Die amerikanischen Wahlen und der Sturz von Newt Gingrich

Die politische Bedeutung des Debakels der Republikaner

Von der Redaktion
20. November 1998

Das Debakel der Republikaner bei den Wahlen vom 3. November und der Sturz von Newt Gingrich, dem Sprecher des Repräsentantenhauses, sind Ereignisse von tiefer Bedeutung. Sie zeigen, daß ein beträchtlicher Teil der arbeitenden Bevölkerung Amerikas sich politisch von Grund auf neu orientiert.

Gingrichs Rücktritt hat mit einigen Legenden aufgeräumt, die die Medien über die amerikanische Politik verbreitet haben. Die gängigste war die von der angeblichen Macht und Popularität der reaktionären Politik, als deren typischer Vertreter der Abgeordnete aus Atlanta galt. Die erste Berührung des rechten Flügels der Republikaner mit der wirklichen sozialen und politischen Lage Amerikas - die in den Wahlen vom 3. November nur in abgeschwächter Form zum Ausdruck kam - hat den Mann in die Knie gezwungen, der in der Amtsnachfolge des Präsidenten an zweiter Stelle stand.

Gingrichs Sturz und der Ausbruch politischer Kämpfe in den Reihen der Republikaner sind der sichtbare Beweis dafür, daß das sozialpolitische Programm dieser Partei, an das sich auch Clinton und die Demokraten anpassen, von den Massen nicht unterstützt wird.

Die Wahlen haben deutlich gemacht, daß sich beide bürgerlichen Parteien in der Krise befinden. Ein Berater des Weißen Hauses, der nicht genannt werden wollte, gab zu, daß der Sturz Gingrichs auch im Clinton-Lager Bestürzung ausgelöst hat. Er sagte der Washington Post: "Newt Gingrich war das Beste, was der Demokratischen Partei seit 1994 passiert ist. Man könnte sagen, in unserem Lager herrscht totale Enttäuschung."

Ohne Gingrich wird es viel schwieriger sein, zu verbergen, daß sich die beiden Parteien nicht wirklich unterscheiden. Der soziale Unmut, der sich bisher hauptsächlich gegen die Republikaner richtete, wird in Zukunft um so sicherer auch die Demokraten treffen.

Eine politische Verschiebung

Die Wahl hat gezeigt, daß eine politische Verschiebung vor sich geht. Sie war das jüngste und sicherste Anzeichen, daß die Welle der politischen Reaktion, die Ende der 70er Jahre begonnen und ihren Höhepunkt bei den Wahlen 1994 erreicht hatte, seither zurückflutet.

Die heutigen Wortführer in den Medien und in der Politik wurden von der aufsteigenden Reaktion geprägt und haben ein Interesse an ihrer Fortsetzung. Sie sind unfähig, die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Veränderungen zu verstehen. Verwirrung macht sich breit. Die Zaubermittel, die so lange funktionierten - Angriffe auf den Sozialstaat, Steuersenkungs-Demagogie, Law-and-Order-Propaganda, Verherrlichung des kapitalistischen Marktes, "Familienwerte" - verlieren plötzlich ihre Popularität.

Hinter der Verschiebung der Ansichten großer Teile der Bevölkerung und ihren Auswirkungen auf die Politik stehen weitreichende Veränderungen in der Struktur der amerikanischen Gesellschaft. Es dauert lange, bis Veränderungen an der Basis der Gesellschaft an die Oberfläche dringen. Jetzt allerdings ist dieser Prozeß im Gange.

Die politische Reaktion begann Mitte der 70er Jahre zu erstarken, als der liberale Konsens der amerikanischen kapitalistischen Politik erste Risse zeigte. [Der Begriff "liberal" im Amerikanischen entspricht im Deutschen eher dem Begriff "sozial"; der Übers.] Um diesen Prozeß zu verstehen, muß man bis in die Zeit zurückgehen, in der die Demokratische Partei auf der Grundlage einer Politik sozialer Reformen zur Mehrheitspartei wurde.

Dies begann mit Roosevelts' Politik des New Deal in den 30er Jahren und wurde in den 40er Jahren gefestigt. Auf dem Höhepunkt der Depression führte die Demokratische Partei einige Reformen wie Sozialhilfe und Sozialversicherung ein. Dies waren Zugeständnisse an die Arbeiterklasse, der es in einem massiven Aufschwung des Klassenkampfs gelang, dem CIO [der neuen Industriearbeitergewerkschaft] Anerkennung in der Auto-, der Stahl-, der Elektro- und andern wichtigen Industrien zu verschaffen.

