Joschka Fischer verteidigt Degussa gegen Holocaust-Opfer

Von Marianne Arens
30. August 1999

Wer immer noch glaubt, die rot-grüne Bundesregierung habe auch nur das geringste Interesse, Gerechtigkeit für die Opfer des Faschismus herzustellen, sollte zur Kenntnis nehmen, was am 12. August die Sendung Monitor aufgedeckt hat: Sie berichtete, dass der deutsche Außenminister Joschka Fischer in einem Gerichtsprozess in New Jersey massiv zugunsten des beklagten Konzerns Degussa Partei ergriffen hat.

In dem Prozess geht es darum, dass Frau Alice Burger-Fischer, eine tschechische Jüdin, die als 15jähriges Mädchen nach Deutschland ins KZ verschleppt wurde und ihre ganze Familie dort verloren hat, gegen Degussa auf Wiedergutmachung klagt.

Die Degussa - die in Frankfurt ansässige "Deutsche Gold- und Silberscheidanstalt" - hatte sich im Dritten Reich millionenfach bereichert, indem sie geraubten Schmuck und Zahngold aus den Vernichtungslagern und Ghettos aufkaufte und einschmolz. Gleichzeitig produzierte die Degussa-Tochter Degesch das Zyklon B, das an die Gaskammern der Vernichtungslager geliefert wurde.

Frau Burger-Fischer klagt gegen Degussa auf Entschädigung, denn die Nazis, die ihre Familie im Jahr 1944 aus der tschechischen Stadt Munkacs nach Deutschland ins KZ verschleppten, nahmen ihnen, wie allen Lagerinsassen, sämtliche Schmuckgegenstände, Gold und Silber, ihr ganzes Vermögen ab. Frau Burger-Fischer hat ihre Mutter, einen Bruder und die Großmutter in Auschwitz verloren, den Vater und einen weiteren Bruder in Mauthausen. Sie selbst kam nach Bergen-Belsen und überlebte den Holocaust. Sie argumentiert, dass die Nationalsozialisten das Geld, das sie aus dem Verkauf der geraubten Güter an Firmen wie Degussa verdienten, für ihr Vernichtungswerk brauchten, und dass sie ohne dieses Geld die systematischen Transporte, die Aufrechterhaltung der Konzentrations- und Vernichtungslager nicht in dem Umfang hätten finanzieren können.

In dem Prozess in New Jersey, dem Sitz der amerikanischen Degussa-Filiale, reichte Joschka Fischer laut Monitor in Absprache mit Bundeskanzler Gerhard Schröder einen offiziellen Brief ein, um dem amerikanischen Gericht die Position der deutschen Bundesregierung klarzumachen. Dies ist nach amerikanischem Recht mit einem sogenannten "Amicus Curiae"-Brief möglich.

Hier das Zitat aus Monitor:

"In diesem Brief vom 15. Juni diesen Jahres versucht die Bundesregierung wider besseren Wissens Einfluss auf den Prozess zugunsten der Firma Degussa zu nehmen. In dem Brief heißt es: ‚Die Industrie wurde gezwungen, die Ziele zu erfüllen, die zur Produktion von Materialien für die Kriegswirtschaft aufgestellt wurden. [...] Je wichtiger wirtschaftliche Aktivitäten wurden, um Krieg zu führen und für die Zerstörungspläne der Nazis, um so schwieriger wurde es, die Forderungen des Staates zu umgehen. Das trifft im Besonderen auf die frühere Degussa zu, die ein Monopol auf dem Gebiet des Schmelzens von Edelmetallen hatte.‘ [...] ‚Die Bundesrepublik Deutschland bittet deshalb das Gericht, die Klage abzuweisen."

Der Bericht zitierte darauf den Historiker Mommsen, der als Spezialist in Fragen des Dritten Reiches gilt, und brachte zahlreiche historische Dokumente. Mommsen erklärte: "Nach dem, was wir wissen, ist es genau umgekehrt gelaufen. Dass die Degussa sich um diese Aufträge bemüht hat, insofern war Degussa ein klarer Komplize des Dritten Reiches und hat nicht nur in einer Zwangssituation gehandelt."

Ausführlich wurden Beispiele aus den historischen Archivbeständen vorgelegt, die nachweisen, wie intensiv sich Degussa um die gewinnverheißenden Aufträge aus den Konzentrationslagern und Ghettos bemühte. Im Ghetto Lodz, wo von 1940 bis 1943 43.000 Menschen starben, fand sich beispielsweise der Schriftverkehr zwischen Degussa und der Ernährungs- und Wirtschaftsstelle des Ghettos, in der sich die geraubten Vermögens- und Schmuckwerte der Juden anhäuften. Die Degussa-Filiale in Berlin, Französische Strasse 33, warb intensiv in mehreren Briefen um den Auftrag des Ghettos, Gold und Silber aus jüdischem Besitz zu verwerten, und bot in diesen Anschreiben auch großzügige Vorschüsse an.

So heißt es z.B. in einem Schriftstück der Berliner Degussa-Filiale an die Ernährungs- und Wirtschaftsstelle "Litzmannstadt" (Lodz) vom 22. Oktober 1940: "Leider sind wir bis heute ohne Ihre Rückäußerung zu unserem Angebot vom 10. Oktober , die Verwertung von Gold- und Silberwaren aus jüdischem Besitz stammend, geblieben." Und am 03. Dezember 1940 versichert Degussa schriftlich: "Sie dürfen überzeugt sein, dass sich die Ausarbeitung bei uns in jeder Weise vorteilhaft für Sie gestalten würde, und es sollte uns freuen, von Ihnen nunmehr recht bald einen positiven Bescheid zu erhalten." Kurze Zeit später erhielt Degussa diesen Auftrag; den Beweis dafür erbrachte Monitor durch die Veröffentlichung einer schriftlichen Abrechnung. Über eine Tonne Silber wurde allein in diesem einzelnen Fall aus dem Ghetto Lodz gewinnbringend verwertet.

Die Firma Degussa mit Hauptsitz in Frankfurt am Main ist heute Kopf eines globalen Unternehmens mit einem geschätzten Umsatz von jährlich 20 Milliarden Mark.

Die Bundesregierung jedoch ist mit ihrem sogenannten "Versöhnungsfonds" (der besser "Verhöhnungsfonds" heißen sollte) vor allem darum bemüht, der deutschen Wirtschaft die Image-schädigenden Klagen ehemaliger NS-Zwangsarbeiter endlich vom Leib zu halten. Sie hat den alten FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff zu ihrem Beauftragten für diesen Fonds gemacht. Wie der Wuppertaler Historiker Stefan Stracke am vergangenen Dienstag aufdeckte, hatte Lambsdorff, der kurz nach dem Krieg Bezirksverbandschef der Aachener FDP wurde, 1952 auf einer Veranstaltung seiner Partei für eine Generalamnestie für Kriegsverbrecher das Grußwort gesprochen.