Fusion Karstadt–Kaufhof bedroht Tausende Arbeitsplätze

Von Marianne Arens
11. Juli 2018

Aus Karstadt, Karstadt-Sport und Kaufhof soll eine gemeinsame deutsche Warenhaus AG entstehen. Das geht aus Plänen hervor, über welche Reuters, Wirtschaftswoche, dpa und Manager-Magazin berichten.

Demnach soll die Signa Group des Multimilliardärs und bisherigen Karstadt-Eigentümers René Benko 51 Prozent des operativen Kaufhof-Geschäfts übernehmen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi arbeitet bei Karstadt schon seit Jahren eng mit Benko zusammen. Sie hat eine solche Fusion schon vor drei Jahren befürwortet.

Am Montag, den 9.Juli, haben Benkos Signa Group und die Hudson’s Bay Company (HBC), Eigentümerin von Kaufhof, die Absicht zur Fusion in einer Erklärung unterzeichnet. Der Zusammenschluss betrifft über 33.000 Beschäftigte in 178 Filialen und Sporthäusern und soll noch vor Ende Juli abgeschlossen werden.

Für die Beschäftigten wird diese Fusion dramatische Folgen haben. So sollen Verwaltung und Einkauf beider Ketten zusammengelegt und 15 Filialen geschlossen werden. „Die Kunden müssen sich auf drastische Einschnitte einstellen, die Mitarbeiter sowieso“, heißt es in einem lakonischen Kommentar der Offenbach Post.

Die operative Leitung wird der bisherige Karstadt-Chef Stephan Fanderl übernehmen. Dieser hat sich schon bisher bei Karstadt einen Namen als brutaler Sanierer gemacht. Im Einvernehmen mit Verdi hat Fanderl seit 2015 einen so genannten „Sanierungs-Tarifvertrag“ durchgesetzt, dem zufolge die Mitarbeiter auf Tariflöhne und Zulagen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten müssen. Wenn die Fusion zustande kommt, soll für die Belegschaften beider Ketten ein neuer „Sanierungs-Tarifvertrag“ aufgelegt oder der Karstadt-Haustarifvertrag auch auf Kaufhof ausgedehnt werden, wie die Wirtschaftswoche berichtet. Beide Varianten bedeuten für die Kaufhof-Mitarbeiter, für die bisher noch Tariflöhne gelten, enorme Einbußen.

Hinzu kommt der drohende Stellenplatzabbau durch Synergien, Filialschließungen und Personalverringerung. Oft stehen Kaufhäuser beider Unternehmen in der City nahe beieinander, wie zum Beispiel in Hamburg oder Frankfurt. Gleichzeitig drängen Finanzexperten darauf, dass mehr als die vorgesehenen 15 Filialen geschlossen werden. Sie verweisen auf die großen Verkaufsflächen, die zu wenig Profit für die Investoren erbringen.

Die Warenhäuser haben mit sinkenden Umsätze und roten Zahlen zu kämpfen, während gleichzeitig die Immobilienpreise steigen und die Börsengewinne explodieren. So veranschaulicht der Niedergang der Kaufhausketten den Bankrott des Profitsystems. Vor 150 Jahren sind die Kaufhäuser als Symbole der aufsteigenden kapitalistischen Warengesellschaft entstanden, und noch bis Ende der 1990er Jahre prägten sie die Architektur der Innenstädte. Heute stehen immer mehr dieser Kaufpaläste leer. Die globale Finanzkrise und der Vormarsch von Internet-Händlern wie Amazon und Zalambo haben dafür gesorgt, dass Namen wie Wertheim, Horten, Hertie oder Wohlworth aus der Kaufhauslandschaft verschwunden sind.

Wie die WSWS immer wieder betont, können Löhne und Arbeitsplätze nur auf der Grundlage eines sozialistischen Programms verteidigt werden, indem die Arbeiter die großen Banken und Konzerne enteignen und das Wirtschaftsleben nach gesellschaftlichen Bedürfnissen neu organisieren. Nur so ist es möglich den Profitanspruch der Aktionäre und Spekulanten zu durchbrechen, die heute alle Bereiche der Wirtschaft und des Handels dominieren.

Dies ist jedoch nicht möglich, solange der Widerstand der Verkäuferinnen und Verkäufer noch den Entscheidungen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und ihren Betriebsräten untergeordnet wird. Im Monopoly der Finanz- und Immobilien-Spekulanten haben die Verdi-Betriebsräte von Karstadt und Kaufhof in den letzten Jahren eine wichtige Rolle gespielt und spielen sie noch heute. Die Gewerkschafter sitzen in allen Aufsichtsräten und arbeiten bei der Durchsetzung der Fusionen und Sparprogramme mit der jeweiligen Geschäftsleitung eng zusammen. Sie kennen und anerkennen die Interessen und Bedürfnisse der Aktionäre oft besser als die wechselnden Manager.

Sie arbeiten oft selbst die Kürzungen und Sparprogramme aus, beraten die Unternehmensvorstände darüber, wie der Sozialabbau am besten durchgesetzt werden kann, während ihre Aktivisten-Truppe mit Megaphon und Trillerpfeifen ein paar hohle Protestaktionen organisiert, die nur dazu dienen, jeden ernsthaften Widerstand und Klassenkampf zu unterdrücken.

Als vor fast zehn Jahren die Finanzgesellschaft Arcandor die damalige Kette KarstadtQuelle mit noch 28.000 Beschäftigten in die Pleite führte, saß die zweite Verdi-Vorsitzende Margret Mönig-Raane im Aufsichtsrat von Arcandor und arbeitete mit dem Arcandor-Chef und Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff zusammen.

