Französische Künstlerinnen widersetzen sich #MeToo-Hexenjagd

Von Linda Tenenbaum
13. Januar 2018

Nur einen Tag nachdem die #MeToo-Kampagne die Golden-Globe-Verleihung in Los Angeles mit Unterstützung der Hollywood-Prominenz im Publikum und der etablierten Medien dominiert hatte, erhielt die Hexenjagd um Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens einen schweren Rückschlag.

Am 9. Januar erschien in der französischen Tageszeitung Le Monde ein Kommentar mit dem Titel „Wir verteidigen die Freiheit, Menschen Unbehagen zu verursachen, die für sexuelle Freiheit unerlässlich ist“. Einhundert französische Schauspielerinnen, Intellektuelle und andere Prominente wenden sich darin entschieden gegen die #MeToo-Bewegung und ihre antidemokratische Vorgehensweise, mit der versucht wird, ihre männlichen Opfer einzuschüchtern, zum Schweigen zu bringen und ihre Karrieren zu zerstören.

Zu den Unterzeichnerinnen der Erklärung gehören die bekannte französische Schauspielerin Catherine Deneuve, die deutsche Schauspielerin Ingrid Caven, die Kunstkritikerin und Schriftstellerin Catherine Millet, die Autorin und Journalistin Abnousse Shalmani sowie zahlreiche bildende Künstlerinnen, Bühnen- und Filmschauspielerinnen und Schriftstellerinnen.

Ihre Erklärung folgt unmittelbar auf eine Kolumne der amerikanischen Kritikerin und Romanschriftstellerin Daphne Merkin in der NewYork Times, einer der wichtigsten Plattformen der #MeToo-Hexenjagd. Merkin äußerte deutliche Vorbehalte gegen die Kampagne. Die NYT gestand zu, dass es selbst in ihrer Zielgruppe, wozu die Leserschaft der Times gehört, zahlreiche Gegner der Kampagne gibt.

Der französische Kommentar stellt dem Verbrechen „Vergewaltigung” „hartnäckiges oder plumpes Anmachen“ gegenüber und betont zurecht, dass das schlicht nicht das Gleiche ist. Er greift #MeToo dafür an, diejenigen als „Verräter“ und „Komplizen“ zu brandmarken, die diesen Unterschied machen, und so ein Klima der Einschüchterung zu schaffen, in welchem die Meinungsfreiheit „heute in ihr Gegenteil verkehrt wird“.

Bedeutsam an dem Kommentar ist zudem, dass er auf den zutiefst undemokratischen Charakter der #MeToo-Bewegung hinweist sowie auf ihre Missachtung rechtsstaatlicher Methoden.

Die Kampagne hat in der Presse und in den sozialen Medien zu „öffentlichem Denunziantentum geführt. Es wurden Beschuldigungen gegen Menschen erhoben, deren Recht sich zu verteidigen missachtet wurde, und die behandelt wurden wie sexuelle Gewalttäter. Diese standrechtlichen Verfahren haben bereits Opfer gefordert. Männer wurden ihrer beruflichen Existenz beraubt, mussten zurücktreten usw. nur weil sie einmal ein Knie berührt, einen ungewünschten Kuss gegeben oder bei einem beruflichen Essen über ‚intime Dinge’ gesprochen hatten, oder einer Frau eine Botschaft mit sexueller Anspielung zukommen ließen, obwohl kein gegenseitiges Interesse bestand.“

Keineswegs wird so die Unabhängigkeit von Frauen befördert. Vielmehr dient die Hexenjagd „dem Interesse der übelsten Feinde der sexuellen Freiheit, religiösen Extremisten und Erzrektionären …“ Ihre Opfer wurden gezwungen „öffentlich zu Kreuze zu kriechen, die verborgensten Winkel ihres Gewissens nach ‚unangemessenem Verhalten‘ in den letzten zehn, zwanzig oder dreißig Jahren auszuleuchten und Reue zu bekennen. Öffentliche Geständnisse, das Eindringen selbsternannter Ermittler ins Private – all das führt zu einem Klima wie in einer totalitären Gesellschaft.“

Der Vergleich zwischen dem Verhalten der #MeToo-Bewegung und dem Handeln repressiver Regimes ist besonders treffend. Und die Folgen sind katastrophal: Zensur der Künste, Unterdrückung der Opposition gegen den Status quo sowie enormer Schaden an den sexuellen Beziehungen zwischen Frauen und Männern.

„Die reinigende Welle scheint keine Grenzen zu kennen“, schreiben die Autorinnen. Sie beziehen sich auf die aktuelle Zensur offen sexueller Kunstwerke. Zu diesen gehören ein Aktgemälde von Egon Schiele, ein Gemälde von Balthus, die Forderung, eine Retrospektive Roman Polanskis zu verbieten und eine andere über den Regisseur Jean-Claude Brisseau zu verschieben sowie Angriffe auf den Film Blow Up von Michelangelo Antonioni. Außerdem werden Drehbuchautoren angewiesen, ihre Werke umzuschreiben, um den Forderungen von #MeToo zu entsprechen.

