Politische Wurzeln und Perspektiven von Jemaah Islamiyah

Von Peter Symonds
14. Januar 2004

Auf die Frage: "Was ist Jemaah Islamiyah?" hätten noch vor achtzehn Monaten wohl nur wenige Menschen eine Antwort gewusst. Doch seit den Bombenanschlägen von Bali im Oktober 2002 ist "JI" ein Alltagsbegriff geworden, synonym gebraucht mit islamischem Extremismus und terroristischer Gewalt in Südostasien. Trotz ihrer Verrufenheit aber wurde bislang wenig über die Organisation geschrieben, das wirklich Substanz hätte.

Im vergangenen Jahr nahm sich Australiens Premierminister John Howard der angeblichen Aktivitäten von JI an - zur weiteren Rechtfertigung für seine Unterstützung des "Krieges gegen den Terror" der Bush-Regierung und der Besetzung des Irak durch die USA. JI diente auch als Vorwand für das Wiedererwachen von Australiens neokolonialen Ambitionen im Südpazifik und für die Angriffe der Howard-Regierung auf demokratische Rechte und bürgerliche Freiheiten im Inneren.

Nach den Anschlägen von Bali haben die australischen Medien, darunter besonders die Publikationen von Murdoch, bereitwillig dazu beigetragen, ein Klima von Furcht, Verdächtigungen und Unsicherheit zu schaffen. Die Berichterstattung über Ermittlungen und Gerichtsverhandlungen waren durchweg sensationalistisch, teilweise sogar offen rassistisch. Andauernd werden neue Warnungen vor terroristischen Plänen und Gefahren ausgesprochen, meist basierend auf unüberprüften und ungenannten Quellen aus Polizei und Geheimdiensten.

In Indonesien herrscht ein anderes, wenn auch nicht weniger verzerrtes Bild von Jemaah Islamiyah vor. Hier besteht eine weit verbreitete und völlig legitime Opposition gegen die US-geführten Kriege gegen Afghanistan und den Irak. Mehr noch, viele Menschen sind zutiefst besorgt, dass im Namen des Kampfes gegen JI das Militär seine Autorität zu stärken versucht, während gleichzeitig fundamentale demokratische Rechte unterminiert werden - mit der offenen Unterstützung Canberras und Washingtons.

Als Ergebnis hiervon stehen einfache Indonesier den Motiven der USA und Australiens zutiefst misstrauisch gegenüber. Sie sehen die Behauptungen in Bezug auf JI höchst kritisch und sind bereit, an Verschwörungstheorien über die Attentate von Bali und andere terroristische Grausamkeiten zu glauben. Derartige Stimmungen ergeben sich auch aus dem nebulösen Charakter von JI, einer Organisation, die keine Stellungnahmen herausgibt, keine Dokumente veröffentlicht und niemals ein politisches Programm formuliert hat.

Schon der Name "Jemaah Islamiyah", "Islamische Gemeinschaft", führt zu Kontroversen. Ein Angriff auf JI kann als Angriff auf die Mehrheit der indonesischen Bevölkerung verstanden werden. JI für Bali verantwortlich zu machen ist für viele, wie die "Christliche Gemeinschaft" wegen des Anschlags von Oklahoma zu beschuldigen, oder die "Hindugemeinschaft" in Indien wegen der Zerstörung der Ayodhya-Moschee. Laut dem Analysten Sidney Jones von der International Crisis Group ICG liegt hierin der Grund, warum "weniger als die Hälfte der indonesischen Bevölkerung bereit ist zu glauben, dass JI überhaupt existiert".

Dennoch - Jemaah Islamiyah existiert in jedem Fall. Eine Reihe von Quellen liefern klare Hinweise darauf, dass JI während der frühen 1990er Jahre von Abdullah Sungkar und Abu Bakar Bashir in ihrem malaysischen Exil formell begründet wurde. Eng verbunden ist die Organisation mit einer kleinen Anzahl von islamisch-extremistischen Schulen in Indonesien, die wichtigste hiervon ist Bashirs Schule im Dorf Ngruki bei Solo im zentralen Java. JI wird daher gelegentlich als das Ngruki-Netzwerk bezeichnet.

Trotz ihres politisch motivierten und juristisch zweifelhaften Charakters haben die Gerichtsverhandlungen von Bali aufgedeckt, dass JI definitiv in die Anschläge involviert war. Die vier Männer, die bislang verurteilt worden sind, standen in langjähriger Verbindung zu der Organisation. Einer von ihnen wurde zum Kronzeugen, gestand seine Beteiligung und drückte sein Bedauern aus. Die anderen drei zogen zwar ihre ursprünglichen Aussagen zurück, gestanden aber dennoch, eine Rolle bei den Bombenanschlägen gespielt zu haben und begrüßten offen deren schreckliches Resultat.

Die meisten Behauptungen über die terroristischen Aktivitäten von JI sind allerdings niemals gerichtlich überprüft worden. Sie stammen von etwa 200 "JI-Verdächtigen", die in Malaysia, Indonesien, Singapur, den Philippinen, Afghanistan oder anderswo verhaftet wurden. Viele dieser Männer werden seit Monaten - oder gar Jahren - festgehalten, ohne Prozess, was eine offene Verletzung ihrer demokratischen und verfassungsmäßigen Rechte darstellt. In einigen Fällen wurden die Informationen mittels psychischer und physischer Folter aus ihnen herausgepresst. Als Folge hiervon sind viele dieser Informationen so verzerrt, dass sie von den meisten Gerichten als unzulässig abgewiesen würden.

Das Schlaglicht, dass die Medien unaufhörlich auf die terroristischen Methoden von JI werfen, dient dazu, die grundsätzlichen Fragen zu verwischen. Im Lauf der Geschichte ist eine lange und uneinheitliche Reihe von Organisationen und Gruppen zum Terrorismus übergegangen, mit sehr unterschiedlichen Zielen. Genau wie sie hat auch Jemaah Islamiyah eine bestimmte politische Perspektive. Nur anhand der Analyse ihres Ursprungs, ihrer Geschichte und ihrer Perspektiven kann man verstehen, warum die Organisation entstand, welchen Interessen sie dient und an wen sie sich wendet.