In der Periode nach dem 2. Weltkrieg stützte sich die Demokratische Partei auf der Grundlage sozialer Reformpolitik weiter auf die Arbeiterklasse und Teile der Mittelschichten. Die wirtschaftliche Basis dieser Politik war die von den Vereinigten Staaten unternommene Reorganisation des Weltkapitalismus. Die USA hielten damals eine unangefochtene Position der ökonomischen und militärischen Vorherrschaft. Auf der Grundlage Keynesianischer Politik setzte eine Periode ökonomischer Expansion und relativer Prosperität ein, die von Anfang der 50er bis Ende der 60er Jahre dauerte.

Dies war die Blütezeit des amerikanischen Liberalismus, an dessen Spitze, unterstützt von den Gewerkschaften, die Demokratische Partei stand. Doch selbst auf seinem Gipfelpunkt brachte es der amerikanische Liberalismus nur zu sehr eingeschränkten sozialen Reformen; er brachte niemals ein nationales Gesundheitswesen und nur einen geringfügigen Schutz für Arbeitslose hervor. Verglichen mit den sozialstaatlichen Maßnahmen in Europa blieb die Sozialpolitik in den USA rückständig und unterentwickelt.

Der Zusammenbruch des liberalen Konsens

Der nationale liberale Konsens begann in den 60er Jahren unter dem Druck weltweiter ökonomischer und politischer Veränderungen zu zerfallen. Mit dem Aufstieg mächtiger wirtschaftlicher Rivalen, besonders Deutschlands und Japans, verlor der US-Kapitalismus seine beherrschende Position. Washingtons Versuch, die Rolle eines internationalen Polizisten für den Imperialismus zu spielen, führte zu dem militärischen und politischen Desaster in Vietnam, und die enormen Ausgaben für den Krieg trugen zu einer wachsenden Haushalts- und Finanzkrise bei.

Die zweite Hälfte des Jahrzehnts erlebte Massenproteste gegen den Krieg, militante Gewerkschaftskämpfe für höhere Löhne und Ausbrüche sozialer Unzufriedenheit bei den unterdrücktesten Teilen der Arbeiterklasse, die sogenannten Ghettoaufstände, die sich über das ganze Land ausbreiteten. Unter dem Druck wachsender sozialer und politischer Spannungen führte Lyndon Johnson als Teil seines Projekts der "Great Society" [Großen Gesellschaft] Reformen wie Medicare, Medicaid und Lebensmittelgutscheine ein. Aber kaum war sie verkündet, da brach die "Great Society" unter dem Druck steigender Inflation und eines internationalen Angriffs auf den Dollar schon wieder zusammen.

1964 markierte den Höhepunkt des Demokratischen Einflusses im Kongreß. Von da an ging es bergab. Nach 1966 gab es keine nennenswerten Sozialreformen der Demokraten mehr. Die Wahl des Republikaners Nixon zum Präsidenten im Jahr 1968 zeigte, daß sich der Liberalismus und die Demokratische Partei auf dem absteigenden Ast befanden.

Anfang der 70er Jahre war klar, daß das liberale Programm bürgerlicher Reformen sich erschöpft hatte. Die Periode schneller kapitalistischer Expansion, die nach dem 2. Weltkrieg begonnen hatte, ging zu Ende. Der amerikanische Kapitalismus erlebte eine Welle militanter Kämpfe von Arbeitern, die sich am Konservatismus und der Doppelzüngigkeit der Gewerkschaftsbürokratie stießen. Er konnte sich aber nicht mehr den Luxus leisten, die militanten Arbeiterkämpfe durch Zugeständnisse zu beschwichtigen. Nixons Lohnstopp 1971 markierte den Anfang vom Ende der Kompromißpolitik gegenüber der Arbeiterklasse.