Den Höhepunkt der Absurdität in dieser Kampagne erklimmt ein „schwedischer Gesetzentwurf, […] der vor jedem Geschlechtsakt eine explizite schriftliche Einverständniserklärung von den Beteiligten verlangt.“

Wohin wird das führen?

„Es fehlt nicht mehr viel, und zwei Erwachsene, die miteinander schlafen wollen, müssen erst einmal mit einer App auf ihrem Telefon eine Notiz anlegen, in der die von ihnen akzeptierten und abgelehnten sexuellen Praktiken minutiös aufgezählt werden.“

Mutig verteidigt das Dokument „die Freiheit zu provozieren als unverzichtbar für künstlerisches Schaffen“ und „die Freiheit, lästig zu sein als unverzichtbar für sexuelle Freiheit.“ Die Unterzeichnerinnen erklären, sie seien „erfahren und weitsichtig genug, um zu erkennen, ob sie nur plump angeflirtet oder sexuell gewaltsam bedrängt werden“.

Die Autorinnen machen deutlich, dass sie „diese Art von Feminismus ablehnen, der […] die Form von Hass auf Männer und Sexualität annimmt. Wir glauben, dass der Freiheit, Nein zu sexuellen Avancen zu sagen, die Freiheit entspricht, aufdringlich zu sein. Und wir glauben, dass man es verstehen sollte, auf diese Freiheit, aufdringlich zu sein, anders zu reagieren, als sich in der Rolle des Opfers zu verstecken.“

Zudem betonen sie, dass Menschen nicht unveränderlich sind. „Eine Frau kann Leiterin eines Unternehmens oder einer Organisation sein und zugleich Gefallen daran finden, das sexuelle Objekt eines Mannes zu sein, ohne damit eine ‚Hure‘ oder schmutzige Komplizin des Patriarchats zu werden. Sie kann sicherstellen, dass ihr Gehalt genauso hoch ist wie das von Männern, ohne sich den Rest ihres Lebens traumatisiert zu fühlen, weil sie in der U-Bahn begrapscht worden ist, selbst wenn Grapschen als Straftat gilt. Sie kann dies als den Ausdruck großer sexueller Armseligkeit ansehen, oder einfach darüber hinwegschauen.“

Die Entscheidung der Autorinnen des offenen Briefes und seiner Unterzeichnerinnen, #MeToo und ähnlichen reaktionären Kampagnen entgegenzutreten, ist eine mutige politische Tat. Wie zu erwarten, wurde diese von #MeToo-Protagonisten angeprangert. Die italienische Schauspielerin Asia Argento schrieb am Dienstag auf Twitter: „Deneuve und andere Frauen sagen der Welt wie der von ihnen verinnerlichte Frauenhass zu einer unumkehrbaren Gefühlsunfähigkeit führte.“

Die Stellungnahme aus Frankreich erhielt indessen auch Lob und wurde in den sozialen Medien vielfach geteilt.

Leserkommentare bei Disqus im Unterhaltungsjournal Variety begrüßen den offenen Brief der Frauen. Ein Kommentar von Ashley M lautet: „Ich bin Catherine Deneuve und den großartigen französischen Schauspielerinnen, Autorinnen, Doktorinnen sowie den anderen Frauen und Männern verschiedener Berufe, die den Brief unterzeichnet haben, so dankbar. Wir erlauben den Medien, sich zum Diktator der westlichen Welt aufzuschwingen. Einige dieser Ankläger scheinen ganz versessen darauf zu sein, eine Kluft zwischen Männern und Frauen zu schaffen, als ob sie die Frauen das ‚Fürchten‘ vor den Männern lehren wollten. Das ist höchst erniedrigend für Frauen.“

Ein anderer Kommentator schreibt: „Dieser ganze #MeToo-BS [Bullshit] verströmt den Gestank wohlhabender, versnobter Frauen, die zu hasserfüllten direkten und indirekten Angriffen auf schuldige wie unschuldige Männer auf allen Ebenen aufstacheln […]. Wenn man sich eine Preisverleihung der Golden Globes (nur nebenbei bemerkt) anschauen will, und die verdammte Show dann mehr von einer politischen Schaubühne hat als von einer wirklichen Ehrung des Filmhandwerks, dann gibt es da ein größeres Problem, das angesprochen und behoben werden muss […]. Ich hoffe sehr, dass die Oscar-Verleihung nicht auch zu so einer ausgeflippten Propagandashow wird wie die Verleihung der Golden Globes!“

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