Eine politisch zutiefst reaktionäre Tendenz

Die unbezweifelbaren ideologischen Führer von Jemaah Islamiyah sind Bashir und, bis zu seinem Tod im Jahr 1999, Sungkar. Zwar veröffentlichten sie keine formalen politischen Dokumente. Doch die beiden Männer verbrachten Jahrzehnte mit der Ausarbeitung einer reaktionären fundamentalistischen Perspektive, die zur Rechtfertigung gewaltsamer Angriffe auf "Feinde des Islams" diente.

Unvermittelt fallen die Parallelen auf zwischen JI und deren erklärtem Todfeind - der gegenwärtigen US-Administration. Abgesehen von den offensichtlichen terminologischen Unterschieden ähnelt die ignorante und rückschrittliche Weltsicht, derer sich Bashir und Sungkar zur Rechtfertigung ihrer "Verteidigung des Islam" bedienen, auf bemerkenswerte Weise der Sicht von Bush und seinen Gangsterkumpanen im Weißen Haus.

Im Namen der Verteidigung der "Zivilisation" gegen eine "Achse des Bösen" gab Bush eine Doktrin der "Präventivschläge" heraus und brach unrechtmäßige Militärinvasionen in Afghanistan und im Irak vom Zaun - mit Zehntausenden unschuldiger Opfer in der Zivilbevölkerung. In ähnlicher Weise beschwören Bashir und Sungkar einen unversöhnlichen Konflikt zwischen "Gut" und "Böse" - den "Gefolgsleuten Allahs" und den "Gefolgsleuten des Satan" - zur Rechtfertigung des "Jihad" (Heiliger Krieg), der Verteidigung der Muslime der Welt.

Wie alle religiösen Fanatiker schreibt JI alle sozialen Probleme der Unmoral zu. Arbeitslosigkeit, Armut, Inflation, hohe Steuern, Missernten und allgemeines soziales Chaos werden sämtlich zurückgeführt auf lockere Sexualmoral, Alkoholkonsum, Vergnügungssucht, unangemessene Kleidung und die mangelnde Bereitschaft, hart zu arbeiten und fünfmal täglich in Richtung Mekka zu beten. Eine derartige Liste würde, mit den nötigen Änderungen, auch zu einer Versammlung rechter christlicher Fundamentalisten (der sozialen Basis der Bush-Administration) in den USA passen. Ebenso hat JI's Lösung für die Krankheit der Gesellschaft - die Errichtung der islamischen Sharia-Gesetzgebung mit ihren barbarischen Strafen - einiges gemeinsam mit den Forderungen der amerikanischen Rechten nach "Recht und Ordnung", familiären Werten und Anwendung der Todesstrafe.

Der neuseeländische Wissenschaftler Tim Behrend fasste Bashirs Lehren folgendermaßen zusammen: "Mit Ausnahme seiner Ideen über die moralische und zivilisatorische Überlegenheit des Islam und seiner rassisch gefärbten Theorien bezüglich internationaler Politik, hat das Hauptgewicht in seinen Lehren sehr deutlich die Moral... Für Bashir ist die gegenwärtige Welt ganz allgemein viel zu zügellos, fatal geschwächt durch ihr Basieren auf Kaffern-Prinzipen. Darunter zählen die Volkssouveränität, ein unseriöses Finanzsystem, soziale Gleichheit der Geschlechter und die Legalisierung unmoralischen (kulturell inakzeptablen) Handelns mit dem Ziel wirtschaftlichen Erfolgs." (Aus : Reading Past the Myth, The Public Teachings of Abu Bakar Bashir, Februar 2003, S. 7)

Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil nach Indonesien, verfassten Bashir und Sungkar 1999 ein Traktat mit dem Titel: "Die jüngste Krise Indonesiens: Ursachen und Lösungen". Eingebettet in eine rohe antisemitische und rassistische Sprache, und gerichtet gegen "Hölländer-Kaffern, Japaner-Mushriks und Chinesen- sowie Christen-Kaffern", erklärt es das letzte Jahrhundert der Unterdrückung in Indonesien aus dem Fehlen eines islamischen Staates. All die Übel, welche die Finanzkrise in Asien mit sich brachte, seien "eine Form von Kufr (Strafe) für unsere Vernachlässigung der Segnungen Allahs." Es sei kein Arrangement mit dem Stand der Dinge möglich. Für einen Moslem böten sich nur zwei Alternativen: In einem islamistischen Staat unter Herrschaft der Sharia zu leben, oder für die Erreichung dieses Ziels zu sterben.

Derartige Sichtweisen sind nicht einfach schrullig oder exzentrisch - sie sind reaktionär im wahrsten Sinne des Wortes. JI steht dem säkularen Staat und den grundlegenden demokratischen Rechten in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber. Ihr Ideal ist die Rückkehr zu einer weitgehend mystischen Vergangenheit, in der feudale Beziehungen zwischen Herr und Knecht, Priestern und Gläubigen, Mann und Frau dominieren. In diesen herrscht ein fester, vorgeschriebener und unveränderlicher sozialer Code, legitimiert durch die Religion und aufrechterhalten durch brutale, abschreckende Strafen.

Jemaah Islamiyah verteidigt in keiner Weise die Interessen der Arbeiterklasse oder der unterdrückten Massen. Ihr Programm artikuliert die ökonomischen und sozialen Aspirationen eines rückwärts gerichteten Teils der indonesischen Kapitalistenklasse, der den Islam als nützliches Werkzeug betrachtet, um Zugang zu den Privilegien und Profiten zu erlangen, derer er sich beraubt fühlt. Gleichzeitig propagiert die Organisation Gemeinsinn und religiöse Bigotterie, um so die arbeitenden Menschen in Ignoranz und Spaltung zu halten. So soll jeder Veränderung von unten vorgebeugt werden.

