Von den Medien unbeachtet: Massengräber in Guatemala

Von Bill Vann
5. Juli 2003

Letzten Monat begrub die Bevölkerung von Xiquin Sanahi, einem kleinen Dorf auf den Hochebenen von Guatemala, zum zweiten Mal die Gebeine von 75 Familienangehörigen und Nachbarn, die vor zwanzig Jahren von der guatemaltekischen Armee massakriert worden waren. Die sterblichen Überreste waren vor einem Jahr von einem Team gerichtsmedizinischer Anthropologen ausgegraben worden.

Ein anrührender Bericht über die Bestattungszeremonie aus der Feder von T. Christian Miller von der Los Angeles Times ("Dignity Rcovered at last", vom 26. Juni 2003) war wegen seiner Seltenheit besonders bemerkenswert. Die Massenmedien hatten die schaurigen Funde praktisch ignoriert, die von den zahlreichen Grausamkeiten zeugen, die während der systematischen Operationen zur Aufstandsbekämpfung verübt und von den USA unterstützt worden waren.

Das fast vollständige Stillschweigen der Bergung menschlicher Überreste in Guatemala ist besonders vielsagend, wenn man es mit den umfangreichen Berichten über die Ausgrabungen ähnlicher Massengräber im Irak vergleicht, die von amerikanischen und britischen Regierungsvertretern und ihren Lakaien in den Medien als nachträgliche Rechtfertigung für den illegalen Aggressionskrieg weit verbreitet werden.

Miller schreibt: "Von den 44 Leichen, deren Geschlecht und Alter bestimmt werden konnte, waren nur sieben erwachsene Männer. Die übrigen waren Frauen und Kinder. Ihr geschätztes Alter reichte von fünf Monaten bis zu 87 Jahren." Die meisten waren erschossen, einige zu Tode geprügelt und mindestens drei enthauptet worden.

Der Reporter beschreibt, wie infolge eines bürokratischen Irrtums die Überreste eines Menschen, des 15-jährigen Cousins von Juliana Diaz, zu spät zur Zeremonie gebracht wurden. Dort wurden sie aus dem Leichensack herausgeholt und in eine schlichte Pinienkiste gelegt.

"Als die Arbeiter gerade den Deckel schließen wollten, hielt Diaz sie auf und zog ein weißes Taschentuch aus ihrer Tasche", schreibt Miller. "Sie legte es über die Knochen, darauf schloss sie den Deckel. Später erklärte sie, sie wollte nicht, dass ihr Cousin friere. ‚Ich wünschte mir, er wäre ein wenig angezogen', sagte sie."

Diese Ausgrabungen und Wiederbestattungen finden überall in Guatemala statt. Auf etwa 250 geheimen Friedhöfen wurden die Leichen bereits exhumiert, doch die daran beteiligten Arbeiter erklären, es gebe noch Tausende weiterer solcher Stätten im ganzen Land, genug um weitere zehn Jahre lang zu graben.

Die Leichenbergungsarbeit hat das Ausmaß des Blutvergießens bestätigt, auf das Menschenrechtsanwälte in Guatemala schon seit langem hingewiesen haben und das von der einheimischen wie der amerikanischen Regierung vehement bestritten worden ist. Heute wird allgemein anerkannt, dass über 200.000 Menschen, die meisten von ihnen Angehörige der indianischen Minderheit der Mayas, von mehreren Militärregimes und auf das Militär gestützten Regierungen der herrschenden guatemaltekischen Oligarchie abgeschlachtet wurden.

Die überwiegende Mehrheit der Opfer wurde nur deshalb getötet, weil sie arm und unterdrückt waren und deshalb der Sympathie mit einer Guerillabewegung verdächtigt wurden, die sich für eine gerechterer Verteilung des Reichtums des Landes einsetzte.

Die US-Unterstützung für dieses Blutbad geht auf das Jahr 1954 zurück, als der US-Geheimdienst CIA einen Militärputsch zum Sturz des Präsidenten Jacobo Arbenz organisierte. Die gewählte Arbenz-Regierung war in Washington in Ungnade gefallen, weil sie eine begrenzte Agrarreform durchführte, die die ausgedehnten Besitztümer der politisch einflussreichen United Fruit Company zu beschneiden drohte. Die Massaker erreichten in den frühen achtziger Jahren ihren Höhepunkt, als die guatemaltekische Rechte die engsten Beziehungen zur republikanischen Regierung von Ronald Reagan schmiedete.

