51ste Berlinale: Teil 4

Sich in die gesellschaftliche Debatte einmischen

Spiegelgrund von Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber

Von Bernd Reinhardt
9. März 2001

Auf der Berlinale letzten Jahres stellte der junge österreichische Regisseur Goran Rebic seinen mutigen Dokumentarfilm "The punishment" vor. Zu einem Zeitpunkt, als die öffentlichen Medien in Europa darum bemüht waren die Serben als blutrünstiges Volk darzustellen um so die Bomben der NATO zu rechtfertigen, gab sein unmittelbar nach den ersten Bombardements in Serbien gedrehter Dokumentarfilm ein ganz anderes Bild von der serbischen Bevölkerung, was sich direkt gegen die Kriegshetze der internationalen Medien richtete.

Ein ebenso engagierter Film ist in diesem Jahr "Spiegelgrund", wiederum aus Österreich. Mit ihm griffen die beiden jungen Regisseure in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um den österreichischen Mediziner Dr. Heinrich Gross ein, die im letzten Jahr wieder aufgeflammt waren. Obwohl 1981 der Wiener Arzt Werner Vogt vor Gericht nachweisen konnte, dass Gross während der Nazizeit an der "Tötung mehrerer hundert angeblich geisteskranker Kinder mitbeteiligt" war, hatte das nie irgendwelche Konsequenzen für ihn zur Folge gehabt.

Als junger Arzt war Gross ab November 1940 in der Anstalt "Am Spiegelgrund" tätig gewesen. Diese in der Wiener Heilanstalt "Am Steinhof" angesiedelte "Kinderfachabteilung" war zur Nazizeit eine Fürsorgeanstalt vor allem für sozial geschädigte Kinder. Hier wurden verwahrloste, sogenannte asoziale Kinder, wie anderweitig sich auffällig verhaltende Kinder und Behinderte untergebracht, die nicht den Normen dessen was man unter "sozialer Tauglichkeit" verstand, entsprachen. Im Rahmen eines NS-Kindereuthanasieprogramms wurden solche Kinder zwischen 1940 und 1945 im ganzen damaligen Reich systematisch vernichtet.

Um dies vor den Eltern zu vertuschen und beim medizinischen Personal durchzusetzen, dem die Kinder oft jahrelang vertraut und ans Herz gewachsen waren, wurden gigantische Verlegungstransporte organisiert, quer durch das ganze Land. So gelangten beispielsweise Kinder aus Hamburg in die Anstalt von Wien. Die Unterbringung erfolgte so, dass das Personal die fremden Kinder als Belastung empfinden musste. Dabei spielten unter anderem auch rassistische Vorurteile eine Rolle.

Wilhelm Roggenthien, ein ehemaliger "Pflegling" aus Hamburg berichtet im Film wie er und andere Kinder in dem Wiener Heim als "Saupreußen" beschimpft und schikaniert wurden. Für Kinder und Personal gleichermaßen unerträglich war auch die Überbelegung von Zimmern. Einer der Zeitzeugen berichtet davon, wie in dem Zimmer schließlich bis zu 55 Kinder eingepfercht waren. Viele von ihnen waren durch Hunger geschwächt. Wer den in militärischem Ton gehaltenen Befehlen des Personals nicht Folge leisten konnte, wurde ausgesondert " zum Aufpäppeln. Was darunter zu verstehen war, erfuhren wir später", sagt einer der ehemaligen Heiminsassen. Sie bekamen Kakaopulver - mit Luminal, einem Schlafmittel, das, über längere Zeit verabreicht, die Bronchien angreift und bis zu Lungenentzündung führt. Die Augenzeugen im Film berichten auch davon, wie dieser Prozess noch beschleunigt wurde, indem man die durch das Schlafmittel vor sich hin dämmernden Kinder am offenen Fenster bewusst der gesundheitsgefärdenden Witterung in den kalten Jahreszeiten aussetzte. Wenn es dann soweit war "wurden die Kinder abgespritzt" erzählt Antje Konsemund, deren leicht behinderte Schwester Irma, der die Ärzte wider besseren Wissens "Idiotismus" attestierten, im Heim getötet wurde.

Lediglich der Direktor und zwei Leute des medizinischen Personals wurden nach dem Krieg von einem Gericht verurteilt. Alle anderen an der Einrichtung Angestellten behielten ihre Arbeit. Im wesentlichen blieb alles beim alten, erklärte einer der ehemaligen Bewohner, außer dass nicht mehr getötet wurde. Gross selbst kehrte nach Abschluss seiner Ausbildung als Facharzt für Psychiatrie an die Heil- und Pflegeanstalt der Stadt Wien "Am Steinhof" zurück, wo ihm bereits nach kurzer Zeit unter anderem die Leitung des Neurohistologischen Laboratoriums übertragen wurde.