Im Indonesien des 21. Jahrhunderts stellt Jemaah Islamiyah den extremsten Ausdruck einer rechten islamistischen Strömung dar, deren Wurzeln bis zurück zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts reichen. Die Idee der Rückkehr zum reinen Islam - der Religion des Propheten Mohammed und seiner Anhänger - kam zuerst im Nahen Osten während des späten neunzehnten Jahrhunderts auf. Später wurde sie, als Antwort der aufstrebenden Bourgeoisie auf die Kolonialherrschaft, nach Indonesien exportiert. Eine Strömung, die als "Moderner Islam" bekannt wurde, versuchte auf eklektische Weise religiöse Erneuerung mit den Fortschritten der modernen Wissenschaft und Technologie zu kombinieren.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war der Moderne Islam zu einer diffusen antikolonialen Bewegung sowohl der Arbeiterklasse als auch bestimmter Schichten der städtischen Mittelklasse geworden. In ländlichen Gebieten konnte sie sich nur wenig ausbreiten, dort hing die Mehrzahl der Menschen einer Sonderform des Islam an, welche Elemente von Hinduismus, Buddhismus und Animismus einschloss. Die fortschrittlicheren Elemente wurden infolge der russischen Revolution von der aufkommenden nationalistischen Bewegung und der Indonesischen Kommunistischen Partei (PKI) angezogen.

Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs war der Moderne Islam auf eine rechte Restgruppe reduziert worden, die ihre soziale Basis unter den konservativsten Elementen des städtischen Kleinbürgertums hatte. Diese Schichten fühlten sich von den niederländischen Kolonialherren unterdrückt und waren verbittert über die privilegierte Position javanischer Aristokraten und chinesischer Unternehmer. Gleichzeitig standen sie der PKI und der Bedrohung durch die wachsende Arbeiterklasse zutiefst feindlich gegenüber.

Nach dem Krieg kam mit "Masyumi" eine Organisation auf, die während der japanischen Besetzung Indonesiens gegründet worden war und zur wichtigsten Partei des Modernen Islam wurde. Sie wandte sich sowohl gegen die PKI, als auch gegen Präsident Sukarno, einen säkularen Nationalisten, der sich der Forderung verschiedener islamistischer Parteien nach Aufnahme der Sharia-Gesetzgebung in die Verfassung des Landes widersetzt hatte. Die Opposition von Masyumi wuchs noch, als sich Sukarno in wachsendem Maße der PKI zuwandte, um die steigende Unzufriedenheit der Massen zu kontrollieren. Gleichzeitig warb er beim stalinistischen Regime in Peking um politische und finanzielle Unterstützung. Nachdem einige Mitglieder Masyumis 1958-59 an einer kurzlebigen, CIA-gestützten Rebellenregierung auf Sumatra teilgenommen hatten, wurde die Organisation verboten.

In den 40er Jahren gründete der politisch engagierte Kleriker und Masyumi-Anhänger S.M. Kartosuwirjo die Darul-Islam-Bewegung als extremste Opposition zu Sukarno. Im August 1949 proklamierte Kartosuwirjo seinen eigenen Indonesischen Islamischen Staat (NII) als Opposition zur neu formierten Indonesischen Republik unter Sukarno. Dies war verbunden mit regionalen Aufständen in Aceh und Süd-Sulewesi. Die Milizen von Darul Islam kämpften einen langwierigen Vertreibungskrieg gegen Jakarta, in dem schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Menschen starben. Erst 1962 wurde die Rebellion endgültig niedergeschlagen, es folgte die Gefangennahme und Exekution Kartosuwirjos.

Alle islamischen Organisationen, eingeschlossen Masyumi und die Überbleibsel von Darul Islam im Untergrund, begrüßten begeistert den von der CIA betriebenen Staatsstreich von 1965-66, der die Suharto-Diktatur an die Macht brachte. Sie beteiligten sich auch an den folgenden Massakern an schätzungsweise einer halben Million PKI-Mitgliedern, Arbeitern und Dorfbewohnern. Veteranen von Darul Islam waren nachweislich ganz direkt in die Morde an Feldarbeitern im Subang-Distrikt von West-Java involviert.

Der niederländische Wissenschaftler Martin van Bruinessen schreibt hierzu: "Es wird weithin angenommen, dass der mächtige Geheimdienstchef Ali Murtopo - der Suhartos Chefberater während des ersten Jahrzehnts von dessen Präsidentschaft wurde und der zurecht als der wahre Architekt der Neuordnung Indonesiens gilt - eine Gruppe von Darul-Islam-Veteranen zusammenstellte. Er gestattete ihnen, ein Netzwerk von Kontakten aufzubauen - als Geheimwaffe, die jeden Moment gegen ‚den Kommunismus' und andere Feinde entfesselt werden konnte." [ Genealogics of Islamic Radicalism in post-Suharto Indonesia, Juli 2002, S.7].

Obwohl Suharto sich die Dienste der islamischen Parteien zunutze machte, um zur Macht zu gelangen, hatte er nicht vor, ihre Forderungen nach der Sharia-Gesetzgebung zu erfüllen oder den von ihnen vertretenen sozialen Schichten nennenswerte politische oder wirtschaftliche Macht zu geben. Wie sein Vorgänger war Suharto das politische Instrument der vorherrschenden Teile der indonesischen Bourgeoisie. Diese unterstützte die Militärjunta als ein Mittel, die radikalisierten Schichten von Arbeitern und Bauern zu zerschlagen, die zu kontrollieren Sukarno sich als unfähig erwiesen hatte.

Suhartos Weigerung, Masyumis Forderungen zu erfüllen, führte zu zwei wichtigen Ergebnissen: Einige Masyumi-Führer und Teile der ihnen angeschlossenen Studentengruppe - der Muslimischen Studentenvereinigung HMI - schlossen sich offen Golkar an, dem politischen Instrument der Junta, was in einer Linie stand mit ihrer Unterstützung von Suhartos Antikommunismus. Doch andere beharrten weiter auf der Etablierung eines islamischen Staates. Sie wandten sich anderen Richtungen zu.