In jenen Jahren entfesselte das Militär von Guatemala eine sadistische Kampagne der "verbrannten Erde", die sich weitgehend auf die Lehren stützte, die seine amerikanischen Berater aus dem Vietnamkrieg gezogen hatten. Die Armee ging nach der mörderischen Doktrin vor, der zufolge der einzige Weg zur Bekämpfung des Guerillawiderstands darin besteht, "das Meer trocken zu legen", in dem die Guerilla schwimmt; sie verfolgte das Ziel, die Bevölkerung auszubluten und zu brechen. Zusätzlich zu den Hunderttausenden ermordeten Menschen wurden über eine Million aus ihrer Heimat umgesiedelt und viele Tausende weitere wurden gefoltert und vergewaltigt.

Dabei geht es nicht um ein dunkles, aber abgeschlossenes Kapitel in der Geschichte Mittelamerikas. Die CIA und andere amerikanische Geheimdienste weigern sich bis heute, Dokumente freizugeben, die über die Identität der Verantwortlichen für diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die genauen Standorte geheimer Gefängnisse und Massengräber Auskunft geben können.

Bei den für November angesetzten Wahlen in Guatemala ist General Efrain Rios Montt der Kandidat der herrschenden Partei; er war Führer eines Militärputschs, der 1982 die brutalste einer langen Reihe mörderischer Regierungen an die Macht brachte. Seine 18-Monate währende Junta führte das größte Blutbad in der Geschichte des Landes durch. Die Verfassung von Guatemala schließt zwar Putschführer von der Präsidentschaftskandidatur aus, aber die amtierende guatemaltekische Republikanische Front hat eigene Leute zu Richtern am Obersten Gericht des Landes ernannt und ist deshalb zuversichtlich, die zu erwartende gerichtliche Anfechtungen niederschlagen zu können.

In der Vorbereitung auf die Wahlen wurden mehrere Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Maya-Priester, die an den Ausgrabungen beteiligt waren, angegriffen und getötet. Gerichtsmedizinische Anthropologen, die an den Gräbern arbeiteten, erhielten vermehrt Todesdrohungen, vermutlich von jenen, die selbst in die Massentötungen verwickelt waren.

Man muss sich an Guatemala erinnern, wenn die Bush-Regierung den Vorwurf, sie habe die Bevölkerung über angebliche "Massenvernichtungswaffen" im Irak belogen und damit einen illegalen Krieg begründet, mit dem Hinweis auf die Entdeckung von Massengräbern im Irak beantwortet.

So hat die nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice vor kurzem die Öffentlichkeit ermahnt, "die Massengräber nicht aus dem Blick zu verlieren, die dort gefunden wurden und die Zeugnis über den Charakter des Regimes ablegen".

Ein weiterer Verteidiger von Bushs Krieg, der republikanische Senator John McCain, erklärte gegenüber ABC News: "Am Tag als ich die geöffneten Massengräber sah, war dies ein klares Zeugnis der Brutalität und Repression dieses Regimes. An diesem Tag wurde, so glaube ich, unsere Befreiung des Irak vollkommen gerechtfertigt."

Dieses Argument wurde im April vom verachtungswürdigen Kolumnisten Thomas Friedman in der New York Times in einer Kolumne mit dem Titel "Die Bedeutung eines Schädels" besonders plump vorgebracht. Die Kolumne bezog sich auf einen Schädel, der aus einem geöffneten Massengrab im Irak stammt und auf der Titelseite der Times abgebildet war.

"Was mich betrifft, müssen wir keine Massenvernichtungswaffen finden, um den Krieg zu rechtfertigen", schrieb Friedman. "Dieser Schädel und die Tausende, die noch ausgegraben werden, sind für mich genug. Herr Bush schuldet der Welt keinerlei Erklärung für fehlende chemische Waffen.... Wenn kümmert es, ob wir nun ein paar vergrabene Fässer mit Gift finden? Haben sie wirklich mehr moralisches Gewicht als jene vergrabenen Schädel? Auf keinen Fall."

