Ein Stück ohne jede Überzeugungskraft

Die Brecht-Akte, eine neue Aufführung des Berliner Ensemble

Von Stefan Steinberg
2. Februar 2000

Alle Voraussetzungen für ein interessantes und informatives Stück über den deutschen Bühnendichter Bertolt Brecht waren gegeben. Die Brecht-Akte des Berliner Ensemble handelt von Brechts Exilzeit in Amerika und geht besonders auf seine Verfolgung als kommunistischer Sympathisant durch das FBI und den "Ausschuss für unamerikanische Umtriebe" (HUAC) ein.

George Tabori, ein erfahrener Dramatiker, Brecht-Experte und Autor von Die Brecht-Akte,ist mit dem Stoff bestens vertraut. Tabori wurde 1914 in Budapest geboren. Während der dreißiger Jahre arbeitete er als Journalist. Von den Nazis aus seiner Heimat vertrieben, landete Tabori schließlich in Amerika und gelangte nach Hollywood, wo er mit dem europäischen Exil in Kontakt kam. Er traf einige der prominentesten antifaschistischen Künstler, mit denen er auch zusammenarbeitete, darunter Heinrich und Thomas Mann. Er schrieb Drehbücher, unter anderem für Alfred Hitchcock und Joseph Losey - und er begegnete Bertolt Brecht mindestens dreimal.

Tabori war nicht der einzige, dessen Karriere unter der antikommunistischen Hexenjagd der Nachkriegszeit litt; er stand auf der schwarzen Liste der Filmindustrie. Dennoch arbeitete er weiter, erst in Amerika und dann in Europa; er übersetzte Stücke von Brecht und Samuel Beckett und brachte sie zur Aufführung, außerdem schrieb und inszenierte er auch eigene Stücke. Als Tabori 1987 mit der Arbeit an Die Brecht-Akte begann, hatte er die Absicht, aus dem Stoff einen Film zu machen. Fertiggestellt wurde das Stück schließlich zur Eröffnung des umgebauten Berliner Ensembles, das heute unter der Leitung des Regisseurs Claus Peymann steht.

Das Herzstück des Werks ist Brechts Verhör und Geständnis 1947 vor dem HUAC. Der Ausschuss war von dem Abgeordneten Martin Dies (ein Mitglied der Demokraten aus Texas) am Vorabend des Kriegs ins Leben gerufen worden und diente den Interessen rechter Kräfte im amerikanischen Establishment. Unter anderem hatte das Untersuchungskomitee die Aufgabe, die Einwandererkreise zu beobachten und zu bespitzeln, die nach Amerika geflohen waren, um den Nazis zu entkommen. In enger Zusammenarbeit mit der schnell wachsenden Geheimpolizei unter Führung des FBI-Chefs Edgar Hoover streckte der HUAC seine Fühler weiter aus, um auch einheimische Gegner von Präsident Roosevelts Politik zu erfassen.

Martin Dies und sein Ausschuss hatten es besonders auf Widerstands-Schriftsteller und Künstler aus Deutschland abgesehen. Sie legten Wanzen in deren Häuser, zapften Telefone an und durchquerten Hollywood in Taxis und Privatwagen, um zu beschatten und Informationen über öffentliche und private Kontakte zwischen der europäischen Exilgruppe und prominenten Hollywood-Künstlern zu sammeln. Tausende Seiten Berichte wurden von FBI-Agenten verfasst, in denen die trivialsten Ereignisse des Exilalltags aufgelistet waren. Nach einiger Zeit merkten die Opfer der staatlichen Überwachung, wer die sonderbaren Männer waren, die die ganze Zeit vor ihren Häusern parkten und regelmäßig abgelöst wurden. (Um dem FBI das Leben schwer zu machen, pflegte Helene Weigel, Brechts Frau, mit ihren Freundinnen über Telefon polnische Kochrezepte auszutauschen.)