Im wesentlichen wurde bereits ab 1949 die Verfolgung ehemaliger Nazis eingestellt. Die großen Volksparteien rangen um ihre Stimmen. Ab 1952 begann Dr. Gross in der Fachpresse Forschungsergebnisse zu publizieren, die auf der Untersuchung zahlreicher Hirne von im "Spiegelgrund" getöteter Kinder basierten. 1953 trat Gross, wie auch viele andere seiner ehemaligen Gesinnungsgenossen in die SPÖ ein. Der Patriotismus der ehemaligen Nazis wurde im kalten Krieg gegen den Einfluss der Sowjetunion benötigt, merkten die beiden Regisseure in der Diskussion mit dem Publikum an. 1959 erhielt er von der SPÖ-nahen Theodor Körner-Stiftung einen Preis für seine wissenschaftliche Tätigkeit. 1968 wurde ihm ein eigenes "Ludwig Boltzmann-Institut" eingerichtet, das der Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems diente. Hier konnte er seine Forschungsarbeit aus der Nazizeit fortsetzen. Gross wurde 1975 vom österreichischen Staat mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse ausgezeichnet und war noch bis 1998 einer der meistbeschäftigten Gerichtspsychologen des Landes.

Im Jahr 1996 konnte Antje Kosemund gegen den Widerstand der ärztlichen Gremien durchsetzen, dass die Überreste, von 10 Hamburger Opfern, identifizierbar durch die akribische Beschriftung der Gläser nach Hamburg überführt und beigesetzt werden konnten. Noch in den achtziger Jahren waren sie Objekt medizinischer Forschung gewesen, bis sie 1989 schließlich in einem sogenannten Gedenkraum des "Psychiatrischen Krankenhauses Baumgartner Höhe" eingelagert wurden. Die Regisseure erklärten dem sichtlich schockierten Publikum, dass bis heute den Angehörigen der damaligen Opfer verweigert wird, die sterblichen Überreste ihrer Verwandten zu begraben. Oder man überlegt, die Opfer in einer Art und Weise zu beerdigen, "dass die Medizin später wieder darauf zurückgreifen kann." Welch menschenverachtender Zynismus!

Die Überlebenden vom Spiegelgrund sind bis heute nicht als Opfer des Naziregimes anerkannt. Keiner bekam je eine Entschädigung. Als Gross sich nach jahrzehntelanger Verzögerung endlich im Jahr 2000 für seine Verbrechen gerichtlich verantworten sollte, wurde der inzwischen betagte Pensionär von den untersuchenden Ärzten für verhandlungsunfähig erklärt. Gegen die Zeitung "die Presse", die eine Vorankündigung der Premiere von "Spiegelgrund" brachte, versuchte Gross gerichtlich vorzugehen, allerdings ohne Erfolg. Die Selbstverständlichkeit und das Selbstbewusstsein jedoch, mit der er einer öffentlichen Zeitung vorschreiben will, was sie zu drucken hat und was nicht, legen die Vermutung nahe, dass Gross sich durch das gegenwärtige rechte politische Klima in seinen Positionen eher bestärkt fühlt. Im Film erklärt eine Wiener Psychoanalytikerin: "Es scheint, als ob der Staat auf der Seite derer ist, die ihnen dieses Leid zugefügt haben."

Der Staat Österreich wurde nach dem zweiten Weltkrieg von den großen Volksparteien SPÖ und ÖVP regiert, wobei die SPÖ dominierte. Der sehr schlichte durch seine Fakten bestechende Film enthüllt einen Wesenszug dieser Epoche, der auch typisch ist für Deutschland und andere europäische Länder. Die heutige Koalitionsregierung zwischen der rechten FPÖ und der ÖVP ist vor diesem historischen Kontext keine Überraschung, ebenfalls nicht die Tatsache, dass sich auch innerhalb der österreichischen Sozialdemokratie Stimmen erheben, die offen für eine zukünftige Koalitionsregierung mit Haider plädieren. Es scheint offensichtlich, dass von den herrschenden Eliten angesichts der sozialen Zerrissenheit des Landes wieder Patrioten benötigt werden.

Siehe auch:
Ein Interview mit den Regisseuren des österreichischen Dokumentarfilms Spiegelgrund
(9.März 2001)