Irakische Quellen:

Belagerung von Mossul forderte 40.000 Todesopfer

Von Bill Van Auken
22. Juli 2017

Laut irakischen Geheimdienstberichten wurden während des Massakers in Mossul unter Führung der USA deutlich mehr Zivilisten getötet als bisher gemeldet wurde.

Der erfahrene Nahostkorrespondent der britischen Tageszeitung The Independent, Patrick Cockburn, veröffentlichte am Donnerstag einen Bericht, laut dem während der zermürbenden neunmonatige Belagerung der zweitgrößten Stadt des Irak mindestens 40.000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden.

Cockburn beruft sich auf den ehemaligen Finanz- und Außenminister der irakischen Regierung Hoshyar Zebari, einen irakischen Kurden mit engen Beziehungen zur Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Dieser hatte die Zahlen vom kurdischen Geheimdienst erhalten.

Er schrieb: „Die Angabe, die Zebari über die Zahl der zivilen Todesopfer bei der neunmonatigen Belagerung erhalten hat, ist deutlich höher als die bisher gemeldete. Der Geheimdienst der Autonomen Region Kurdistan ist allerdings als peinlich genau und sehr gut informiert bekannt.“

Die schiere Ausmaß des Blutbads macht die Belagerung von Mossul zu einem der größten Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg. Als der Islamische Staat (IS) die Stadt im Juni 2014 eroberte, lebten dort etwa zwei Millionen Menschen. Als die Belagerung begann, waren noch mindestens 1,2 Millionen Zivilisten in Mossul gefangen. Sie wurden Opfer schrecklicher Gewalt.

Zuvor hatte die britische Beobachtergruppe Airwars eine Schätzung veröffentlicht, laut der zwischen dem 19. Februar und dem 19. Juni 5.805 Zivilisten durch Luftangriffe der amerikanischen „Koalition“ getötet wurden. Diejenigen, die in den vier Monaten zuvor getötet wurden, waren in dieser Angabe nicht enthalten; ebenso die Opfer der intensiven Luftangriffe der letzten drei Wochen, die die Altstadt im westlichen Teil Mossuls in Schutt und Asche gelegt haben.

Zebari erklärte in seinem Interview mit Cockburn, der unerbittliche Artilleriebeschuss auf West-Mossul durch die militarisierte Bundespolizei der Regierung trage eine wesentliche Mitverantwortung für das Massaker. Dabei kamen Waffen zum Einsatz, die ungenau und höchstens zur Zerstörung ganzer Stadtviertel geeignet sind, nicht aber zum Beschuss einzelner Kämpfer des IS.

Amnesty International veröffentlichte Anfang des Monats einen Bericht mit dem Titel „Um jeden Preis: Die zivile Katastrophe in West-Mossul“ wies auch auf die verheerenden Folgen dieser Artilerieangriffe hin, die das Fehlen von ausreichend ausgebildeten irakischen Truppen im Kampf in den überfüllten Straßen und Gassen der Altstadt von Mossul ausgleichen sollten.

Amnesty beklagte: „Regierungsnahe Truppen haben im großen Stil Explosionswaffen mit Flächenwirkung wie IRAM (improvisierte raketengestützte Munition) eingesetzt. Diese Waffen haben mit ihren primitiven Zielvorrichtungen großen Schaden im dicht besiedelten Westen von Mossul angerichtet, wo große Gruppen von Zivilisten in Häusern oder improvisierten Unterkünften gefangen waren. Selbst bei Angriffen, die ihr beabsichtigtes Ziel scheinbar getroffen haben, führten der Einsatz ungeeigneter Waffen oder fehlende Sicherheitsvorkehrungen zu unnötigen zivilen Todesopfern.“

Der Bericht beschrieb die Artillerie- und Raketenwerfer, die von den irakischen Truppen in enger Zusammenarbeit mit den „Beratern“ aus den amerikanischen Spezialeinheiten zum Einsatz kamen, als „unterschiedslose Waffen,“ die „niemals in der Nähe von Zivilisten eingesetzt werden dürfen.“

Die irakische Regierung selbst hat unwillentlich einen Eindruck vom Ausmaß des Blutbads geliefert. Seit der offiziellen „Befreiung“ Mossuls am 10. Juli haben irakische Regierungsvertreter eine Stellungnahme veröffentlicht, laut der sie „16.467 Terroristen liquidiert haben.“ Als die Belagerung begann, befanden sich laut Schätzungen der amerikanischen Befehlshaber zwischen drei- und fünftausend IS-Kämpfer in der Stadt. Die offensichtliche Erklärung für diese Diskrepanz lautet, dass alle bewaffneten und zivilen Iraker, die in der Stadt getötet wurden, als IS-Mitglieder eingestuft wurden.

Trotz der Jubelmeldungen der Regierung von Bagdad über die „Befreiung“ von Mossul und den Sieg über den IS kommt es in der Stadt noch immer zu Kämpfen, und Guerillagruppen verüben tödliche Anschläge auf irakische Regierungstruppen.

Gleichzeitig deuteten mehrere Berichte darauf hin, dass die Regierungstruppen und mit ihr verbündete Milizen brutale Vergeltungsaktionen gegen die Überlebende Bevölkerung von Mossul verübt haben, u.a. Massenhinrichtungen und Folter.

