Proteste gegen „abscheuliche“ Behandlung der Grenfell-Überlebenden

Von Paul Mitchell
22. Juli 2017

Hunderte Demonstranten forderten am Mittwochabend vor dem Rathaus von Kensington Gerechtigkeit für die Opfer des Brandes im Grenfell Tower. Unter den Demonstranten befanden sich auch Überlebende. Im Rathaus hielten die Stadträte der Bezirke Kensington und Chelsea ihre erste Plenarsitzung seit dem Inferno vom 14. Juni ab.

Die Demonstranten brachten selbstgemachte Transparente mit, auf denen unter anderem zu lesen war: „Gerechtigkeit für Grenfell – Wir fordern die Wahrheit“. In Anspielung auf den Stadtrat, der von den Konservativen geführt wird, stand auf einem großen Plakat: „Die königlichen Mörder von Kensington und Chelsea“. (Das Gebiet ist ein sogenannter „royal borough“, etwa: königlicher Stadtbezirk.)

Innerhalb und außerhalb des Rathauses gab es ein massives Aufgebot an Polizisten und Sicherheitsleuten. Deren Präsenz war Teil der Bemühungen der Ratsvertreter, möglichst vielen Menschen den Zugang zum Rathaus zu blockieren und sie daran zu hindern, die Sitzung zu verfolgen.

Im letzten Monat hatte der damalige konservative Vorsitzende des Stadtrats, Nicholas Paget-Brown, versucht, Überlebende, Anwohner und Medienvertreter daran zu hindern, an der ersten Ratssitzung seit dem Brand teilzunehmen. Paget-Brown war der Überzeugung, es werde „wahrscheinlich Chaos zur Folge haben“, wenn man der Öffentlichkeit den Zutritt erlauben würde. Er beendete das Treffen innerhalb von Minuten.

Einige der Demonstranten vor dem Rathaus von Kensington und Chelsea

Am Mittwochabend wurde dann erneut versucht, die wachsende Feindschaft gegenüber dem Stadtrat und der Polizei, die weiterhin nur häppchenweise über ihre „Strafermittlungen“ informiert, zum Schweigen zu bringen. Der Versuch traf auf den Widerstand der Demonstranten, die forderten, dass mehr Überlebende ins Gebäude gelassen werden.

Die Zuschauertribüne war mit 70 Überlebenden eng besetzt. Ein zusätzlicher Saal wurde für weitere 150 Menschen aus der Gemeinde zur Verfügung gestellt, die von einer „abscheulichen“ Behandlung der „vergessenen“ Überlebenden des Brandes sprachen.

Auf dem Treffen wurde Elizabeth Campbell, nach dem Rücktritt von Paget-Brown im letzten Monat, offiziell zur Vorsitzenden des Stadtrats gewählt. Von der Zuschauerbühne hörte man Rufe wie „Mörder“, „Schämt euch“ und „Tretet zurück“, als die Stadträte Campbells Wahl mit Handzeichen zustimmten. Einer der Überlebenden, Mahad Egal, beschrieb die unmenschliche Behandlung der Überlebenden seit dem Brand und erklärte gegenüber Campbell: „Ihr habt die Toten im Stich gelassen. Jetzt holt ihr auch noch die Lebenden ... Treten Sie zurück und legen Sie Ihr Amt nieder.“

Campbell war kaum zu hören und sie musste mehrmals unterbrechen als sie erklärte: „Wir treffen uns in einer Zeit von unvorstellbarer Trauer und Leid. Der Grenfell-Brand ist die größte zivile Katastrophe in diesem Land seit einer Generation ... Es tut mir aufrichtig leid, dass wir nicht mehr getan haben, um euch zu helfen, als ihr es am meisten gebraucht habt.“

Das sind nichts als Krokodilstränen. Während ihrer Amtszeit als Kabinettsmitglied für Familien- und Kinderbetreuung (von Mai 2013 bis Mai 2017) war Campbell dafür verantwortlich, dass der Etat ihrer Abteilung um ein Drittel gekürzt wurde. Dazu gehörten radikale Einsparungen bei den außerschulischen und den Ferien-Betreuungen für die hilfsbedürftigsten Kinder.

Nach den verheerenden Kürzungen, darunter die Auslagerung des Schultransports im Jahr 2014, benutzte sie dieselben unaufrichtigen und vorformulierten Worte. Sie erklärte damals: „Es ist erschütternd, dass so viele Grund zur Beschwerde hatten. Wir bemühen uns sehr, das erwartete Niveau zu erreichen. Nichts darunter ist akzeptabel.“ Sie fügte hinzu: „Ich möchte mich bei denjenigen entschuldigen, die unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen und betroffen sind, und ich hoffe, dass sie anerkennen werden, dass unsere Absichten ehrenwert sind.“

Angesichts der Wut und der Empörung der Anwohner auf der Ratssitzung warf sich der Oppositionsführer von der Labour Party, Robert Atkinson, in eine linke Pose. Er wiederholte die Forderung, Bevollmächtigte sollten die Führung des Stadtrats übernehmen. Die Labour-Abgeordnete für Kensington, Emma Dent Coad, brandmarkte die Führung des Stadtrats als „nicht geeignet für diesen Zweck“.