Diese Akten wurden schließlich als Grundlage für eine gigantische Operation benutzt, um die Unterhaltungsindustrie zu "säubern" und die antikommunistische Hetze in den USA anzuheizen. Brecht war einer von neunzehn Personen ( The Unfriendly Nineteen), die im Oktober 1947 zum Verhör vor den HUAC gezerrt wurden, weil man sie der kommunistischen Verschwörung bezichtigte. Die Angeklagten waren übereingekommen, die Rechtssprechung des Untersuchungskomitees nicht anzuerkennen, alle Antworten zu verweigern und stattdessen an die amerikanische Verfassung zu appellieren. Aber nachdem sich Brecht mit seinem Anwalt beraten hatte, arbeitete er mit den Ermittlern zusammen. Die Frage "Sind Sie oder waren Sie je Mitglied einer kommunistischen Partei?" verneinte Brecht mehrmals entschieden. Die meisten Biographen Brechts stimmen darin überein, dass er der Kommunistischen Partei tatsächlich niemals offiziell angehört hat. Aber die Tatsache, dass seine Antwort dem Buchstaben nach der Wahrheit entsprach, ändert nichts daran, dass er die Vereinbarung mit den übrigen Angeklagten gebrochen hatte.

Am Ende seines Kreuzverhörs wurde Brecht vom Chefankläger für seine Zusammenarbeit gelobt: "Vielen Dank, Mr. Brecht, an Ihnen könnten sich... Mr. Kenny und Mr. Crum ein Beispiel nehmen." (Diese beiden hatten jede Zusammenarbeit mit den Ermittlern verweigert.)

Brechts Verhör ist die zentrale Szene in Taboris neuem Stück, für das er viel aus den Protokollen von 1947 übernommen hat. In der ursprünglichen Version von Die Brecht-Akte und bei den ersten Aufführungen erscheint die Verhörszene gegen Ende des Stücks. Brecht tritt in nur zwei von zehn Szenen auf. Nachdem einige Kritiker sich in der Presse negativ geäußert hatten und die Frage aufwarfen: "Wo bleibt BB?", verlegte Tabori die Szene an den Anfang des Stückes. Die Unbekümmertheit, mit der Tabori sein Stück umbaute, sagt einiges über dessen zusammengeschusterten und oberflächlichen Charakter aus. Tatsächlich kann Die Brecht-Akte in keiner Hinsicht überzeugen.

Der größte Teil des Stücks ist den Machenschaften und Tricks der FBI-Agenten gewidmet, die die Aufgabe hatten, Brecht auszuspionieren. Die zwei wichtigsten FBI-Agenten, Shine und Gallagher, werden als Schwule dargestellt, und es wird uns zum Beispiel eine Szene zugemutet, in der sich die Agenten in einer freien Minute gegenseitig in einem Anfall von Leidenschaft die Kleider vom Leib reißen und sich zu lieben beginnen. Eine weitere Szene handelt dann von ihrer Hochzeit als Homosexuelle (in Amerika! Im Jahr 1947!). Andere Szenen stellen die Agenten als Idioten und Komiker dar, die fast zu blöd dazu sind, einen Stecker in die Steckdose zu stecken.

Es ist wahr, dass sich die Reihen des FBI während und nach dem Krieg außerordentlich schnell füllten. Und man kann mit Fug und Recht davon ausgehen, dass viele der Rekruten keinen überragenden Intellekt besaßen. Aber wozu die ganze Organisation auf eine Bande lächerlicher Figuren reduzieren, deren Sexmoral nicht mit derjenigen Taboris übereinstimmt? Und falls tatsächlich und ohne Ausnahme das FBI aus lauter Trotteln bestanden hätte - wie kommt Tabori auf die Idee, deren komödiantisches Auftreten könne genügend Stoff bieten, um das Interesse seines Publikums über zwei Stunden lang wach zu halten? Warum hat er sein Ziel so niedrig gehängt?

Auch eine weitere Szene in der Theaterstückmitte ist völlig daneben: Die FBI-Agenten Shine und Gallagher besuchen Professor Applebaum, einen würdigen Akademiker. Applebaum und seine Frau grillen gerade im Garten. In dieser Szene erfahren wir, dass seine Frau früher in einem Konzentrationslager gefangen war. Es entwickelt sich ein Dialog, während dessen Applebaum vor den zwei Agenten mit seinem akademischen Wissen brilliert und mit Anspielungen und Zitaten von Brecht um sich wirft.