Die bedeutendste Gruppierung unter ihnen bildete den Dewan Dakwah Islamiayah Indonesia (DDII), vorgeblich mehr der religiösen Bekehrung verschrieben als der Politik. DDII orientierte sich nach dem Nahen Osten hin und fand sowohl ideologische, als auch finanzielle Unterstützung in Saudi-Arabien. 1962 hatte das Saudi-Regime als Vehikel für seine eigene Prägung des islamischen Fundamentalismus (des Wahhabismus) den Islamischen Weltbund gegründet, um seinen autokratischen Staat gegen den Einfluss des radikalen bürgerlichen Nationalismus zu schützen. Der DDII wurde zum wichtigsten Partner des Bundes in Indonesien, und der ehemalige Matsyumi-Führer Mohammad Natsir zu einem seiner Vizevorsitzenden.

Sungkar und Bashir

Sungkar und Bashir gehörten zu den extremeren Elementen in Verbindung mit Masyumi bzw. DDII. Sie waren inspiriert von der Rebellion Darul Islams und hatten starke Verbindungen zum Modernen Islam. Beide waren in den dreißiger Jahren auf Java geboren und hatten Schulen des Modernen Islam besucht. Während der 1950er Jahre wurden sie zu Führern der Gerakan Pemuda Islam Insonesia (GPII), einer mit Masyumi verbundenen Studentengruppe. Hier trafen Sungkar und Bashir aufeinander und begannen 1963 ihre Zusammenarbeit.

Aus offensichtlichen Gründen waren die beiden Männer vorsichtig, wenn es darum ging, ihre Verbindungen zur Untergrundbewegung kundzutun. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass sie in Verbindung mit Darul Islam standen und dessen bewaffneten Kampf für einen islamischen Staat unterstützten. In einem Interview mit einer australischen islamischen Studentenzeitung pries Sungkar Kartosuwirjo, führte Jemaah Islamiyah direkt auf Darul Islam zurück und rief auf zum Jihad. Dabei bezeichnete er Quwwatul Musallaha ("militärische Stärke") als zentralen Bestandteil des Kampfes seiner Organisation gegen das Suharto-Regime.

Nach dem Staatsstreich von 1965-66 begannen Sungkar, damals Vorsitzender der zentraljavanesischen Unterorganisation des DDII, und Bashir offen für einen islamischen Staat einzutreten. Die zwei bauten auf Solo 1967 eine Radiostation auf und 1971 eine Islamische Schule, die zwei Jahre später zu ihrem gegenwärtigen Standpunkt im Dorf Ngruki zog. Der Suharto-Junta standen sie mit wachsender Abneigung gegenüber, da sie den weltlichen Staat und seine Ideologie des Pancasila (in etwa: die fünf Säulen Glaube, Recht, Nation, Demokratie und soziale Gerechtigkeit) strikt ablehnten.

Der inländische Sicherheitsapparat schloss 1975 den Radiosender wegen dessen regierungsfeindlicher Propaganda. 1977 wurde Sungkar für sechs Wochen verhaftet - er hatte Menschen davon abhalten wollen, an den nationalen Wahlen teilzunehmen.

Sowohl Sungkar, als auch Bashir wurden im November 1978 erneut verhaftet und angeklagt wegen ihrer Verbindungen zu Haji Ismail Pranoto - einem älteren Führer des Darul Islam in Westjava - und einer bewaffneten Gruppierung, die vor Gericht wechselnd als Kommando Jihad oder Jemaah Islamiyah beschrieben wurde. Die gesamte Affäre machte damals deutlich, bis zu welchem Grade die US-gestützte Suharto-Junta imstande war, rechte islamische Gruppen für ihre eigenen Zwecke zu manipulieren. Worin auch immer ihre Differenzen zu Suharto und den Militärs lagen - die religiösen Extremisten teilten mit diesen eine organische Feindschaft gegenüber der Arbeiterklasse und allem, was entfernt mit Sozialismus oder Marxismus zu tun hatte, sogar in der degenerierten Form der stalinistischen PKI.

In den späten 1970ern begannen Suharto und die Militärs sich ernsthafte Sorgen zu machen, die rechten islamischen Organisationen könnten zu einem Ventil für politische Opposition werden. Nach einem Bericht der Internationalen Krisengruppe ICG erwog Geheimdienstchef Murtopo eine wohlvorbereitete Operation, bei der er sich seine Kontakte zur Darul-Islam-Bewegung zunutze machen wollte. Der Geheimdienst BAKIN trat aktiv für die Gründung einer bewaffneten Miliz - Kommando Jihad - ein, mit der Begründung, es sei notwendig, gegen die Gefahren eines wieder aufflammenden Kommunismus infolge der amerikanischen Niederlage in Vietnam 1975 anzugehen. Die wahre Absicht aber bestand darin, die islamischen Extremisten zu identifizieren und gefangen zu nehmen und die islamischen Parteien und Organisationen zu diskreditieren.

Mitte 1979 verhaftete der Sicherheitsapparat um die 185 Menschen, darunter auch angebliche Führer von Kommando Jihad - Pranoto und Haji Danu Mohamad Hasan. Letzterer plauderte vor Gericht aus, dass er vom Geheimdienst rekrutiert worden sei. Er behauptete, die Armee hätte ihn angewiesen, die ehemaligen Darul-Islam-Mitglieder zusammen zu trommeln, um gegen die kommunistische Bedrohung zu kämpfen. Sungkar und Bashir, die im folgenden Jahr inhaftiert wurden, scheinen unter denen gewesen zu sein, die Murtopos Operation ins Netz gegangen waren. Sungkar gab vor Gericht zu, Pranoto getroffen zu haben, leugnete jedoch, irgendeinen Schwur auf Darul Islam geleistet zu haben. Pranoto wurde niemals vor Gericht gestellt und die Anklage beruhte fast ausschließlich auf regierungsfeindlichen Stellungnahmen von Sungkar und Bashir.