Jimmy Carter: Die Demokraten gehen nach rechts

Der allgemeine Niedergang der Demokraten wurde durch die Watergate-Krise unterbrochen. Aber die Präsidentschaft von Jimmy Carter war Ausdruck einer Rechtswendung der Demokratischen Partei. Es wurden keine nennenswerten Sozialprogramme in Angriff genommen. Als Carter 1977-78 ohne Erfolg versuchte, mit Hilfe des Taft-Hartley-Gesetzes den damaligen Streik der Bergarbeiter zu brechen, war das schon ein Vorgeschmack auf die systematischen Angriffe auf die Gewerkschaften durch die Regierung Reagan. Von Carters Verkehrsminister stammte der Plan, den Streik der PATCO-Fluglotsen-Gewerkschaft zu brechen, der später von Ronald Reagan in die Tat umgesetzt wurde.

Angesichts steigender Inflation begann Carter, die Sozialausgaben zu kürzen, und berief den Wall-Street-Banker Paul Volcker zum Direktor der amerikanischen Notenbank. Volcker führte zu Ende von Carters Amtszeit die Politik der hohen Zinsen und des knappen Geldes ein, die von Reagan fortgesetzt wurde. Das Ziel dieser Politik bestand darin, die Wirtschaft in eine Rezession zu treiben, Massenarbeitslosigkeit zu schaffen und die Drohung der Werksschließungen und Entlassungen als Druckmittel gegen die Arbeiter einzusetzen. Sie sollten niedrigere Löhne, eine verschärftes Arbeitstempo und schlechtere Arbeitsbedingungen ohne Widerstand hinnehmen.

Unter Bedingungen einer zweistelligen Inflation kombiniert mit wirtschaftlicher Stagnation waren die Republikaner in der Lage, die Frustration breiter Schichten des Kleinbürgertums auszunützen und Kapital aus der Entfremdung vieler Arbeiter von den Demokraten zu ziehen. So konnten sie noch schärfere Angriffe auf den Sozialstaat durchsetzen.

Reagan verfolgte einen Kurs, in dessen Mittelpunkt Steuerkürzungen für die Wirtschaft, die Beschneidung staatlicher Vorschriften für Unternehmer und die Zerstörung der Gewerkschaften standen. Seine Regierung förderte eine umfassende Umverteilung des Reichtums von den Arbeitern zu den privilegiertesten Schichten der amerikanischen Gesellschaft.

Die Hinterlassenschaft des Reaganismus

Schon Mitte der achtziger Jahre hatte sich die sogenannte "Reagan-Revolution" erschöpft. Das Defizit des Bundeshaushalts war enorm aufgebläht, das Außenhandelsdefizit stieg und die Staatsverschuldung wuchs exponentiell. Die Iran-Contra-Affäre erschütterte 1986-87 das Weiße Haus. Doch schließlich rettete der fortschreitende Niedergang der stalinistischen Regime in Osteuropa und der UdSSR die politische Glaubwürdigkeit der zweiten Reagan-Administration.

Langfristig gesehen trug das Ende des Kalten Krieges allerdings zur Krise und politischen Desorientierung beider großer bürgerlicher Parteien bei. Das Verschwinden der Sowjetunion von der internationalen Szene beraubte das politische Establishment Amerikas seines äußeren Feindes, dessen Dämonisierung die Aufmerksamkeit von den gesellschaftlichen und Klassenfragen im eignen Land abgelenkt hatte. Der Antikommunismus, die ideologische Achse der amerikanischen Nachkriegspolitik, verlor mit dem Zusammenbruch der UdSSR sein Ziel.

Der sozial- und wirtschaftspolitische Kurs der Regierungen von Reagan und Bush beinhaltete einen paradoxen Widerspruch: Er unterhöhlte die Stellung eben jener Mittelschichten - der kleinen Geschäftsleute, des unteren und mittleren Managements, der Selbständigen, Angestellten und Kleinbauern -, die ihre wichtigste Basis ausgemacht hatten.

Ende der achtziger Jahre bestand das Erbe der Republikaner in wachsender Armut, sozialer Ungleichheit und einem steigenden Haushaltsdefizit. Eine Rezession, Finanzkrisen, wachsende Arbeitslosigkeit und zunehmende gesellschaftliche Unzufriedenheit führten 1992 zu Bushs Wahlniederlage. Ähnliche Bedingungen führten zur selben Zeit zum Sturz Margaret Thatchers in Großbritannien.

Einmal an der Regierung, gaben die Demokraten nach und nach sämtliche bescheidenen Versprechungen - mehr Arbeitsplätze, soziale Verbesserungen - auf, mit deren Hilfe sie das Weiße Haus zurückerobert hatten. 1994 konnten die Republikaner die Kontrolle über den Kongreß übernehmen, weil sie die Enttäuschung der Arbeiter über die Clinton-Regierung, vor allem deren Kapitulation in der Gesundheitsreform, ausnutzten.