Das Argument ist so heuchlerisch wie betrügerisch. Die Behauptungen der Bush-Regierung und ihrer Verteidiger, dass die irakischen Gräber die amerikanische Militärbesatzung rechtfertigten, werden ganz offensichtlich vom irakischen Volk nicht geteilt. Im überwiegend schiitischen Süden, wo viele Massengräber geöffnet wurden, muss man davon ausgehen, dass die entdeckten Gebeine nicht nur die Opfer von Saddam Husseins Regime, sondern auch Opfer amerikanischer Politik sind.

Zum Ende des ersten Kriegs am Persischen Golf von 1991 rief George Bush Senior das irakische Volk auf, gegen Saddam Hussein aufzustehen. Als die schiitische Bevölkerung, unterstützt von den Kurden im Norden, genau das tat, geriet die Bush-Regierung in Panik. Sie hatte auf einen Putsch von Husseins Militär spekuliert, der jedoch nicht stattfand.

Aus Angst vor einer Revolution, die auf die ganze schiitische Bevölkerung in der Golfregion hätte übergreifen können, ließ Washington das Regime in Bagdad verstehen, dass eine Unterdrückung der Revolte von Amerika stillschweigend toleriert würde. Das Wall Street Journal - eine Zeitung, die mit beiden Bush-Regierungen sympathisiert - berichtete damals: "Es musste eine Entscheidung fallen, um Saddam zu erlauben, die Rebellion zu unterdrücken... je schneller desto besser. Nachdem die Regierung einmal zum Schluss gekommen war, dass sie einen Sieg der Revolte im Irak nicht wünschte, blieb sie auch dabei, als das Blutbad weiterging..."

Außerdem war die Baath-Regierung selbst durch einen CIA-gestützten Putsch an die Macht gelangt. Währen des größten Teils seiner Karriere besaß das Regime von Saddam Hussein das Vertrauen Washingtons, das nicht nur seinen katastrophalen Krieg gegen den Iran, sondern auch die fortgesetzte Unterdrückung der schiitischen Minderheit im Süden und der kurdischen im Norden unterstützte.

Worin besteht also die "Bedeutung eines Schädels", der im Irak ausgegraben wird? Wie die Iraker wissen, verhält es sich damit wesentlich komplizierter, als die eigennützige Propaganda von Rice, McCain und Friedman glauben machen möchte.

Und wie steht es um die "Bedeutung" oder das "moralische Gewicht" eines Schädels, der aus der Erde Guatemalas gebuddelt wird? Was sagt er uns über die Behauptung, die US-Außenpolitik bezwecke die Befreiung von Unterdrückung und den Sturz von Tyrannen auf der ganzen Welt?

Die Antworten können aus dem schuldbewussten Schweigen der Medien über die guatemaltekischen Massengräber abgelesen werden. Der schreckliche Tribut an den Tod in jenem Land ist letztlich das Produkt der Entschlossenheit von US-Banken, Konzernen und Regierungen, jede Herausforderung ihrer ungehinderten Machtausübung in einer Region auszurotten, die Washington seit langem als seinen "Hinterhof" betrachtet. Es ist im wesentlichen der gleiche Impuls - heute auf den Golf von Persien und die ganze Welt ausgedehnt - der zu der amerikanischen Besetzung des Irak geführt hat.

Der zutiefst reaktionäre Versuch, den Irak wieder zu einer Kolonie zu machen, um die US-Hegemonie über strategisch wichtige Ölressourcen zu sichern, muss zu den gleichen barbarischen Methoden der Repression führen, wie sie in Guatemala zur Anwendung kamen. Wenn dieses verbrecherische Vorhaben nicht beendet wird, wird es noch viele weitere Massengräber - sowohl im Irak als auch in Amerika - füllen.

Siehe auch:
Bush verordnet Lateinamerika Armut Unterdrückung und Militarismus
(3. April 2002)
Spanisches Gericht ermittelt gegen Militärdiktatoren Guatemalas
( 18. April 2000)