Australien: WSWS debattiert Tsunami-Katastrophe

Von Laura Tiernan
16. Februar 2005

Die World Socialist Web Site hielt vergangene Woche in Australien zwei erfolgreiche öffentliche Versammlungen ab, eine in Sydney und eine in Melbourne. Im Zentrum standen die globalen politischen Fragen, die der asiatische Tsunami aufgeworfen hatte. Wije Dias, der Generalsekretär der srilankischen Socialist Equality Party (SEP), war Redner auf beiden Versammlungen; in Sydney sprach außerdem der Chefredakteur der internationalen WSWS -Redaktion, David North.

In Sydney leitete Nick Beams, der Nationale Sekretär der australischen SEP, die Versammlung. Er erklärte, in allen Ländern hätten breite Bevölkerungsschichten auf die tragischen Ereignisse vom 26. Dezember mit großer Betroffenheit reagiert - ganz im Gegensatz zu den führenden Weltpolitikern: Diese hätten den Hunderttausenden Opfern nur armselige, beleidigende Hilfsangebote gemacht und so ihre völlige Gleichgültigkeit und Verachtung für die armen Massen Asiens zur Schau gestellt. Beams sagte, für Arbeiter gehe es jetzt in erster Linie darum, sich über die historischen und politischen Fragen klar zu werden, die die Katastrophe aufgeworfen hat, und eine politische Alternative für die internationale Arbeiterklasse zu entwickeln.

Peter Symonds, Mitglied der internationalen WSWS -Redaktion, wies in seiner Ansprache auf der Versammlung in Sydney darauf hin, dass ein Tsunami-Warnsystem im Indischen Ozean vollkommen gefehlt habe und dass die gigantischen Opferzahlen des Dezember-Tsunamis zum größten Teil vermeidbar gewesen wären. Im Pazifischen Ozean gebe es seit Anfang der sechziger Jahre ein Hightech-Warnsystem, das "in der Lage ist, die Daten äußerst schnell zu analysieren und mithilfe von Computermodellen bedrohte Regionen zu warnen".

Ein gutes Beispiel für das Potential der heutigen Technologie biete das japanische System: "Etwa 3.500 Erdbebensensoren und 180 über das ganze Land verteilte seismische Stationen sind mit einem Netz von Flutstationen und 80 Tiefseesensoren verbunden und werden rund um die Uhr überwacht. Ein Computerprogramm, das mit den Ergebnissen von 100.000 Simulationen gefüttert wird, spielt die Möglichkeit eines drohenden Tsunamis durch und gibt innerhalb von drei bis fünf Minuten eine Warnung heraus. Jeder Alarm wird unverzüglich auf Fernsehmonitoren angezeigt, und die Katastrophenschutzbehörden werden sowohlüber landgestützte Verbindungen, als auch über Satelliten informiert. Es wurden zahlreiche riesige Wellenbrecher und Fluttore gebaut, um wichtige Häfen und Einrichtungen zu schützen.

Nichts dergleichen gibt es im Indischen Ozean, obwohl Wissenschaftler schon oft vor den Gefahren gewarnt und die Einrichtung eines Tsunami-Warnssystems gefordert haben. Deswegen traf es die Menschen rund um den Golf von Bengalen auch völlig unvorbereitet."

Der Hauptredner, Wije Dias, ging im Detail auf die Auswirkungen des Tsunami auf Sri Lanka ein, wo mehr als 40.000 Menschen ihr Leben verloren haben.

Zu Beginn seiner Rede wies er darauf hin, dass am 4. Februar der 57. Jahrestag der Unabhängigkeit Sri Lankas von britischer Kolonialherrschaft war. Doch hätten die verheerenden Auswirkungen des Tsunami nur die wirtschaftliche Rückständigkeit des Landes, seine fortwährende wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von den Großmächten und die tiefe Armut gezeigt, unter der die Arbeiter und unterdrückten Massen auf der ganzen Insel lebten.

Dias erläuterte, wie eine prinzipielle marxistische Reaktion auf die Tsunami-Katastrophe aussieht, und welche Haltung die Partei zu den Anstrengungen humanitärer Hilfsorganisationen einnimmt: "Wir wissen ihre Arbeit sehr zu schätzen. Unsere Hauptaufgabe besteht jedoch darin, eine Perspektive und ein Programm vorzulegen, das es den bedrängten Massen im morschen kapitalistischen System ermöglicht, ihre Knechtschaft und die erdrückenden gesellschaftlichen und politischen Bedingungen zu überwinden. Was die Katastrophenhilfe angeht, müssen wir bei den arbeitenden Massen das Bewusstsein entwickeln, dass der Staat und die Regierung die Verantwortung haben, den vom Tsunami Betroffenen zu helfen."

Er schlug eine Reihe von Forderungen vor, z.B. die unverzügliche Zuteilung von Land und Wohnungen für die Obdachlosen, die Entschädigung von Opfern, die ihr Einkommen verloren haben, und ein Programm öffentlicher Arbeiten zum Wiederaufbau aller Krankenhäuser, Schulen, Straßen und des Kommunikationssystems. "Das Geld dafür muss durch die Umwidmung der für den Krieg bewilligten Gelder und durch die Besteuerung der Reichen entsprechend ihrem Vermögen aufgebracht werden."

Der Schlussredner in Sydney war der WSWS -Chefredakteur, David North. Er sagte: "Viel ist über die verheerende Gewalt des Tsunami schon gesagt worden, der ganze Nationen überschwemmt und Tod und Zerstörung mit sich bringt. Angeblich kann man nur verzweifeln und mit den Schultern zucken, das sei eben ‚Schicksal’." Eine solche reaktionäre Haltung wies North entschieden zurück.