Die genauen Umstände ihrer Aktivitäten zu dieser Zeit blieben im Dunkeln, ebenso die Organisation, der sie angehörten. Die ICG erklärt: "Ende 1979 war es immer noch unklar, ob Jemaah Islamiyah ein Konstrukt der Regierung, ein Wiedererwachen von Darul Islam, eine formlose Verbindung gleichgesinnter Muslime oder eine straffe Organisation unter Führung von Bashir und Sungkar war. In gewisser Weise scheint all dies zu zutreffen, und der Name scheint für verschiedene Leute Verschiedenes bedeutet zu haben." [ Al Quaeda in South East Asia: The Ngruki-Network in Indonesia, August 2002, S.8]

Bashir und Sungkar wurden für schuldig befunden und zu neun Jahren Haft verurteilt. Doch schon 1982 wurden sie wieder entlassen, nachdem die Berufung eine Strafminderung erbracht hatte. 1985 widerrief Indonesiens Oberster Gerichtshof das Urteil des Berufungsgerichtes und verfügte wieder die ursprüngliche Strafe. Die zwei Männer flohen ins malaysische Exil, wo sie bis 1999 blieben.

Der Jihad der CIA gegen die Sowjetunion

Sungkar und Bashir hätten einfach zwei weitere alternde indonesische Exilanten bleiben können, die gegen Suharto schimpfen und intrigieren - wären da nicht die Aktivitäten der Reagan-Administration in Washington gewesen. Die CIA war gerade dabei, ihre größte "verdeckte" Operation aller Zeiten voranzutreiben - einen "heiligen Krieg" gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans, für den sie eine internationale Brigade islamischer Extremisten zusammenstellte.

Washingtons Ziel, die Sowjetunion in einen ungewinnbaren Guerillakrieg zu verwickeln, deckte sich mit den Interessen zahlreicher reaktionärer politischer Kräfte. Der pakistanische Diktator Zia ul Haq bot bereitwillig sein Land als Basis an, um US-Unterstützung zu gewinnen und sein religiöses Ansehen aufzubessern. Das Saudi-Regime stockte Washingtons Milliarden um eigene Zahlungen auf und wirkte so der Herausforderung durch den Iran (im Gefolge der Iranischen Revolution von 1979) entgegen, wie auch der Schwächung seines politischen Standes zu Hause. Alle Spielarten von Extremistengruppen strömten dem afghanischen Jihad zu. Sie sahen in ihm einen Weg, Geld, Waffen, eine Ausbildung und höheres Ansehen zu erlangen.

Von ihrer Basis in Malaysia aus packten Bashir und Sungkar die Gelegenheit beim Schopf. Ihre Gruppe war mit Sicherheit nicht die einzige, die Rekruten für den "Heiligen Krieg" zur Verfügung stellte. Doch diese beiden hatten anscheinend einen Vorteil, wo es um Geld und Unterstützung aus Saudi-Arabien ging. Ihre Verbindungen zur DDII - und damit zum Islamischen Weltbund - schienen sich bezahlt zu machen. Der Holländer Van Bruinessen schreibt: "Nach Quellen, die der Usrah-Bewegung [die mit Bashir und Sungkar identifiziert wird] nahestehen, besuchte 1984 oder 1985 ein saudischer Rekrutierungsoffizier Indonesien und befand Sungkars Gruppe zusammen mit einer anderen, dem Darul Islam verbundenen, als die einzigen starken und disziplinierten islamischen Gemeinschaften (jama'ahs), die fähig zum Jihad seien." [ The violent fringes of Indonesias radical Islam, Dezember 2002, S.5]

Ein neuerer Bericht der ICG mit dem Titel Jemaah Islamiyah in Südost-Asien: Angeschlagen, aber noch gefährlich schätzt, dass über 200 Männer mit Verbindungen zum JI-Netzwerk nach Afghanistan geschickt wurden. In den meisten Fällen kam der Islamische Weltbund für ihre Kosten auf. Sie alle wurden dann in Militärlagern ausgebildet, die von der Mujaheddin-Fraktion unter Abdul Rasul Sayyaf geleitet wurden. Sayyaf, ein Fürsprecher des strikt wahhabistischen Islam, hatte extrem enge Verbindungen nach Saudi-Arabien und dessen logistischen Operationen in Pakistan und Afghanistan, die unter anderem von Osama Bin Laden geleitet wurden.

Suhartos Schlag gegen islamische Organisationen 1980 half, Sungkar und Bashir mit einem stetigen Zustrom von Rekruten zu versorgen. Den Aufbau einer eigenen militärischen Organisation im Hinterkopf, wählte Sungkar bewusst die Gebildeteren unter ihnen aus. Wer das volle Programm der Lager Sayyafs absolvierte, erhielt drei Jahre rigoroser militärischer und ideologischer Ausbildung. Die Indonesier befanden sich in Gruppen zusammen mit Thailändern, Malaisen und Filipinos, was ihnen wichtige Kontakte mit anderen islamischen Extremistengruppen in der Region verschaffte - besonders der philippinischen Separatistenmiliz, der Moro Islamic Liberation Front (MILF) und den Überresten von Abu Sayyafs Gruppe.

Medienberichte, die Jemaah Islamiyah als Produkt irgendeiner unerklärlichen machiavellistischen Verschwörung hinstellen, sind schlicht absurd. Ohne die schmutzigen Operationen der CIA in Afghanistan wären weder JI, noch Al Quaida jemals aufgetreten. Der antisowjetische Krieg brachte Geld und Ausbildung, ebenso wie er das lose internationale Netzwerk von Kontakten knüpfte, das die künftige Vorgehensweise dieser Organisationen charakterisieren sollte. Er versorgte auch die Teilnehmenden mit machtvollem neuen Ansehen. Nach ihrer Rückkehr nach Südost-Asien wurden Washingtons "Freiheitskämpfer" in islamischen Kreisen als Helden behandelt. In Indonesien gründeten sie sogar ihre eigene Veteranenorganisation - die Gruppe 272, wobei die Nummer die Anzahl der alten Kämpfer bezeichnete.