Die Medien taten alles in ihrer Macht stehende, um die Bedeutung von Gingrichs Aufstieg überzubetonen, nannten ihn die "Gingrich-Revolution" und verkündeten ein neues Zeitalter der Reaktion in Amerika. Der Sieg von Gingrich und Konsorten war jedoch der Anfang ihres Niedergangs, weil Millionen jetzt besser verstehen lernten, worin die eigentliche Sozialpolitik des republikanischen Kongresses bestand.

Je unüberhörbarer die Opposition gegen den Abbau von Medicare, Sozialversicherung, Gesundheits- und Arbeitssicherheitsstandards, Umweltbestimmungen sowie gegen weitere Steuersenkung für die Reichen wurde, desto stärker wandten sich die Republikaner der christlichen Rechten zu. Sie stellten Fragen wie Abtreibung, Schulgebet und das Verbot von Schußwaffen in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit und schürten Vorurteile gegen Einwanderer und Homosexuelle.

Die Demokraten paßten sich an den Kurs der Republikaner an. Clinton imitierte die republikanischen Angriffe auf den Sozialstaat und unterzeichnete das Gesetz, das die Sozialprogramme der Bundesregierung zerstörte.

Schließung von Ministerien und Ämtern - ein Wendepunkt

Ein Ausdruck der radikal rechten Orientierung der Republikaner war die erzwungene Schließung von Ministerien und Ämtern der Bundesregierung in den Jahren 1995 und 1996, die die Demokraten erfolgreich zur Wiederwahl Clintons ausnutzten. Clintons zweite Amtszeit war weitgehend ein Versuch, de facto eine Koalition mit jenen Teilen des republikanischen Kongresses einzugehen, die nicht mit der Politik des extrem rechten Gingrich-Flügels einverstanden waren, Clintons Regierung mit Hilfe von Skandalen zu destabilisieren und letztendlich zu Fall zu bringen.

Je weiter die beiden Parteien sich nach rechts bewegten, desto mehr entfremdeten sie sich von der Bevölkerung. Dieser Prozeß drückte sich unter anderem in einer langfristigen Zunahme der Wahlenthaltung aus.

Den politischen Verschiebungen liegen tiefe Veränderungen der sozialen Verhältnisse zu Grunde. Jahrelange Rationalisierungen in den Betrieben, technologische Innovationen, der buchstäbliche Zusammenbruch der Gewerkschaften und die Ausbreitung von Jobs im Niedriglohn-, Teilzeit- und Zeitarbeitsbereich haben die wirtschaftliche Sicherheit breiter Schichten der Bevölkerung unterhöhlt. Die technische Intelligenz, Büroangestellte, kleine Selbständige und bäuerliche Familienbetriebe leben auf einmal in der ständigen Furcht vor Arbeitslosigkeit oder Bankrott. Ein großer Teil der Mittelschichten, auf die sich die Republikaner bei ihrer Machtübernahme im Kongreß einst stützten, sind jetzt selbst Lohnabhängige, die von Monat zu Monat sehen müssen, wie sie zurecht kommen, wie jeder andere Arbeiter auch.

Diese Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur waren Bestandteil einer umfassenderen Entwicklung - des enormen Anwachsens der sozialen Ungleichheit. Die immer tiefere Kluft zwischen den reichsten zehn Prozent und der übrigen Bevölkerung ist mehr als eine veränderte Einkommensverteilung. Sie ist Ausdruck verschärfter Klassengegensätze in Amerika.

Nach den Wahlen rührte kein Medienkommentator und kein Politiker an die sozialen Verhältnisse, die das Fiasko der Republikaner herbeigeführt haben. Doch gerade darin liegt die Ursache für die Abwendung von der GOP ["Grand Old Party" - Bezeichnung für die Republikaner]: im Zorn über den Gegensatz zwischen der Bereicherung einiger weniger und der Verschlechterung der sozialen Lage der Mehrheit, in der Wut über die offenkundige Parteinahme des politischen Systems für die ökonomische Elite, während es sich nicht um das Los der arbeitenden Menschen kümmert.