Mehrere Anträge der Ratsmitglieder standen noch auf der Tagesordnung, darunter eine Petition von 1.500 Personen, die den Rücktritt der gesamten Führung des Stadtrats von Kensington and Chelsea forderte.

Wo Labour-Stadträte jedoch an der Macht sind, wurden Sparprogramme und Kostensenkungen genauso schonungslos durchgesetzt wie bei den Tories. Darüber hinaus steht Labour voll und ganz hinter der betrügerischen öffentlichen Untersuchung von Premierministerin Theresa May. Diese Untersuchung dient der Verschleierung. Sie soll es den Verantwortlichen in den herrschenden Kreisen ermöglichen, der Strafverfolgung zu entgehen.

Hinter Campbells verzweifeltem Versuch, die Öffentlichkeit zu beruhigen, wird die Verachtung des Stadtrats gegenüber den Überlebenden von Grenfell und den Anwohnern durch die Tatsache verdeutlicht, dass nur ein Fünftel der Überlebenden vorübergehend in anderen Wohnungen untergebracht wurde. Obwohl Campbell bereits zugegeben hat, dass der Stadtrat, der in einer der reichsten Gegenden Londons residiert, über eine Rücklage von 274 Millionen Pfund verfügt, erklärte sie, dass in den nächsten fünf Jahren nur 400 Sozialwohnungen im Bezirk gekauft oder gebaut werden. Das entspricht einer Zahl von 80 Wohnungen pro Jahr.

Campbell und die übrigen Stadträte der Tories weigerten sich zurückzutreten und traten unter Bedingungen einer lokalen und nationalen Krise einen ausgedehnten Sommerurlaub an. Die nächste Plenarsitzung des Stadtrats soll erst am 25. Oktober stattfinden.

Einigen Überlebenden und anderen Anwohnern wurde erlaubt, zur Ratsversammlung zu sprechen.

Eine Iranerin hielt den Schlüssel zu ihrer Wohnung im zehnten Stock des Grenfell Tower hoch und erklärte: „Ich bin hier, um die zu vertreten, die unschuldig gestorben sind. Sie sind jetzt Staub – ihre Körper sind Staub. Und die Überlebenden, die innerlich brennen ... niemand hört sie, keiner hört ihnen zu.“

„Sie [die Ratsmitglieder] sagen, sie verstehen uns, die Wahrheit ist jedoch, sie verstehen uns nicht. Jedes Mal, wenn ich diesen Schlüssel ansehe, frage ich mich, was ist der Unterschied zwischen uns Menschen? Warum beurteilt ihr die Menschen nach dem, was sie haben – nach ihrem Reichtum? Warum kümmert ihr euch nicht um die Menschen genau hier?“

Eine Frau sagte, ihre Nichte sei bei dem Brand gestorben, und erklärte, dass die Angehörigen ihrer Familie nicht in der Lage seien, in der Öffentlichkeit zu sprechen, weil „ihr Schmerz zu groß ist“. Die Stadträte sollten sich angesichts ihrer „völlig unangemessenen“ Reaktion schämen.

Sie wurde von mehreren Bewohnern des Grenfell Tower unterstützt, die von der grauenvollen Behandlung berichteten, die sie seit dem Brand erlebt haben. Einer sagte, ihm sei ein Hotelzimmer mit nur einem Doppelbett für ihn, seine Frau und seine drei Kinder zugewiesen worden. Die Behörden „haben mich vergessen“, erklärte er. „Wisst ihr, wer etwas für uns getan hat? Die Bewohner von North Kensington. Unsere Gemeinde. Unsere Nachbarn.“

Ein anderer sagte, die Art und Weise, wie die Familien der Brandopfer behandelt worden seien, sei „abscheulich“ und erklärte weiter: „Wir sind unter den Teppich gekehrt worden.“

Ein Mann erklärte, die Familien der Verstorbenen „werden wie Vieh behandelt“.

Die anhaltende Traumatisierung der lokalen Bevölkerung wurde deutlich, als die Versammlung abrupt beendet wurde, weil eine der Anwohnerinnen, die gerade zu Ende gesprochen hatte, zusammenbrach. Die Zeitung Evening Standard berichtete: „Eine Begleiterin erklärte, sie sei seit dem Brand schon mehrmals zusammengebrochen.“