenden Markt und jedes Unternehmen reduziert Stellen und Lohnkosten. Au§er den von Ford und GM angekündigten Stellenkürzungen - und denen, die erwartet werden, wenn Chrysler Mitte Februar seine Umstrukturierungsma§nahmen für die USA ankündigen wird - vernichten globale Riesenkonzerne wie Volkswagen Tausende von Arbeitsplätzen. Weitere solche Ankündigungen werden 2007 erwartet. Laut Analysten wird es in diesem Jahr einen Rückgang beim Neuwagenverkauf in Westeuropa, Japan, Kanada und den USA geben.

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