Wie die ICG erklärt: "Alle Anführer von JI und viele derer, die in die Anschläge von Bali involviert waren, waren während der Dauer eines Jahrzehnts in Afghanistan zugange, von 1985-95. Der Jihad in Afghanistan hatte einen enormen Einfluss auf die Prägung ihres Weltbildes, bestärkte ihre Ergebenheit zum Jihad und stattete sie mit tödlichen Fertigkeiten aus... Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Aussendung von Rekruten nach Afghanistan schon etwa sieben Jahre vor der formalen Gründung von JI begann. In vielerlei Hinsicht institutionalisierte das Aufkommen einer formalen Organisation um 1992 lediglich ein Netzwerk, das schon zuvor bestanden hatte." [ Jemaah Islamiyah in South East Asia: Damaged but still dangerous, August 2003, S.2]

Wie wichtige Verbündete der USA in den achtziger Jahre zu den antiamerikanischen Terroristen der Neunziger wurden, ist vor allem eine politische Frage. Genau wie in den 60er Jahren, als CIA und indonesisches Militär islamische Gruppen für die Massenmorde an Arbeitern und Kommunisten benutzten, war die Operation in Afghanistan eine Vernunftehe. Sie zerbrach, als 1991 die Sowjetunion zusammenbrach, gefolgt von ihrem Marionettenregime in Kabul 1992. Die Beteiligten am anti-sowjetischen Jihad verkörperten abtrünnige Teile der Bourgeoisie mehrerer Länder, deren Klasseninteressen zufällig mit denen Washingtons während des Afghanistan-Krieges zusammen fielen. Als der Krieg vorüber war, begannen ihre Interessen auseinander zu gehen.

Wie der WSWS -Artikel "Was ist Bin-Ladenismus?" erklärt: Al Quaida "ist keine politische Bewegung fehlgeleiteter Freiheitskämpfer, die in irgendeiner Weise die Bemühungen unterdrückter, aber politisch verwirrter Massen ausdrückt. Sowohl in seinen politischen Ansichten, als auch bei seinen Aktivitäten repräsentiert Bin Laden eine regimekritische und entfremdete Schicht der nationalen Bourgeoisie Saudi-Arabiens und des gesamten Mittleren Ostens. Diese privilegierte Schicht fühlt sich bei ihren Deals mit dem Imperialismus unfair behandelt und ist wütend über die Beschränkung, die ihren eigenen Ambitionen auferlegt ist."

Der Umschwung in Bin Ladens Einstellung zu Washington begann während des US-geführten Golfkrieges von 1990-91. Er hatte nichts gegen den mörderischen Angriff aus das irakische Volk oder das Baathistische Regime einzuwenden, das er wegen seines säkularen Charakters ablehnte. Was Bin Laden aufbrachte, war die Stationierung "gottloser" amerikanischer Truppen im Lande der heiligen Stätten von Mekka und Medina. Er drückte die Gefühle von Schichten der herrschenden Elite in Saudi-Arabien und dem Nahen Osten aus, die fanden, das Saudi-Regime ordne seine Interessen allzu direkt denen Washingtons unter.

Wann genau, und ob tatsächlich ein finaler und vollständiger Bruch zwischen Washington und den ehemaligen islamistischen Alliierten stattgefunden hat, kam niemals ans Licht. 1993-94 unterstützten die USA stillschweigend die Etablierung der Taliban-Milizen in Afghanistan durch Pakistan und Saudi-Arabien. Diese dienten ihnen als Mittel, im Land Ordnung zu schaffen und den Weg frei zu machen für den Bau lukrativer Öl- und Gaspipelines in das ehemals sowjetische Zentralasien. Die USA verfolgten auch eine in hohem Maße ambivalente Politik gegenüber den Aktivitäten von Afghanistan-Veteranen in Tschetschenien und Westchina - niemals schien ganz sicher, ob man sie als Freiheitskämpfer begrüßen oder als Terroristen denunzieren sollte. Doch entweder direkt, oder indirekt durch die Geheimdienste Pakistans und Saudi-Arabiens, hielt die CIA zweifellos weiterhin Kontakte zu ihren afghanischen "Verbündeten" aufrecht - auch lange nach Ende des Afghanistan-Krieges.

In Südostasien ließ das aus dem Afghanistan-Krieg hervorgegangene Netzwerk die islamistischen Extremistengruppen näher zusammenrücken. Dieser Prozess scheint durch die Anwesenheit von Al-Quaida-Mitgliedern auf den Philippinen erleichtert worden zu sein. Irgendwann 1993 dann gründeten Sungkar und Bashir Jemaah Islamiyah. Durch ihr langes Exil hatten sie bereits Kontakte in Singapur und Malaysia geknüpft. Mitglieder von JI hatten beispielsweise starke Verbindungen mit der MILF (Moro Islamic Liberation Front) auf den Philippinen, deren Basen sie anstatt der zunehmend schwierigen Alternative Afghanistans zu militärischen Übungszwecken benutzten.

Innerhalb Indonesiens ging Suharto bewusst daran, sich um Unterstützung verschiedener islamischer Gruppierungen zu bemühen, um so sein immer brüchigeres Regime zu stützen. Während der frühen neunziger Jahre unternahm er eine demonstrative Pilgerfahrt nach Mekka und rief die Indonesische Vereinigung Islamischer Intellektueller (ICMI) unter Führung seines treuen Gefolgsmannes B.J. Habibie ins Leben. Der ICMI wurde erlaubt, ihre eigene Tageszeitung Republika zu veröffentlichen. Weitere Zugeständnisse waren die anteilsweise Aufnahme von Muslimen in die staatliche und militärische Bürokratie, der Aufbau einer islamischen Bank und Gesetze zur Stärkung der Rolle islamischer Gerichte.