Am Mittwoch berichtete Human Rights Watch, internationale Beobachter hätten westlich von Mossul eine „Hinrichtungsstätte“ entdeckt. Laut Aussagen dieser Beobachter fanden sie in einem leeren Gebäude „eine Reihe von siebzehn männlichen Leichen. Sie waren barfuß, trugen aber zivile Kleidung, um sie herum befanden sich Blutlachen. Sie erklärten, vielen seien die Augen verbunden und die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden worden.“ Die Menschenrechtsorganisation sprach von mehreren ähnlichen Vorfällen und „unablässigen Berichten, Videos und Fotos von rechtswidrigen Hinrichtungen und Misshandlungen durch irakische Soldaten.“

Der irakische Premierminister Haidar al-Abadi machte deutlich, dass seine Regierung nichts gegen diese Verbrechen unternehmen wird und bezeichnete sie als „individuelle Taten, die nicht weit verbreitet sind.“

Die amerikanischen Mainstreammedien haben die Berichte über hohe zivile Opferzahlen und die Kriegsverbrechen seit der Rückeroberung von Mossul fast völlig ausgeblendet. Die irakische Regierung selbst wollte Reportern den Zugang zur Stadt verwehren, um das Ausmaß des Massakers und die weiterhin andauernden Hinrichtungen zu verbergen.

Am Donnerstag veröffentlichte die New York Times einen heuchlerischen Leitartikel mit dem Titel „Einen Krieg gegen den Iran verhindern“, der eine gewisse Furcht vor der wachsenden Aggressivität ausdrückte, mit der die Trump-Regierung einen solchen Konflikt provoziert. Die Berichterstattung über die anhaltende humanitäre Katastrophe in Mossul stellte sie dafür weitgehend ein.

Das „Leitmedium“ schlägt vor: „Man sollte an die Zeit vor dem Irakkrieg 2003 denken, der wohl der größte strategische Fehler in der jüngeren Geschichte Amerikas war.“ Es kritisiert die Bush-Regierung für den Beginn eines Krieges zum Sturz des Regimes von Saddam Hussein „obwohl er nichts mit dem 11. September zu tun hatte und keine Atomwaffen besaß.“ Weiter heißt es: „Bush entschied sich für einen Präventivkrieg ohne eine solide Rechtfertigung oder Strategie. Ein solches Hineingleiten in den Krieg könnte erneut passieren.“

Bei dieser zynischen Darstellung vergisst die Times wohlweislich zu erwähnen, dass sie als Institution eine wichtige Rolle bei der Propagierung und Vorbereitung des Irakkriegs gespielt hat.

Ihre Chefkorrespondentin Judith Miller hatte eng mit Vertretern der Bush-Regierung zusammengearbeitet, um die gefälschten „Geheimdienstinformationen“ über nicht existente irakische „Massenvernichtungswaffen“ zu verbreiten und auszuschmücken. Der Chefkolumnist für Außenpolitik Thomas Friedman sprach sich in zahlreichen Kolumnen für einen, wie er zugab, „bewusst gewählten Krieg“ gegen den Irak aus und rechtfertigte diesen mit Phrasen über Demokratie, Menschenrechte und Öl.

Die Zeitung gab den restlichen Medien den Ton ihrer Propaganda vor und ermöglichte damit einen verbrecherischen Angriffskrieg, der mehr als eine Million Todesopfer forderte und in Mossul weiterhin Massenmorde nach sich zieht.

Noch erschreckender war eine Kolumne über Mossul mit dem Titel „Die Stadt ist das Schlachtfeld der Zukunft,“ die am Donnerstag im Wall Street Journal erschien. Daran hatte ein gewisser Major John Spencer, stellvertretender Direktor des Modern War Institute der US-Militärakademie in West Point, New York, mitgeschrieben.

Major Spencer argumentiert: „Die Schlacht um Mossul repräsentiert die Zukunft des Krieges... Amerikanische Kommandanten sollten sich Gedanken darüber machen, wie sie in einer ähnlichen Umgebung vorgehen würden.“

Da US-Kommandanten einen Großteil der Angriffe auf die Stadt geleitet haben, haben sie sich zumindest im Irak nicht einfach nur Gedanken gemacht.

Der Major betont im Einklang mit der Standard-Doktrin des Pentagon, dass die künftigen Kriege des US-Militärs in Städten geführt würden, die „eng, oft überbevölkert und voll mit Hindernissen: unübersichtlichen Wohnblocks, verborgenen Tunnels, panischen Zivilisten“ seien.

Seine Hauptsorge ist, dass das Pentagon seine Truppen momentan nicht systematisch im Häuserkampf ausbildet und dass der Begriff „Belagerung“ - die barbarische Strategie, die in Mossul angewandt wurde - in ihren Ausbildungshandbüchern nicht vorkommt.

Er betont, US-Truppen müssten dazu ausgerüstet werden, „in Großstädten mit neuer Ausrüstung, Formationen und Doktrinen“ zu operieren. Sein bescheidener Vorschlag zur Erfüllung dieses Bedürfnisses lautet: „In Großstädten wie Detroit und in den Außenbezirken von New York gibt es große verlassene Gebiete, die man leicht zu urbanen Ausbildungsorten umbauen kann.“

Mit anderen Worten, amerikanische Soldaten sollen im Häuser- und Belagerungskampf in amerikanischen Innenstädten ausgebildet werden. Der Vorschlag deutet darauf hin, dass der Major die Pentagon-Kommandanten in Wirklichkeit dazu drängt, sich einen Einsatz des Militärs zur Unterdrückung revolutionärer Erhebungen in den USA vorzustellen.