Die FBI-Agenten versuchen, Applebaum zur Zusammenarbeit beim Überwachen der Exilgruppe zu gewinnen. Sie drohen Applebaum damit, dass sie andernfalls seine amerikanische Einbürgerung hintertreiben können. Applebaum bleibt unbeirrt - er hat Freunde an hoher Stelle in der amerikanischen Regierung. Er will, dass die zwei Männer gehen. Da ziehen die zwei Agenten ihr As aus dem Ärmel: Vor seiner Frau eröffnen sie ihm, dass sie unwiderlegbare Beweise haben, dass Applebaum ein minderjähriges Mädchen vergewaltigt hat. Applebaum ist bestürzt, er erhängt sich am nächsten Baum. Äußerlich unberührt übergießt seine Frau ihren toten Ehemann und ihr Haus mit Benzin und lässt alles in Flammen aufgehen. Ende der Szene.

Es ist wahr, dass sich einige prominente Künstler und Gegner des Faschismus im Exil das Leben genommen haben. Fern der Heimat, unfähig, Arbeit zu finden oder ihre Künstlerkarriere im fremden Land in einer fremden Sprache fortzusetzen, sowohl der faschistischen Diktatur in Deutschland, als auch dem stalinistischen Regime in der Sowjetunion entfremdet, suchten viele der sensibelsten und talentiertesten Künstler im Tod ihre Zuflucht. Aber bei Tabori dient der Selbstmord als Ausweg wegen Kindesmissbrauchs.

Taboris Welt in Die Brecht-Akte kennt weder Prinzipien noch Überzeugung, und jedermann ohne Ausnahme - Geheimpolizist und Flüchtling - handelt aus niedrigsten Motiven. Diese Welt ist durchsetzt von Brechtzitaten, die im allgemeinen zu den zynischsten ihrer Art gehören. In dieser Welt erweist sich schließlich Brechts Verrat an seinen Mitangeklagten von 1947 als bedeutungslos. Gleichzeitig wird das Vorurteil der wütenden Antikommunisten bestätigt - jeder Parteigänger der Linken ist im Grunde sexuell pervers.

Es ist natürlich wahr, dass Brecht oft in seinem Leben mit außerordentlichem Pragmatismus und Eigeninteresse auf die Konflikte mit den Herrschenden reagiert hat. Er hatte es sowohl mit den Einschüchterungen seitens der amerikanischen Regierung und ihrer Geheimpolizei zu tun, als auch mit der stalinistischen Bürokratie in Moskau, die einige seiner engsten künstlerischen Mitarbeiter umbrachte, und schließlich der Nachkriegsregierung in der DDR, die versuchte, aus Brecht eine konformistische Kulturikone zu machen. Brecht wusste genau, welche Verfolgungen im Gange waren - besonders zu stalinistischen Zeiten - aber er zog es immer vor, seine Gedanken und Kritik für sich zu behalten.

In der Schlussszene des Stückes begegnet der Agent Gallagher Brecht am Flughafen. Brecht will gerade aus Amerika fliehen und wartet auf seinen Flug nach Europa. Gallagher stellt Brecht zuletzt die Frage, ob er bereit wäre, seine Aussage vor dem Ausschuss zu widerrufen. Brecht antwortet mit einem eigenen Zitat: "Was Du oder ich auch immer tun, die Welt wird sich weiter drehen." Im Licht von Taboris Stück und dessen Inhalt stellt dieses Schlusswort nicht nur ein abschließendes Urteil zur Rechtfertigung von Brechts eigenem Verhalten dar, sondern einen allgemeinen Aufruf zur Passivität und Resignation im Angesicht der Not.

Die Brecht-Akte legt, eher unbeabsichtigt als geplant, den Finger auf eine bedeutende Schwäche in Brechts eigenem Wesen. Aber weil das ganze Stück sich auf dem moralischen Tiefpunkt abspielt, den Brecht während seinem Auftritt vor dem HUAC erreichte, hat Tabori ein hässliches Theaterstück geschrieben, das nicht überzeugen kann.