Suhartos taktische Manöver trugen bald Früchte. Hardliner aus der Führung des DDII stärkten ihm den Rücken, indem sie die Formation KISMI gründeten, das Indonesische Komitee für Solidarität mit dem Weltislam. KISMI stand in enger Verbindung zu Suharto - besonders über dessen Schwiegersohn, General Prabowo Subianto - und wurde zu einer Plattform des Engagements für "Angelegenheiten des Islam" - wie z.B. die Unterdrückung von Muslimen in Bosnien, Kaschmir, Tschetschenien und Algerien. Während Sungkar und Bashir als Gegner von Suhartos Politik noch immer im Exil waren, war das neue Klima mit Sicherheit sehr förderlich für die Politik von JI.

Der entscheidende Wendepunkt in der Entwicklung von Jemaah Islamiyah kam 1997-98 mit der Finanzkrise in Asien - einem ökonomischen Kahlschlag, der soziale und politische Spannungen überall in der Region auf die Spitze trieb. In Indonesien brach der Wert der Rupie zusammen, Unternehmen gingen bankrott und das schuldenbeladene Finanzsystem wurde an den Rand des Kollapses gebracht. Armut und Arbeitslosigkeit gingen steil nach oben. USA und IWF verstärkten das ökonomische Chaos durch ihr Bestehen auf tiefgreifende Umstrukturierungsmaßnahmen Suhartos.

Suhartos Position wurde bald unhaltbar. Unwillig, den Forderungen des IWF nachzukommen, die sein politisches und wirtschaftliches Monopol bedroht hätten, verlor Indonesiens Präsident die bedingungslose Unterstützung Washingtons. Zur gleichen Zeit sah er sich konfrontiert mit wachsenden Protesten, die, angeführt von Studenten, ein Ende seiner 32-jährigen Diktatur und Maßnahmen zur Sicherung des fallenden Lebensstandards forderten. Im März 1998 endlich wurde Suharto zum Rücktritt gezwungen und übergab die Macht an Vizepräsident Habibie.

Bezeichnenderweise spielten Sungkar und Bashir keine Rolle beim Sturz Suhartos. Innerhalb Indonesiens stärkten KISMI und andere rechte islamische Gruppen Suharto bis zum bitteren Ende den Rücken. Nach der Absetzung Suhartos gehörte ihre Unterstützung Habibie. Als sich Habibie im November 1998 einer außerordentlichen Parlamentssitzung zur Konsolidierung seines Griffs nach der Macht bedienen wollte und einer neuerlichen Krise gegenüberstand, half KISMI ihm bei seiner Verteidigung. Es versorgte ihn mit dem größten Teil der 100.000 "Freiwilligen" - mit Stöcken und Messern bewaffneten Schläger - die zusammen mit Armee-Einheiten gegen die gewaltigen Proteste vorgingen, die Habibies Rücktritt und echte demokratische Wahlen forderten.

Doch die kritischste Rolle bei der Stützung von Habibies Regime spielten die bürgerlichen "Reformer" - Megawati Sukarnoputri, Abdurrahman Wahid und Amien Rais. Auf dem Höhepunkt der Demonstrationen stimmten sie den begrenzten Maßnahmen Habibies zu und gaben so im Endeffekt grünes Licht zur gewaltsamen Unterdrückung der Demonstrationen.

Als die Proteste nachließen, schürte das Militär gezielt regionale Konflikte, um seine Autorität wiederherzustellen. 1999 waren die Spitzen der Nationalen Streitkräfte Indonesiens (TNI) unmittelbar in die Terrorwelle involviert, die jakartatreue Milizen gegen Unabhängigkeitsbefürworter auf Ost-Timor entfesselten. Die Armee steckte auch tief in der Vorbereitung konfessionellen Unruhen auf den Molukken und in Sulawesi im Jahr 2000.

Durch das Fehlen einer fortschrittlichen Alternative, die auf die Vereinigung aller Teile der indonesischen Arbeiterklasse und der unterdrückten Massen zum Kampf für echte soziale Gleichheit hingearbeitet hätte, waren Jemaah Islamiyah und andere islamistische Extremistengruppen in der Lage, ihren Nutzen aus den regionalen Spannungen zu ziehen. Teile der Mittelklasse und kleine Geschäftsleute, die durch die Finanzkrise plötzlich vor dem Bankrott standen, waren bereit, der Propaganda zu glauben, welche die Schuld für ihr Dilemma dem korrumpierenden Einfluss von Christen und Chinesen zuschob. Junge Menschen mit technischer oder akademischer Ausbildung und rosigen Zukunftsaussichten sahen, wie ihre Karrieren vor ihren Augen zusammenbrachen. Schnell waren sie ernüchtert von der hohlen Rhetorik der "Reformer" und vom Zustand der Gesellschaft als Ganzer entfremdet. Aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wandten sich einige islamistischen Gruppen und Milizen wie Jemaah Islamiyah zu.

Darüber hinaus fand die antiamerikanische Propaganda von JI ein breiteres Publikum. Viele Indonesier waren wütend über Washingtons IWF-Agenda mit ihren verheerenden sozialen Konsequenzen. Während der folgenden fünf Jahre wurde diese Feindseligkeit weiter verschärft durch die Invasion auf Ost-Timor unter Führung Australiens, die amerikanische Besetzung Afghanistans und des Irak, sowie die fortdauernde Unterstützung der USA für Israels Repressionen gegen die Palästinenser. All dies wurde von JI als "Beweis" für eine antiislamische Verschwörung angeführt.

Terroranschläge

1999 kehrten Bashir, Sungkar und andere Mitglieder von JI nach Indonesien zurück und begannen, ihr kleines Netzwerk islamischer Schulen auszuweiten. Nach Sungkars Tod wurde Bashir zum ideologischen Führer. Er baute den Mujaheddin-Rat Indonesiens (MMI) auf, dem auch andere Individuen und Gruppen angehörten, die auf die Errichtung eines islamischen Staates aus waren. Im August 2000 hielt der MMI seinen ersten Kongress in Yogyakarta ab. An ihm nahmen etwa 1500 Menschen teil, darunter Personen wie der Vorsitzende der Gerechtigkeitspartei, Hidayat Nur Muhammad. Bashir, der zum obersten Führer gewählt wurde, prahlte damit, dass man Verbindungen mit bedeutenden Moslemorganisationen habe.