Durch die KarstadtQuelle-Insolvenz verloren Tausende Verkäuferinnen und Verkäufer ihre Stelle (und heute hat Karstadt noch etwa 16.000 Mitarbeiter). Middelhoff wurde erst 2014, fünf Jahre nach der Insolvenz, wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt. Er trat die Strafe ab Mai 2016 im offenen Vollzug an und wurde schon im November 2017, nach anderthalb Jahren, vorzeitig entlassen.

Doch Verdi war keineswegs durch Schaden klug geworden. Nach Middelhoff begrüßte die Gewerkschaft 2010 Nicolas Berggruen als neuen Retter von Karstadt und handelte als Willkommensgeschenk einen über drei Jahre währenden Gehaltsverzicht aus, der dem Management 150 Millionen Euro einbrachte.

Während Karstadt Jahr für Jahr weiter Verluste machte, kassierte Berggruen bezeichnenderweise 7,5 Millionen Euro jährlich allein aus den Karstadt-Namensrechten, die er für eine Einmalzahlung von fünf Millionen erworben hatte. 2014 verkaufte Berggruen die Karstadt-Kette für einen symbolischen Euro an René Benko von Signa weiter. Die Verdi-Gewerkschafter und Betriebsräte feierten auch Benko als „weißen Ritter“, der die klamme Warenhaus-Kette endlich vor der Pleite retten und in eine angeblich blühende Zukunft führen werde.

Auch bei Kaufhof blickt Verdi auf eine ähnliche Entwicklung zurück. Genau vor drei Jahren, im Juni 2015, wurde Galeria Kaufhof von der Besitzerin Metro an den kanadischen Milliardär Richard Baker, Inhaber der Hudson’s Bay Company (HBC) verkauft. Damals wurde vereinbart, dass sich HBC bis 2020 verpflichten würde, die Tariflöhne beizubehalten. Dennoch verhandelt Verdi schon seit neun Monaten, seit November 2017, mit dem Management über die Einführung eines Sanierungs-Tarifvertrags.

Nach der Übernahme erhöhte HBC als erstes die Mieten für die Kaufhof-Filialen und steigerte so den Wert der Immobilien. Ein Teil wurde sofort verkauft, der Rest in eine eigene Firma, die HBS Global Properties, eingebracht. Seither muss Kaufhof jährlich 40 Millionen Euro allein an Miete an HBC bezahlen. Dies hat zu den Verlusten beigetragen, die als Grund für die aktuelle Fusion angegeben werden.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wird auch die jetzige Fusion wohlwollend begleiten. Dies obwohl bekannt ist, dass es dem Hauptprofiteur René Benko vor allem um die Immobilien in Toplage geht. Der Milliardär Benko ist als Immobilienspekulant berüchtigt und ist in Österreich wegen Schmiergeldzahlungen schon vorbestraft. Stefanie Nutzenberger, die heute im Verdi-Bundesvorstand für die Kaufhäuser verantwortlich ist, trat schon 2015 für den Verkauf von Kaufhof an Benko ein. Nutzenberger, die auch schon bei der Schlecker-Pleite und dem Ausverkauf von Tengelmann eine Rolle spielte, sitzt zusammen mit Verdi-Handelssekretär Arno Peukes im Aufsichtsrat von Karstadt.

Heute tun diese Funktionäre so, als sei die aktuelle Fusion völlig überraschend vom Himmel gefallen. Noch auf der bundesweiten Karstadt-Betriebsrätekonferenz Mitte Juni sei von einer Fusion keine Rede gewesen, behaupteten Betriebsräte der Frankfurter Karstadt-Filiale gegenüber den Medien. Und Nutzenberger beklagte am 5. Juli in einer Mitteilung die „Verunsicherung der Belegschaften“, die durch „Gerüchte“ verursacht werde. Solange man keine Informationen habe, mache es „wenig Sinn, zu spekulieren, was das alles für Auswirkungen haben könnte“, behauptete auch der baden-württembergische Verdi-Landesfachbereichsleiter für den Handel, Bernhard Franke, gegenüber der dpa.

In Wirklichkeit ist die Idee einer deutschen Warenhaus AG keineswegs neu, und Karstadt versucht schon seit 2007, die Kaufhof-Kette zu übernehmen. In all diesen Jahren haben die Verdi-Betriebsräte und -Funktionäre durch ihre Zusammenarbeit bei Stellenabbau und Lohnverzicht zur Bereicherung der Milliardäre und hinter ihnen stehenden Aktionäre beigetragen. Gleichzeitig werden die Arbeitsplätze, Bedingungen und Errungenschaften für das Verkaufspersonal systematisch zerstört.

Aus diesem Grund muss der erste Schritt im Kampf der entschiedene Bruch mit Verdi und ihren Betriebsräten sein. Darin sind die Beschäftigten von Karstadt und Kaufhof in der gleichen Lage wie tausende Arbeiter von Siemens, ThyssenKrupp, Opel und in vielen andern Betrieben. Um einen gemeinsamen Kampf zu ermöglichen, müssen Verkäuferinnen und Verkäufer von Karstadt und Kaufhof sich deshalb in Arbeiterkomitees zusammenschließen, die von Verdi und allen DGB-Gewerkschaften unabhängig sind. Das ist die Perspektive der Sozialistischen Gleichheitspartei und der World Socialist Web Site.

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