Die Kluft zwischen Establishment und Bevölkerung

Diese gesellschaftliche Wirklichkeit hat dazu geführt, daß das politische Establishment und die Medien sich immer weiter von der normalen Bevölkerung entfernt haben. Die Unfähigkeit der politischen "Experten", die Stimmung in der Öffentlichkeit einzuschätzen, zeigte sich schon letzten Winter, als hohe Beamte der Clinton-Regierung auf einer bundesweit übertragenen Veranstaltung vor laufenden Kameras baß erstaunt feststellen mußten, welche Vehemenz die Opposition gegen die US-Pläne für einen Luftkrieg gegen den Irak angenommen hatte. Ein weiteres Mal zeigte sich diese Unfähigkeit, als die Mediengurus die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Starr-Untersuchung völlig falsch einschätzten. Und der jüngste Schock war das jetzige Wahlergebnis.

Seit neun Monaten können die Medien nicht begreifen, warum die Lewinsky-Affäre beim amerikanischen Volk nicht einschlug, obwohl sie es in einem gnadenlosen Trommelfeuer pausenlos behämmerten. Aber die Starr-Hetze verletzte ein ureigenstes demokratisches Grundgefühl der Bevölkerung - ein Gefühl, das den Medienkommentatoren völlig abgeht. Die Menschen sahen darin bloß einen bedrohlichen Eingriff in die Privatsphäre. Sie konnten keinen Zusammenhang zwischen dem Skandal und ihr Leben betreffenden Problemen erkennen.

Je näher der Wahltermin rückte, desto ausschließlicher verlegten sich die Republikaner, wie sie selbst zugaben, auf diesen Skandal, weil ihr Programm keine Antwort auf die tatsächlichen Sorgen und Nöte der Wähler enthielt. Aber die Wahl widerspiegelte nicht nur die allgemeine Abscheu über die Manipulationen mit der Lewinsky-Affäre. Sie drückte auch eine wachsende Beunruhigung über die Entlassungswelle und andere Anzeichen einer drohenden Rezession aus. In jedem Monat außer einem hat 1998 die Zahl der Arbeitsplätze im Vergleich zum Vorjahr abgenommen. Und der Trend verstärkt sich. Allein in der Zeit vom 1. September bis Mitte Oktober gaben US-Konzerne den Abbau von über 100.000 Arbeitsplätzen bekannt.

Eine jüngst veröffentlichte Umfrage ergab, daß das Vertrauen der Verbraucher in die wirtschaftliche Entwicklung schon seit vier Monaten wegen der "wachsenden Besorgnis über Entlassungsdrohungen" abnimmt. Es heißt dort, die gegenwärtige Entlassungswelle sei umfassender als die Downsizing-Kampagne zu Anfang der 90er Jahre, die von den größten Konzernen ausgegangen war. Dieses Mal sind es viele kleinere Unternehmen, die einschneidende Kürzungen vornehmen.

Die Demokraten: Sieger wider Willen

Der Wahlsieg der Demokraten kam völlig unerwartet und weitgehend von den Demokraten selbst ungewollt. Der Minderheitsführer im Repräsentantenhaus, Richard Gephardt, sagte der New York Times nach der Wahl: "Ich dachte, nach all dem Geld, das sie in den letzten zwei Wochen einsetzten, seien wir erledigt. Ich war der festen Meinung, daß das Geld uns das Genick brechen würde."

In den Monaten vor der Wahl hatte sich ein großer Teil der Partei von Clinton abgewandt. Vom Weißen Haus an abwärts ignorierte die Partei die Umfragen, aus denen hervorging, daß es eine große Opposition gegen Starr und die Bemühungen der Republikaner um eine Amtsenthebung gab. Kurz vor dem 3. November warfen wichtige demokratische Kongreßabgeordnete, darunter auch Charles Rangel aus New York, dem Demokratischen Nationalkomitee öffentlich vor, es halte Kampagnengelder zurück, und dem Weißen Haus, es habe die Wahlen praktisch aufgegeben.

Nur 36 Prozent der stimmberechtigten Amerikaner gingen zur Wahl, das ist die niedrigste Beteiligung seit 1942. Diese massenhafte Enthaltung ist ein Maßstab für die außerordentlich schmale Basis beider kapitalistischer Parteien.