Das Hauptaugenmerk richtete der Kongress auf moralische Vorschriften, wie das Verbot von Alkohol und Einschränkungen für Frauen. Doch der MMI rekrutierte auch seine eigenen Milizen und sandte sie mit stillschweigender Billigung des offiziellen Militärs zu den regionalen Kampfhandlungen auf den Molukken, bei denen schätzungsweise 5000 Menschen starben. Der Molukkenkonflikt wiederum versorgte JI mit neuen Mitgliedern, die sowohl über militärische Übung und Erfahrung verfügten, als auch ideologisch überzeugt waren.

Terroristische Bombenanschläge in Indonesien begannen 1999-2000, und JI wurde mit zweien davon direkt in Verbindung gebracht. Am Weihnachtsabend 2000 fand im ganzen Land eine koordinierte Serie von Bombenanschlägen statt. Mehr als 30 Bomben explodierten gleichzeitig in christlichen Kirchen oder Häusern von Geistlichen in elf Städten und sechs Provinzen. Neunzehn Menschen starben, um die 120 wurden verletzt. Zwei Jahre fand das Massaker von Bali statt.

Einige der Ausführenden waren Afghanistan-Veteranen, die über Sungkars und Bashirs Netzwerk rekrutiert worden waren. Der ICG-Bericht Jemaah Islamiyah in Südostasien: Angeschlagen, aber noch gefährlich nennt eine lange Liste mit den Namen von Ausgebildeten, sowie ihre Ausbildungsdaten in Sayyafs Lagern in Afghanistan. Auf der Liste finden sich Schlüsselfiguren der Anschläge auf Kirchen im Jahr 2000 und des Anschlags von Bali. Beispielsweise dienten drei der vier bislang wegen des Bali-Anschlages Verurteilten in Afghanistan: Muchlas alias Ali Gufron [1986], Ali Imron [1990] und Abdul Aziz alias Imam Samudra [1991].

Doch die ganze Wahrheit über die Anschläge muss erst noch aufgedeckt werden. Die brennendsten Fragen - wie die nach der Rolle des indonesischen Militärs - bleiben unbeantwortet. Es ist einfach nicht plausibel, dass der riesige indonesische Sicherheits- und Geheimdienstapparat nichts von der ungeheuren logistischen Operation im Zusammenhang mit den Anschlägen von Bali mitbekommen hatte. Bislang fanden keine Ermittlungen darüber statt, welche Informationen genau die Militärs im Vorfeld des Anschlages hatten. Alle Indizien, die Verdacht auf die Nationalen Streitkräfte lenken könnten - darunter die Festnahme eines Offiziers - wurden schnellstens wieder fallengelassen.

Die TNI verfügen über eine lange und verkommene Geschichte des politischen Rowdytums. Sie verfügen auch über jahrzehntelange Erfahrungen in der Manipulation von Milizengruppen und Banden, darunter auch islamischer Extremisten. Anfang 2003 erst wurden sechs Spezialsoldaten, darunter ein Offizier, wegen der Ermordung eines bekannten Anführers auf Papua verurteilt. Des weiteren haben Teile des Militärs mehrere Motive, einen spektakulären Terroranschlag durchzuführen, oder die Durchführung eines solchen zu gestatten. Dazu zählt auch, eine Rechtfertigung für eine größere militärische Zusammenarbeit mit den USA zu schaffen, die der US-Kongress gegenwärtig auf Eis gelegt hat.

Bashirs Verbindung zu den Anschlägen von Bali bleibt unklar. Berichte der ICG liefern Hinweise darauf, dass es innerhalb von Jemaah Islamiyah Meinungsverschiedenheiten zwischen Bashir, der anscheinend mittels des MMI Einfluss auf die etablierten Parteien zu gewinnen versucht, und den jüngeren Afghanistan-Veteranen gibt, die darauf brennen, ihre militärischen Fähigkeiten einzusetzen. Es ist bezeichnend, dass Bashir zwar wegen der Weihnachtsanschläge von 2000 angeklagt - und freigesprochen - wurde, nicht aber wegen der Bali-Anschläge.

Ob er persönlich die Anschläge geplant bzw. gestattet hat oder nicht - Bashir trägt in jedem Fall Verantwortung für die politische Perspektive, die zum sinnlosen Tod von 202 Unschuldigen geführt hat. Eine Organisation, deren Mitglieder eine solche Tragödie als "Sieg" begrüßen, hat nichts mit den Interessen der Arbeiterklasse zu tun. Jemaah Islamiyahs Vision von einer Gesellschaft, die von Klerikern auf der Grundlage eines mittelalterlichen Moralcodes geführt wird, steht in unversöhnlichem Gegensatz zu den demokratischen Rechten und Bedürfnissen der Massen von einfachen, arbeitenden Menschen.

Das Aufkommen von Jemaah Islamiyah und seine Fähigkeit, bei beträchtlichen Teilen der indonesischen Bevölkerung eine gewisse Resonanz zu finden, ist der bösartigste Ausdruck der Unfähigkeit der gesamten indonesischen Elite, eine Lösung für die tiefe politische, soziale und ökonomische Krise zu bieten, mit der die große Mehrheit der Bevölkerung konfrontiert ist. Doch die Übernahme des Ruders durch einen anderen Teil der Bourgeoisie, der sich der Mittelalterlichkeit und dem islamischen Fundamentalismus verschrieben hat, ist erst recht keine Lösung. Eine solche kann nur in der sozialistischen Neuorganisation der Gesellschaft bestehen - auf der Basis echter sozialer Gleichheit, Gerechtigkeit und Demokratie für alle, und nicht nur wenige Privilegierte. Dies erfordert den Aufbau einer neuen politischen Bewegung der Arbeiterklasse, die darum kämpft, alle Schichten von Arbeitern und unterdrückten Massen - in Indonesien, ganz Asien und weltweit - in einem gemeinsamen Kampf gegen die herrschende wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung zu vereinen.