Es sei notwendig, betonte er, "sich die Prinzipien und Grundkonzepte der sozialistischen Bewegung ins Gedächtnis zu rufen". Er erinnerte daran, dass man in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts die großen Sandstürme, die die fruchtbaren Great Planes in den Vereinigten Staaten verwehten, mit umfangreichen öffentlichen Arbeitsprogrammen beantwortet hatte. "Man hatte Vertrauen in die Möglichkeit, diese Probleme zu überwinden: Wo Dürre und Wüsten vorherrschten, konnten Bewässerungssysteme gebaut werden."

North sagte, die Visionäre der sozialistischen Bewegung "argumentierten und glaubten, dass die Menschheit die Fähigkeit besitze, die Wissenschaft zur Umgestaltung des Planeten zu nutzen. Diese Auffassung der Sozialisten wurzelte nicht nur im Geist der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts, sondern ging noch weiter zurück, bis auf die Renaissance, die im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert begonnen hatte. Muss man über diese Punkte heute wirklich noch streiten? Tatsache ist, dass der Mensch die Macht und Fähigkeit besitzt, mit all’ diesen Problemen fertig zu werden. Die großen Hindernisse für ihre Lösung liegen nicht in der Natur, sondern in der Gesellschaft."

"Ein Tsunami", meinte North, "ist nur quantitativ eine größere Katastrophe als all jene, die tagtäglich stattfinden. Wie viele tausend Menschen sterben alltäglich in Afrika an Aids? Wie viele Kinder und Jugendliche kommen jeden Tag auf der ganzen Welt um, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben und an Ruhr und anderen primitiven Krankheiten sterben, die schon längst ausgerottet sein sollten?"

Zum Schluss verteidigte der Redner den Sozialismus gegen alle Formen der Irrationalität und des blinden Verlangens nach Reichtum: "Was drücken die Medien, die im Auftrag der Kapitalisten den Tod des Sozialismus verkünden, damit eigentlich aus? Sie sagen, es sei absurd zu glauben, zum Prinzip einer Gesellschaftsorganisation auf der Grundlage der privaten Akkumulation von Reichtum und des Profitstrebens könne es eine Alternative geben. Eine solche Alternative gebe es nicht. Daran sei nicht einmal zu denken. Das sei unmöglich. Und indem sie behaupten, der Sozialismus sei tot, verkünden sie das Ende jeder gesellschaftlichen Planung, der Anwendung von Vernunft, von Geist, von Wissenschaft. Es sei unvorstellbar, dass das Irrationale unserer gesellschaftlichen Existenz überwunden werden könne.

Sozialismus beinhaltet die Anwendung der Wissenschaft, die Einsicht des Menschen in die Gesetze der Natur und der menschlichen Entwicklung, die Mobilisierung aller Kräfte der Natur und der menschlichen Erfindungsgabe zum Aufbau einer wirklich gleichen Gesellschaft, - und das ist das andere große Prinzip der sozialistischen Bewegung."

Auf beiden Versammlungen wurden aus dem Publikum mehrere Fragen an Wije Dias gerichtet, die die Auswirkungen des Tsunami, Art und Verwendung der Hilfsgelder, sowie die Perspektiven der Socialist Equality Party betrafen.

Als Antwort auf die Frage eines Zuhörers, ob Naturkatastrophen die revolutionäre Mobilisierung der Arbeiterklasse befördern könnten, bezog sich Dias auf Leo Trotzkis Buch Der junge Lenin, worin dieser über einen frühen politischen Streit zwischen Lenin und den russischen Radikalen und Volkstümlern berichtet. Einer dieser Radikalen mit Namen Wodowosow behauptete, Lenin habe es versäumt, sich gemeinsam mit den Vokstümlern an Hilfsaktionen zu beteiligen, weil er geglaubt habe, die Hungersnot erfülle eine fortschrittliche historische Mission, da sie die Grundlage für Russlands Industrialisierung lege.

Trotzki antwortete: "Die Erinnerungen Wodowosows geben in diesem Teil nicht so sehr die Anschauungen Uljanows, als vielmehr ihre verzerrte Widerspiegelung im Bewusstsein der Liberalen und der Narodniki wider. Der Gedanke, dass die Ruinierung und das Aussterben der Bauern geeignet sind, die Industrialisierung des Landes zu fördern, ist an und für sich schon reichlich unsinnig. Die Ruinierten wurden zu Paupers und nicht zu Proletariern; der Hunger förderte parasitäre und nicht fortschrittliche Tendenzen der Wirtschaft. Aber gerade durch ihre tendenziöse Einstellung spiegelt die Erzählung Wodowosows die hitzige Atmosphäre der alten Streitigkeiten nicht übel wider." (Leo Trotzki, Der junge Lenin, Frankfurt 1971)

Marxisten sind nie der Ansicht, dass die Revolution aus der Zerstörung entstehe, erklärte Dias. Aber solche Verheerungen könnten die Massen dazu bringen, den Charakter der Herrschaft genauer zu verstehen, unter der sie lebten. "In einer solchen Situation haben die Marxisten die Aufgabe, zu analysieren und den Massen zu erklären, dass es eine sozialistische Alternative zu diesem dekadenten kapitalistischen System gibt. Nur durch eine solche Intervention können die Arbeiter und unterdrückten Massen sich zu der Aufgabe erheben, ihre eigene Staatsmacht zu errichten."

Auf den Versammlungen wurden mehr als 1.000 Dollar gesammelt, um die Arbeit der SEP und der WSWS in Sri Lanka voranzubringen.

Siehe auch:
Die gesellschaftlichen Wurzeln der Tsunami-Katastrophe
(26. Januar 2005)
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