Mit kosmetischen Maßnahmen kann diese Krise des politischen Systems nicht gelöst werden. Die Mediengrößen, die gestern noch vor der angeblichen Macht Gingrichs und der Republikanischen Rechten in die Knie gingen, stellen sich heute hinter sogenannte gemäßigte Politiker wie George W. Bush, seinen Bruder Jeb und andere republikanische Gouverneure, darunter auch George Pataki aus New York. Sie erwähnen aber nicht, daß das soziale Programm dieser sogenannten Gemäßigten sich vor zwei Jahrzehnten noch auf der äußersten Rechten der Republikaner gefunden hätte. Dennoch werden sie heute von der extrem rechten christlichen Koalition in der GOP als zu liberal betrachtet. Es ist zu erwarten, daß der politische Krieg zwischen diesen verschiedenen Strömungen innerhalb der Republikaner an Schärfe zunehmen wird.

Der Kurs der Demokraten

Die offenkundige Schwäche der Republikaner kann die Krise der Demokraten nur verschärfen. Sie haben genau so wenig ein glaubwürdiges Programm zur Befriedigung der sozialen Bedürfnisse der Bevölkerung - sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze, Gesundheitsversorgung, Renten, Bildung und Wohnungen - wie die Republikaner.

Aufgrund der Legende einer rechten republikanischen Übermacht haben die Demokraten ihre eigene Rechtswendung vollzogen. So werden denn die Erwartungen der wenigen Arbeiter, Gewerkschafter und anderen Menschen, die vorige Woche zur Wahl gingen, um den Republikanern eins auszuwischen, schnell und gründlich enttäuscht werden. Der amerikanische Kapitalismus kann und wird keine Rückkehr zu irgend einem Sozialreformismus zulassen.

Die Demokratische Partei wird weiter nach rechts rücken und versuchen, das politische System mittels einer de facto Koalition mit den "moderaten" Republikanern zu stabilisieren. Die allgemeine Richtung ist in den zwei wichtigsten Schritten ausgedrückt, die Clinton seit der Wahl unternommen hat: Er kündigte einen Zweiparteien-Gipfel über die "Reform" der Sozialversicherung an, und er drohte erneut mit Militärschlägen gegen den Irak.

Die Gefühle und Hoffnungen der arbeitenden Bevölkerung können in bürgerlichen Wahlen höchstens einen gedämpften und verzerrten Ausdruck finden. Dies gilt ganz besonders für die Vereinigten Staaten, wo das politische Monopol zweier kapitalistischer Parteien, die sich auf eine korrupte Presse stützen, dazu führt, daß die Arbeiterklasse faktisch kein Wahlrecht hat.

Dennoch bringt die Wahl 1998, wenn auch in begrenzter Form, eine wichtige Wende in den politischen Gefühlen breiter Bevölkerungsschichten zum Ausdruck. Diese Wende ist noch im Keimstadium. Sie nimmt die Form einer allgemeinen Ablehnung des politischen Establishments an und bleibt verworren. Aber sie zeugt von wachsender Opposition gegen die Sozialpolitik der Bourgeoisie und von Unzufriedenheit mit der heiligsten aller heiligen Kühe Amerikas - dem kapitalistischen Markt.

Dies ist Teil eines internationalen Trends. In Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien mußten rechte Regierungen sozialdemokratischen weichen. In einigen dieser Länder, wie auch in Kanada, werden die traditionellen konservativen Parteien des Kapitals von Krisen erschüttert. Alle "linken" Regierungen in Europa machen im Wesentlichen die gleiche reaktionäre Politik wie ihre Vorgänger, und es zeichnen sich erste Konflikte mit der Arbeiterklasse ab, obwohl sie ihren Machtantritt zunächst einer allgemeinen Linkswende der breiten Massen der Bevölkerung verdanken.

In den USA wird die kommende Rezession den sozialen Widerstand der Massen intensivieren und die Krise des Zwei-Parteien-Systems verschärfen. Die Opposition der Arbeiter wird einen bewußteren Ausdruck finden und sich gegen das kapitalistische System wenden, das nur einer privilegierten Elite dient und die Bedürfnisse der großen Mehrheit ignoriert.

Es wird Arbeitern immer klarer werden, daß sie ihre eigene politische Partei aufbauen müssen, die die bürgerlichen Parteien und das Profitsystem bekämpft. Die Socialist Equality Party wird eine entscheidende Rolle beim Aufbau einer sozialistischen Massenbewegung der amerikanischen Arbeiterklasse spielen.